Der Friedhof lebt! Diese Aussage scheint im ersten Moment etwas provokant, nichtsdestoweniger stimmt sie voll und ganz. Friedhöfe sind nicht nur Orte der Erinnerung, an denen wir unserer Verstorbenen gedenken. Sie sind auch wertvolle und schützenswerte Lebensräume. Viele Tier- und Pflanzenarten finden hier naturbelassene Rückzugsorte oder sie nutzen diese heiligen Orte als Trittsteinbiotope, von denen aus sie neue Habitate besiedeln.
Adaptierte Fassung eines Textes von Naturschutzbund Österreich
Für uns Menschen sind Friedhöfe Stätten, die wir immer wieder aufsuchen können, um verstorbenen Menschen nahe zu sein. Mit dem Wandel der Bestattungskultur – weg von traditionellen Urnen- oder Reihengräbern – entstehen auf vielen Schweizer Friedhöfen neue Freiräume. Diese Flächen bieten grosses Potenzial, um Lebensraum für Pflanzen und Tiere zu schaffen und den Friedhof als Ort der Natur neu zu entdecken. Zwischen alten Baumreihen, Hecken, Mauern und unversiegelten Wegen entstehen vielfältige Lebensräume. Je naturnäher ein Friedhof gestaltet ist, desto mehr Arten finden hier Nahrung, Schutz und Brutplätze. In der Schweiz werden zunehmend Konzepte umgesetzt, die Friedhöfe als ökologische Inseln inmitten urbaner Räume verstehen – Orte, an denen Trauerkultur und Artenvielfalt Hand in Hand gehen. So entstehen Projekte, bei denen Staudenmischpflanzungen, Blühstreifen und strukturreiche Gehölzbereiche gezielt gefördert werden, um Lebensräume für Insekten, Vögel und Kleintiere zu schaffen.
Gut fürs Klima
Friedhöfe tragen ausserdem mit ihren vielen, oft alten Bäumen auch nachweislich zur Verbesserung des Stadtklimas bei. Die Böden auf Friedhöfen sind grösstenteils unversiegelt und können so mehr Wasser aufnehmen, Bäume und andere Pflanzen geben das aufgenommene Wasser wieder an die Luft ab, so erhöht sich die Luftfeuchtigkeit und die Temperaturen sinken. Damit wirken Friedhöfe auch der sogenannten «urban heat island» entgegen, also der Überhitzung verdichteter Stadtgebiete. Sträucher und vor allem Bäume binden zudem Kohlendioxid und Staubpartikel.
Naturnahe Gestaltung – gut für Pflanzen und Tiere
Alte Baumbestände und Wilhecken bieten Vogelarten, die ganzjährig Friedhöfe bewohnen, wie Amsel, Rotkehlchen, Zaunkönig wie auch vielen Meisenarten Lebensräume. Doch auch andere Vögel wie Spechte und der Gartenrotschwanz fühlen sich an diesen mystischen Plätzen wohl. Säugetiere wie der Igel, der Siebenschläfer, die Haselmaus oder Fledermäuse bewohnen ebenfalls unsere letzten Ruhestätten.
Friedhöfe sind auch ideales Umfeld für Moose und Flechten: Auf schattigen bis sonnigen Mauern und Grabmälern aus vielen unterschiedlichen Gesteinen und Materialien finden sie günstige Lebensbedingungen vor. Da es immer mehr Urnenbestattungen gibt, werden zudem mehr und mehr Flächen frei: Diese sogenannten «Überhangflächen» werden oftmals genutzt, um extensiven Wiesen anzulegen – Kleinode für Insekten und andere Kleintiere.
Auch Insekten profitieren. Auf Ruderalflächen, Blumenwiesen und in Staudenmischpflanzungen summen Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge. Besonders wertvoll sind heimische Stauden, Wildblumen und alte Obstbäume, die Nektar und Früchte bieten. Wo früher monotone Rasenflächen dominierten, entstehen heute zunehmend naturnahe Pflanzungen. Zudem zeigen Beispiele aus einigen Gemeinden, dass Staudenmischpflanzungen nicht nur optisch überzeugen, sondern auch pflegeleicht sind. Sie schaffen eine ruhige, natürliche Atmosphäre, die Besucherinnen und Besucher zum Verweilen einlädt – und gleichzeitig Insekten und Vögeln Nahrung und Schutz bietet. Die Kombination aus naturnaher Pflege, standortgerechter Bepflanzung und nachhaltiger Gestaltung macht Schweizer Friedhöfe zu wahren Hotspots der Biodiversität.
Zwischen Andacht und Artenvielfalt
Friedhöfe sind weit mehr als stille Ruhestätten. Sie sind wertvolle Biotope mitten in unseren Städten. Ein Friedhof, auf dem Leben sichtbar bleibt, erinnert auch daran, dass Tod und Erneuerung Teil eines natürlichen Kreislaufs sind. Wenn Pflege, Pietät und Naturverständnis in Einklang gebracht werden, entstehen Orte, an denen sich nicht nur Menschen, sondern auch Tiere zuhause fühlen. So wird der Friedhof zum heiligen Ort in doppeltem Sinn: einer, der an das Leben erinnert – und es zugleich bewahrt.
In der Schweiz haben Projekte wie die Initiativen von JardinSuisse gezeigt, dass Friedhöfe ein grosses Potenzial für den Naturschutz bieten. Das Projekt «Aufleben Natur» zeigt mit konkreten Beispielen und praktischen Tipps, wie dieses Potenzial genutzt werden kann – und wie jede und jeder sich inspirieren und engagieren kann. Durch naturnahe Gestaltung und den respektvollen Umgang mit vorhandenen Strukturen entstehen Orte, die gleichzeitig würdevoll und lebendig sind. So wird der Friedhof nicht nur ein Ort des Abschieds, sondern auch ein Symbol für das fortwährende Zusammenspiel von Mensch und Natur.
Projektbeispiele Friedhöfe mit Staudenmischpflanzungen von JardinSuisse
Wissen, Inspiration, Tipps und Unterstützung gibt es auf «Aufleben Natur». Eine Plattform, die dabei hilft Ihre Umgebung Schritt für Schritt naturnaher zu gestalten.




