Start Hintergrund Meinung Güllen bis der Teufel kommt

Güllen bis der Teufel kommt

Newsletter Anmeldung

Erhalten Sie die neusten Jobs und News.

Dank Ihrer Hilfe können wir spannende Artikel aufbereiten, den Veranstaltungskalender pflegen und die Job-Platform betreuen.

Ich wohne im Berner Oberland und bin sehr häufig in den Bergen unterwegs. Im Wallis, in der Nähe einer weltberühmten Destination, besitze ich einige kleinere Alpgrundstücke. Diese bewirtschafte ich ökologisch mit dem Ziel, sie auszumagern und in eine natürliche Bergwiese zurückzuführen.

Seit etwa fünf Jahren stelle ich mit Grauen fest, dass immer mehr Berghochtäler von Älplern gnadenlos zerstört werden. Im Fall des Walliser Bergtals sind es Hobbyschäfer, die mit einer Besessenheit ohnesgleichen intensive Landwirtschaft anwenden: Hochdruckstrahler aufbauen, vier- bis fünfmal mähen, Mastschafe in grosser Anzahl halten. Damit gehen sie offensichtlich einem lukrativen Nebenverdienst nach.

Hier ein Beispiel von heute:

Ich fuhr mit meinem erwachsenen Sohn und unseren 3 Hunden ins Gental. Ich nahm an, dass wir, wie sonst auch immer, viele Bergblumen sehen würden und eine ausgedehnte Bergwanderung unternehmen können.

Wir steigen vorne im Tal aus und ein unbeschreiblicher Güllegestank schlägt uns entgegen. Das Gental ist buchstäblich mit grausig stinkender Gülle getränkt. Von vorne bis hinauf auf die Schwarzwaldalp oder auch noch höher hinauf. Wir kehrten dort um, weil es zum Wandern schlicht unerträglich wurde.

Anstelle von Enzian, Primel, Flühblume, Sternenzian und Bergkrokussen (die alle am Rand noch sichtbar waren) war die gesamte Gegend säuberlich geputzt. Holz wurde verbrannt und ein Bauer fuhr pausenlos mit dem Güllewagen herum und spritzte. Direkt vor mir entdeckte ich ein Wiesenteil mit dichten weissen Bergkrokussen. Der Bauer mit dem Güllewagen kommt von hinten, steuert direkt und bewusst auf dieses Wiesenteil mit den blühenden Krokussen zu, fährt direkt in sie hinein und güllt alles zu.

Ein Feld voll von den Frühblühern Krokus im Gental.
Krokusfeld im Gental. © zVg
Ein Traktor am güllen.
Ein Taktor ist am güllen. © zVg

Für mich brach eine Welt zusammen. Ein Leben lang habe ich in den Bergen gewohnt und Bergblumen sind für mich das Schönste und Kostbarste. Und nun wurde ich Zeuge eines kriminellen Aktes: Der bewussten Zerstörung von Bergblumen durch einen Bauern.

In meiner Wut sprach ich sprach den Bauern sofort an. Dieser fühlte sich angegriffen und reagierte entsprechend: «Ja ja ja ja»… Ich sagte ihm, dass ich auf den Tag warte, wo Subventionen nur noch der ökologischen Bewirtschaftung gegeben werden und dass dieser Tag kommen werde! Daraufhin wurde er sauer und drohte mir: Wehe, wenn ich den Gagel meiner Hunde nicht im Säcklein auflese. Ich gab zurück, ob er jemals etwas gehört habe von verlorener Artenvielfalt und so weiter. Danach fuhr er mir mit dem Güllewagen hinterher, überholte mich und begann direkt vor mir zu spritzen. Dies wohl im Versuch, mich zu treffen.

Es ist deprimierend, es ist kriminell, es ist schlimm. Immer höher hinauf in die Berge steigt die intensive Landwirtschaft. Schamlos macht diese intensive Landwirtschaft alles, aber alles kaputt. Es wird keine Bergblumen mehr geben. Ein bekannter Bergführer und Bergrettungspilot im Wallis sagte mir kürzlich, man finde die Berge und was dazu gehört nur noch sehr hoch oben, jenseits von 3500m. Darunter gehe alles bachab und kaputt durch die Landwirtschaft. Schändlich, dass man dann noch den Käse als Alpkäse vermarktet, der auf diesen stinkenden Gülleböden entstanden ist.

Mit Hilfe meiner Familie versuche ich im Wallis, die Fehler von jahrzehntelanger Vernachlässigung durch die Schafhirten mit ihren Mastschafen zu korrigieren. Diese Schafhirte wollen alles aus dem Boden herausholen, was es herauszuholen gibt. Ich habe die Schafe vom Land verbannt, weil es Mastschafe sind und ich weder Tierquälerei unterstütze noch die Gier, mit der die Bauern im Nebenerwerb (Zwei von ihnen haben einen normalen Job und ein Job in der Schweiz müsste ja genügen fürs Leben) grosse Flächen eines einzigartigen Bergtals in wenigen Jahren zerstören.

Über Jahrhunderte hinweg hat die Natur dieses einzigartige Bergtal erschaffen. Mindestens zehn Pflanzenarten sind endemisch und im gesamten Alpenraum gibt es keine solche Pflanzen- und Artenvielfalt wie hier. Und ein paar wenige Einzelne bauen in ihrer Gier und ihrem Wahn alle 20 Meter Hochdruckstrahler auf und bewässern auf Teufel komm raus. Dafür zapfen sie die Bergbäche an. Ganz allein für den Eigenprofit holen sie sich Wasser aus dem Bergfluss mit ausgeklügelten Systemen (Wem gehört eigentlich das Wasser? Gehört ein Bergfluss in einem Bergtal nicht auch den nächsten und übernächsten Generationen? Gehört er nicht der Gesamtnatur? Gehört er nicht allen?). Sie unterhalten eine Schafmästerei im Tal, in das keine Schafmästerei gehört, sie mähen vier- bis fünfmal, verkaufen die Heuballen und zerstören mit ihrer Intensivlandwirtschaft alles, was es noch zu zerstören gibt. Sie grabschen nach jedem Quadratmeter, den es zu begrabschen gibt, damit das Geschäft nochmals ein wenig lukrativer wird. Die Böden haben von der eiskalten Bewässerung bereits sichtbare Schäden. Verschwunden sind die Bergblumen. Wo bewässert wird, gibt es weder Insekten noch Bodenbrüter noch Wildbienen noch Artenvielfalt. Ödes Grün zieht ein. Die Fehler, die man im Seeland und im Mittelland macht, werden hier knallhart wiederholt.

Hunderttausende von Jahren lang wurde hier eine einzigartige Natur aufgebaut, in wenigen Jahren zerstören Einzelne aus persönlicher Profitgier alles, was die Natur erschaffen hat. Die Bergtäler im Wallis sind Trockentäler, es gehören keine Bewässerungsanlagen hierher.

Was tun die Behörden? Offensichtlich nichts. Sie schauen weg und sie ignorieren einem, wenn man sie auf den Missstand aufmerksam macht. Wir sind im Wallis.

Subventionen an diese Art Landwirtschaft müssen sofort aufhören. Ab einer gewissen Höhe darf keine Intensivlandwirtschaft mehr betrieben werden. Bauern müssen sich verpflichten, in ihren Handlungen die nächsten 20 Generationen zu berücksichtigen und der Natur für die nächsten 20 Generationen Sorge zu tragen. Mast-Fabriken mit Mastschafen gehören nicht in ein Bergtal. Es sollte verboten sein, dass auf 2500m Höhe riesige Güllewagen auf magere Bergwiesen güllen, dass mit Hochdruckstrahlern gewässert wird und dass Kühe gehalten werden für noch ein paar Käselaibe mehr in einem Land, das bei Gott schon im Käse versinkt. Behörden sollten verpflichtet sein, zur Natur Sorge zu tragen, Verantwortung zu ergreifen und nicht wegzuschauen.

Und wenn weder die Bauern noch die Behörden einsichtig sind, bleibt immer noch die Eigenverantwortung: Wir können sehr gut auf Käse, Fleisch und Co. verzichten, und müssen weder bei der Naturzerstörung noch beim Tierleid aktiv mitmachen.

Leserbrief einer besorgten Bürgerin

Was meinen Sie dazu? Gerne dürfen Sie uns Ihre Meinung weiter unten in Form eines Kommentars mitteilen.

2 Kommentare

  1. Leider kann ich das nur bestätigen. Auch im SG Rheintal wird gegüllt bis nichts mehr überlebt.
    Meine Laufstrecke ist mindestens 1x pro Woche unmöglich passierbar.
    Auch früher musste natürlich gegüllt werden…aber heute werden die Wiesen schier ertränkt.
    Nun gut…wir müssen schlussendlich alle bei uns selber anfangen. Solange alle mehrmals pro Woche Fleisch konsumieren, benötigen die Bauern die Tiere…der Mist muss halt irgendwo hin. Wir bräuchten eine geeignete Lösung, bevor wir die Natur, und dadurch auch uns, komplett zerstören.

    Ich lebe genau aus diesem Grund schon seit 12 Jahren vegetarisch, teils sogar vegan.

    Es braucht ein Umdenken….

  2. Ich kann Ihre Beobachtungen im Gental nur bestätigen.
    Ich bin Landschaftfotograf und war letzten Herbst auf der Alp Staldenried ob Lungern Obwalden auf 1348 m. Was ich da vorfand verschlug mir den Atem. Die ganze Alp war schwarz gedüngt, der ganze Hang bis auf Staldenrain 1474 m war schwarz. Ich habe mich beim Schweizer Bauernverband erkundigt, ob das Düngen einer Alp gestattet sei. Daraufhin haben Sie meine Anfrage an den kantonalen Bauernverband Obwalden weiter geleitet. Ich wurde mit Telefonanrufen terrorisiert. Es war eine schlimme Zeit.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here

TOP-NEWS

Newsletter Anmeldung

Erhalten Sie die neusten Jobs und News.

Dank Ihrer Hilfe können wir spannende Artikel aufbereiten, den Veranstaltungskalender pflegen und die Job-Platform betreuen.

X
X