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Interview mit einem Bio-Pionier

Fredi Strasser war 1984 als erster offizieller, staatlicher Bioberater des Kantons Zürich schweizweit ein Pionier. Das war noch vor offiziellen Standards und breit angelegter Forschung im Biolandbau. Für die Zukunft steckt Strasser hohe Ziele und setzt dafür auf Initiative und Innovationskraft der Biolandwirtschaft. Martina Binder vom Amt für Landschaft und Natur der Baudirektion Zürich hat mit ihm gesprochen.

Artikel aus der «Zürcher Umweltpraxis (ZUP, Ausgabe Nr. 100)»

Herr Strasser, Sie waren 1984 der erste Bioberater am Strickhof im Kanton Zürich und somit der erste kantonale Bioberater der Schweiz. Das war eine echte Pionierrolle, da der Biolandbau noch gar nicht staatlich anerkannt war. Wie kam es dazu, dass der Strickhof den ersten kantonalen Bioberater der Schweiz anstellte?

Die Biobauern waren in den 80er-Jahren eine kleine Minderheit. Es fehlte an Know-
how und viele produktionstechnische Fragen mussten noch geklärt werden. Daher holten sich die Biobauern Hilfe bei externen Beratern. Der Kanton Zürich wollte die Chance nicht verpassen und die Kompetenzen des Biolandbaus an den Strickhof holen. Dabei ging es auch darum, Alternativen zu bereits bekannten Anbaumethoden zu finden und die Landwirtschaft weiterzuentwickeln. Diese Bestrebungen ermöglichten es, die Stelle für einen Bioberater zu schaffen.

Der erste Biokurs für die Praxis am Strickhof wurde im Schuljahr 1983/84 angeboten. Sie stiegen neben der Beratung auch gleich in die Lehre ein. Bald wurde für alle Schülerinnen und Schüler der Besuch einer Einführung in den Biolandbau obligatorisch. Sie haben bis heute ungefähr 3000 Lernende ausgebildet. Was hat sich in der Lehre verändert?

Der Kanton Zürich hatte Bildung damals so verstanden, dass an der landwirtschaftlichen Schule alle Produktionsrichtungen behandelt wurden. Somit war es möglich, einen Grundkurs zur biologischen Produktionsweise in den Bildungsplan aufzunehmen. Dabei ging es um Grundlagenwissen wie die Richtlinien des Biolandbaus oder auch ganz praktische Dinge wie die mechanische Bekämpfung von Unkraut. Es war aber nicht immer lustig, diese Lektionen zu erteilen, da ein Grossteil der Auszubildenden diesen Kurs nicht freiwillig besuchte. Für die wirklich Interessierten wurden bald ein zusätzliches Wahlfach und später sogar separate Bioklassen für den Lehrgang Landwirt/in mit Schwerpunkt Biolandbau angeboten.

Fredi Strasser
Fredi Strasser, erster Bioberater im Kanton Zürich. ©ALN

Der Biolandbau wurde 1992 staatlich anerkannt. Wie hat sich der Biolandbau in den letzten 30 Jahren verändert?

Die Branche hat sich in diesem Zeitraum extrem modernisiert. Standen wir früher noch vor einem Feld, wo das Unkraut überhandnahm oder ein Schädling grassierte, haben wir heute verschiedene Möglichkeiten zur biologischen Regulierung und Bekämpfung. Die Innovation der Biobauern und -bäuerinnen sowie die intensivierte Forschung im Bereich Bioanbau und Sortenentwicklung haben extrem viel zur Ertragssicherheit beigetragen. So stehen uns heute neue Geräte, natürliche Schädlingsbekämpfungsmittel und resistente Sorten zur Verfügung. Mit der laufenden Digitalisierung werden wir noch einmal bedeutende Sprünge machen, zum Beispiel mit GPS-gesteuerten Hackrobotern. Aber auch die nachgelagerte Branche hat auf den Biolandbau reagiert. So können heute sogar in den Grossverteilern fast alle Produkte auch in Bioqualität gekauft werden.

Was sind Ihrer Meinung nach die grössten Errungenschaften des Biolandbaus der letzten 30 Jahre?

Der Biolandbau hat es geschafft, zu einem wichtigen Faktor in der Landwirtschaft und im Markt zu werden. In meinen Anfängen als Bioberater am Strickhof gab s schweizweit wenige hundert Biolandwirtinnen und Landwirte. Die meisten Produkte wurden direkt vermarktet oder an kleinen Bioläden verkauft. 2020 betrug er Marktanteil der Bioprodukte in der Schweiz über zehn Prozent, und es wurden Milliardenumsätze generiert. Das hätten wir uns vor dreissig Jahren nicht träumen lassen. Vieles, was explizit für den biologischen Landbau erarbeitet wird, steht auch der konventionellen Landwirtschaft zur Verfügung. Zum Beispiel kam letztes Jahr ein biologisches Bekämpfungsmittel gegen Drahtwürmer im Kartoffelanbau auf den Markt. Es ist ein Bodenpilz, der die Larven der Drahtwürmer befällt. Nun wurde das einzige chemisch-synthetische Mittel zur Drahtwurmbekämpfung wegen seiner Umweltwirkung verboten, das bedeutet es steht allen nur noch das biologische Mittel zur Verfügung.

Wo werden wir 2040 im Biolandbau stehen? An welche Erfahrungen können wir da anknüpfen?

Meine Vision ist, dass 2040 etwa 50 Prozent der Landwirtinnen und Landwirte biologisch wirtschaften in der Schweiz (v. a. für Tierfutter). Wenn ich die gewaltige Entwicklung im Biolandbau in den letzten 30 Jahren betrachte, denke ich, dass dies machbar ist. Wir können an die Innovationskraft der Biobauern und der Forschung anknüpfen. Wir haben zum Beispiel bereits in den 90er Jahren am Strickhof zusammen mit Forschungspartnern exakte Sortenversuche durchgeführt, welche anschliessend in offizielle Sortenempfehlungen für den Biolandbau aufgenommen wurden. Das wird auch heute noch so gemacht. Ebenso haben wir damals schon viele Anbauversuche mit Körnerleguminosen wie Lupinen oder Sojabohnen durchgeführt. Ein Thema, das seit einigen Jahren top aktuell ist.           

Was können Gemeinden Ihrer Ansicht nach tun, um den Bioanbau zu fördern?

Die Städte Zürich und Winterthur machen bei der Verpachtung der städtischen Landwirtschaftsbetriebe die Vorgabe der biologischen Bewirtschaftung. Je mehr die Anbaumethode verbreitet wird, desto mehr wird auch die Innovation gefördert, und die Natur profitiert.

Wie es zum Biolandbau kam

Im Kanton Zürich wurde die Fachstelle Biolandbau am Strickhof 1984 gegründet. Das war knapp zehn Jahre vor der staatlichen Anerkennung des Biolandbaus in der Schweiz. Das Zürcher Stimmvolk sprach sich 1991 für den Biolandbau aus, indem es einer Änderung des Landwirtschaftsgesetzes zustimmte. Diese Änderung ermöglichte es, den Biobauern aus dem kantonalen Budget Beiträge für die Umstellzeit auf den biologischen Landbau auszubezahlen. Der Biolandbau in der Schweiz wurde 1992 staatlich anerkannt. Dies legte, zusammen mit der Lancierung der Marke Naturaplan von Coop mit dem Dachverband Bio Suisse 1993, das Fundament für ein starkes Wachstum der biologischen Produktion. Der Bund anerkannte 1994 das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FIBL) und unterstützt dieses seither finanziell mit einer Leistungsvereinbarung. Die Forschung im Bereich biologischer Landbau konnte seither intensiviert werden. Die Migros stieg 1995 mit einem eigenen Biolabel in den Markt ein. 1997 trat die Bioverordnung des Bunds in Kraft, die regelt, was die Minimalanforderungen an ein biologisches Produkt sind.


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