Start Hintergrund Reportage Blackbox Ski-Industrie: Was steckt im Ski – und wer dahinter?

Blackbox Ski-Industrie: Was steckt im Ski – und wer dahinter?

Sie sind der Schweizerin und des Schweizers liebstes Winter-Spielzeug: Um die 200’000 Paar Ski gehen hierzulande laut dem Verband Sportfachhandel Schweiz jährlich über die Ladentheke. Doch die Produktion der Bretter, die uns die Welt bedeuten, ist mit Umweltrisiken verbunden. Darüber spricht kaum jemand – bis jetzt.

Text von Tim Marklowski und Tanja Laube, Mountain Wilderness Schweiz.

Eine im April 2020 in der Marketing Review St. Gallen veröffentlichte Studie mit Daten von Mountain Wilderness Schweiz belegt, was einem das Gefühl bereits sagte: Während Nachhaltigkeit bei der Bekleidung ein Dauerthema ist, interessiert sich bei den Skis noch kaum jemand dafür. «Das muss sich ändern», meinen auch Branchenkennerinnen wie Pamela Ravasio, Expertin für Unternehmensverantwortung in der Outdoorbranche und ehemalige Leiterin Nachhaltigkeit der European Outdoor Group. Denn die Ski-Produktion ist energie- und ressourcenintensiv und bedient sich gefährlicher Chemikalien. Einige Marken haben das realisiert und messen Nachhaltigkeitsaspekten einen höheren Stellenwert bei. So scheint es zumindest, wenn man ihre Webseiten besucht. Mit schwammigen Aussagen geben wir uns aber nicht zufrieden. Wir wollten es genauer wissen: Wie steht es um die Nachhaltigkeit in der Ski-Produktion?

Nachgefragt bei Schweizer Lieblings-Skimarken

Unter Einbezug von Branchen-Expertinnen und -Experten haben wir einen Fragebogen zur Nachhaltigkeit in der Ski-Produktion erarbeitet und ihn an 21 für den Schweizer Markt relevante Skimarken geschickt. Das Ergebnis war ernüchternd: Auch nach mehrmaligem Nachfragen und angebotenen Fristver-längerungen hielt sich der Grossteil der Firmen bedeckt. Gerade einmal sechs der angefragten Marken (28,6 %) bewiesen Transparenz und zeigten den Willen, Zeit in das Thema Nachhaltigkeit zu stecken. Das motivierte uns erst recht zu recherchieren. Wir identifizierten die mass-gebenden Umweltbelastungen und verglichen – in Zusammenarbeit mit den Experten der ESU-services GmbH die Ökobilanz eines konventionellen Tourenskis mit der eines «Öko-Skis».

Varianten Ökobilanz

Energie-Mix in der Produktion ist entscheidend

Was die Ökobilanz besonders eindrücklich zeigt: Die grösste Hebelwirkung in Bezug auf die Umweltbelastung hat die Wahl des elektrischen Stroms bei der Herstellung der Skis. Obwohl beide Varianten gleich viel Strom verbrauchen, beträgt die Umweltbelastung bei der ökologischen Variante weniger als ein Zehntel (2’058 Umweltbelastungspunkte UBP) der konventionellen Variante (25’387 UBP). Insbesondere die Verwendung von ökologischem Strommix anstelle von Standart-Strommix führt zu einer Reduktion der Gesamt-Umwelt- belastung um 47% (23’262 UBP). Die Reduktion des Energiebedarfs und die Verwendung von Ökostrom sollte in der Skiherstellung also ein Muss sein.

In unserer Ökobilanz ist die durch den Transport und die Verpackung anfallende Umweltbelastung marginal im Vergleich mit dem Energie- und Materialaufwand. Dass die Belastung durch den Transport tief ist, liegt auch daran, dass innereuropäische Transporte mit dem LKW bilanziert wurden. Ein Transport mit Flugzeug schlüge sich anders nieder. Entsprechend fällt bei einem Transport eines Skis auf dem Luftweg von China oder den USA nach Europa stärker ins Gewicht.

«Recyclingfähigkeit» erst in Zukunft ein Umweltvorteil

Gemäss dem Bundesamt für Umwelt produziert jede Schweizerin und jeder Schweizer im Leben 60 Tonnen Siedlungsabfall. Davon sind 19 % Verbundwaren, zu denen auch Skis zählen. In unserer Studie wird bei der konventionellen Variante der Ski am Lebensende in einer Schweizer Kehrrichtverbrennungsanlage (KVA) verbrannt. Bei der ökologischen Variante wird er zum Recycling nach Barcelona gebracht, wo aktuell die einzige Anlage Europas für diesen Zweck steht. Der Transport und das mit konventionellem Strom betriebene Verfahren führen dazu, dass das Recycling zu einer höheren Umweltbelastung führt als das Verbrennen in der KVA. Hier müsste die ganze Branche zusammenarbeiten, um ein sinnvolles Recycling-System aufzubauen.

Das Netz der Ski-Industrie: Von Österreich bis Cayman Islands

Die Intransparenz der Ski-Industrie beginnt schon lange vor der eigentlichen Produktion. Überraschend ist oft auch, wer hinter den Marken steckt. So ist wohl den wenigsten Ski-Enthusiasten bekannt, dass die Marken Armada, Salomon und Atomic zum gleichen Konzern gehören, nämlich zur Amer Group. Diese wiederum gehört grösstenteils dem chinesischen Investorenkonsortium Mascot Bidco Oy mit Ablegern im Steuerparadies Cayman Island. Unwohl wird einem bei Black Diamond. Der hippe Hersteller von Tourenskis und Kletterausrüstung gehört zum selben Konzern (Clarus Corporation) wie der Munitionshersteller Sierra Bullets. Dieser produziert unter anderem Munition für Handfeuerwaffen, explizit für die Verteidigung der eigenen Familie. In den USA führte diese Tatsache bereits zu Boykottaufrufen aus Kreisen der Bergsport-Community, hierzulande weiss kaum jemand davon. Fliesst beim Kauf eines Black-Diamond-Skis ein Teil unseres Geldes in die Waffenindustrie?

Das kann jede und jeder tun

Es liegt in der Macht von uns allen, die Industrie zu beeinflussen und den eigenen Fussabdruck zu minimieren. Indem wir vor dem Kauf kritische Fragen stellen und uns informieren, leisten wir einen wichtigen Beitrag dazu. Zudem zählt nicht nur das Kaufverhalten, sondern die Ausübung des Bergsports ab Verlassen der eigenen Haustür: 100 Kilometer Autofahren für eine Skitour verursacht ungefähr gleichviele Umweltbelastungspunkte wie die Herstellung eines ökologischen Skis!

Den detailierten Bericht von Mountain Wilderness Schweiz finden Sie unter diesem Link und konkrete Tipps für eine nachhaltige Bergsportausrüstung in unserem Artikel hier.

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