Start Hintergrund Reportage Gut gemeint ist noch nicht gut gemacht

Gut gemeint ist noch nicht gut gemacht

Haben Sie sich auch schon gefragt, wie Sie Ihre Zeit und Ihr Geld am besten einsetzen können, um anderen zu helfen? Ich stehe noch am Anfang meiner Zukunftsplanung und bin genau dieser Frage nachgegangen. Einige Antworten habe ich in einem Seminar zum Effektiven Altruismus gefunden.

Wieder sitze ich am Abend allein vor meinem Bildschirm, doch fühle ich mich heute gar nicht einsam. Ich bin über Zoom mit anderen jungen Leuten verbunden, die sich um unseren Planeten und die Zukunft der Menschheit sorgen. Wir sind tief versunken in einer ethischen Diskussion und tauschen die eigenen Meinungen und Perspektiven aus. Möglich gemacht hat das die Gruppe Effektiver Altruismus Zürich.

Was ist Effektiver Altruismus? Der Effektive Altruismus ist eine soziale Bewegung, die darauf abzielt, die beschränkten Ressourcen Zeit und Geld optimal einzusetzen, um das Leben möglichst vieler Menschen (und Tiere) zu verbessern. Als Mittel hierzu dienen rationale Argumente und Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Untersuchungen.
Nach folgenden Kriterien wird ein Problem beurteilt:

  • Ausmass: Wie viele Menschen/Tiere sind von dem Problem betroffen?
  • Lösbarkeit: Wie einfach ist das Problem zu lösen?
  • Beachtung: Wie viel Beachtung wurde dem Problem bereits geschenkt? Wie viele Ressourcen – Zeit, Geld, Manpower – sind bereits in die Lösung dieses Problems geflossen? Dies ist eine wichtige Überlegung, da zu Beginn der Problemlösung meist die grössten Fortschritte erzielt werden. Später kann mit viel Aufwand nur noch wenig erreicht werden.

Natürlich müssen noch weitere Aspekte miteinbezogen werden, doch gibt das bereits einen guten Rahmen vor.

Strategie statt Übermut

Wer kennt es nicht? Ein kleines Projekt hier, eine lokale Aktion da, eine gute Idee dort und schon ist das ganze Spendengeld verflossen. Doch mit welcher Wirkung?
Studien haben gezeigt, dass nicht jeder gespendete Dollar gleich viel bewirkt. In der folgenden Grafik wurden verschiedene Projekte nach Ihrer Wirksamkeit geordnet. Es ist klar ersichtlich, dass 1000 $ ein ganz anderes Resultat hervorbringen, je nachdem für welche Aktion sie eingesetzt werden.

Kosten-Wirksamkeit von Gesundheitsinverventionen
Kosten-Wirksamkeit von Gesundheitsinterventionen (Originalpubilkation), x-Achse: Projekte nach Wirksamkeit geordnet, y-Achse: Wirksamkeit der Projekte © Bild von www.80000hours.org [CC BY 4.0]

Das bedeutet, dass Ihr Geld, je nach Kontext eine zehn- oder gar hundertfach grössere Auswirkungen haben kann, wenn Sie sich genau überlegen, wie Sie dieses spenden.

Geld ist aber nicht die einzige Form, wie wir Gutes tun können. Auch unsere Zeit ist viel wert. Und da wir einen Grossteil mit Arbeiten verbringen, kann eine gezielte Berufsplanung grosse Auswirkungen haben. Wäre es nicht gerechtfertigt, sich für ein paar Stunden zu überlegen, welche Ziele man verfolgt, wenn man danach mit jeder Arbeitsstunde die Welt ein bisschen besser machen könnte?

Effektiver Altruismus im Natur- und Umweltschutz

Der Naturschutz ist oft sehr lokal und auch etwas emotionsgesteuert. Wir vergessen manchmal das grosse Ganze, da wir uns nur den akuten Problemen widmen. Ein Beispiel: Es ist sinnvoller wertvolle Ökosysteme vorsorglich auf Neophyten (Einjähriges Berufkraut, Kanadische Goldrute) zu untersuchen, um eine Invasion zu verhindern, als in dieser Zeit eine überwucherte Fläche zu jäten. Und das, obwohl das Problem auf der überwachsenen Fläche viel dringlicher und wichtiger erscheint.

Würde der Effektive Altruismus im Umwelt-Bereich jedoch konsequent durchgesetzt, so würden damit auch viele kleine Herzensprojekte verschwinden. Dies wäre bedauernswert und würde einigen engagierten Personen den Wind aus den Segeln nehmen. Dennoch finde ich es wichtig, sich in Ruhe Gedanken darüber zu machen, wie effizient ein Projekt ist, das man selbst durchführen oder unterstützen möchte. Wie viele Lebewesen sind von dem Problem betroffen? Wie einfach ist das Problem zu lösen? Wie viele Akteure beschäftigen sich schon mit diesem Problem? Gibt es möglicherweise andere Bereiche, wo man mit denselben Ressourcen mehr erreichen könnte?

Der Effektive Altruismus beschäftigt sich im Allgemeinen viel mit Themen wie künstlicher Intelligenz und nuklearer Sicherheit. Aber auch im Natur- und Umweltschutz wird das Prinzip angewendet. Es gibt beispielsweise eine Webseite die sich nur mit Effektivem Umweltschutz auseinandersetzt. Hier werden effektive Spende-Möglichkeiten und Ideen für die Berufsplanung vorgestellt.
Generell werden Jobs als wirkungsvoll gewertet, bei denen mehrere Personen, Gruppen oder gar Regierungen zum Besseren bewegt werden können. Aus diesem Grund ist beispielsweise der Klima-Aktivismus sehr effektiv. Eine einzelne Person kann viele andere aufrütteln und dazu bewegen, anders zu handeln. Dies ist ein enormer Hebel. Auch politisches Engagement oder Lobbyarbeit fallen in diese Kategorie. Ein positiver Einfluss auf die Gesetzgebung hat langfristige, weitreichende Folgen. Ebenso ist die Mitarbeit an Vergleichs-Studien äusserst effizient. Wird beispielsweise zuerst ermittelt, welches Umweltschutz-Projekt das effizienteste ist, kann unter dem Strich viel mehr erreicht werden, auch wenn ein Teil des Budgets in die Vergleichs-Studie fliesst.

Ein Gespräch mit Lennart Heim

Lennart Heim hat gerade sein Elektrotechnik Studium abgeschlossen. Er erfuhr vom Effektiven Altruismus während seinem Studium in Aachen im Jahr 2017. Seit einem Jahr ist er Teil der lokalen Gruppe Effektiver Altruismus Zürich und co-organisiert diese momentan.

Was hat dich dazu bewegt, Teil des Effektiven Altruismus zu werden?

Wie vielen jungen Menschen war mir bewusst, dass es viel Leid und Probleme auf der Welt gibt: Klimawandel, Massentierhaltung, Kriege und Unterernährung, um nur ein paar zu nennen. Und jedes Mal, wenn ich mich damit auseinandersetzte, kamen noch weitere Probleme dazu. Jedes gefühlt grösser als das andere. All dies hat mich ein wenig ratlos gemacht. Was kann ich schon dieser Flut an Ungerechtigkeit entgegensetzen? Mir fiel es schwer, aus all dem Sinn zu machen, obwohl ich doch motiviert war, etwas Gutes zu tun.
In einem Podcast gab Prof. William MacAskill Ratschläge, um genau mit diesen Fragen umzugehen. Seine Darlegung, dass wir mehr Probleme auf der Welt haben als Ressourcen, erschien mir einleuchtend. Warum also nicht die Methoden und Werkzeuge der Wissenschaft nutzen, um Probleme zu priorisieren und effizient anzugehen?
Daraufhin habe ich sein Buch «Gutes besser tun» gelesen, wo er die Kriterien für sinnvolles und nachhaltiges Helfen darlegt. Das Buch motivierte mich, den Austausch in einer Lokalgruppe des Effektiven Altruismus zu suchen. Diese Community gab mir den Raum, über diese Probleme kritisch nachzudenken und die Kraft, meine Motivation in Aktionen umzuwandeln.
Daraufhin habe ich selbst angefangen in der Lokalgruppe zu helfen, Einführungsveranstaltungen zu organisieren. Ich habe mein eigenes Spenden überdacht und mich damit auseinandergesetzt, welche Berufswahl ich treffen sollte, um eben an den drängendsten Problemen zu arbeiten.

Effektiver Altruismus ist sehr rational. Wie lässt sich das mit unserem «monkey mind» – unserer intuitiven Seite – vereinbaren?

Ich glaube der Begriff rational ist oft sehr negativ konnotiert. Für mich bedeutet es nicht, dass ich jeden Morgen Differentialgleichung löse, um den «besten Tag» zu ermitteln. Wie sollte ich auch?
Ich habe keine Gleichungen für mein emotionales Empfinden. Rationalität ist für mich «klares Denken» – das Nutzen von wissenschaftlichen Methoden. Das beinhaltet, dass wir uns bewusst sind, dass wir ein Produkt der Evolutionsgeschichte sind: Unser Gehirn unterscheidet sich gar nicht so stark von dem, anderer Affen. Ich bin ein Mensch und habe viele verschiedene Bedürfnisse. Diese zu ignorieren, wäre genau das Gegenteil von rational. 
Es ist ganz natürlich, dass wir mehr betroffen sind von Leid und Tod in unserer nächsten Nähe, als von einer Hungersnot oder einem Krieg in fernen Ländern. Ist es aber daher richtig, Krieg und Hungersnot zu ignorieren?
Ich glaube nicht. Wir leben in einer globalen Welt und unsere Taten haben globale Konsequenzen, sowohl negative als auch positive.
Doch wir Menschen haben diese Unfähigkeit, den wahren Massstab einer Katastrophe zu ermessen («scope insensitivity» wird das genannt). Schauen wir uns ein beliebiges globales Problem an: Die Konsequenzen davon scheinen gross zu sein, nur wie gross? Ob es nun 100’000, 100 Millionen oder (wenn man künftige Generationen miteinbezieht) gar 100 Milliarden Menschen betrifft – ich fühle den Unterschied nicht. Aber ich weiss, dass jedes Szenario davon um den Faktor 1’000 schlimmer ist.
All dies ist schwer zu fühlen. Doch macht diese Unfähigkeit den Massstab abzuschätzen, das Szenario, welches 100 Milliarden Menschen und zukünftige Generation betrifft, nicht weniger dringend oder weniger gross. Ganz im Gegenteil, solche Probleme sind vermutlich die dringendsten und grössten Probleme, vor denen wir als Menschheit stehen. Daher sollten wir diese priorisieren.
In dem ich klar drüber nachdenke, wissenschaftliche Methoden nutze und offen bin, meine Meinung zu ändern, kann ich diese grossen Probleme entdecken und mich darauf konzentrieren. All dies, um möglichst vielen Menschen und Tieren zu helfen. Und dies war doch mein eigentliches, wie manche sagen würden, «irrationales» oder «emotional gefühltes» Ziel.

Über was sollte sich, deiner Meinung nach, jede Person einmal Gedanken machen?

Ich glaube, dass wir eine einzigartige Möglichkeit haben, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Allein durch unseren Wohnort gehören wir zu den reichsten Menschen der Welt. Wir sind die «Top 1%» der Welt.
Das bedeutet, dass jede*r Einzelne von uns Möglichkeiten hat, die Welt zu verbessern – indem wir Verstand und Herz verbinden.
Leider haben wir nahezu unendlich viele Probleme auf der Welt und noch immer begrenzte Ressourcen – sei es Geld, Arbeitskräfte oder auch nur die Aufmerksamkeit. Daher der Fokus auf Probleme welche grösser, vernachlässigter und leichter zu lösen sind. Man sollte nicht wild drauf losrennen, sondern sich mit etwas Geduld und Strategie mit diesem Thema auseinandersetzen. Gut gemeint ist noch nicht gut gemacht.

Beim Effektiven Altruismus geht es darum, eine einfache Frage zu beantworten: Wie können wir unsere begrenzten Ressourcen nutzen, um anderen am meisten zu helfen? Anstatt nur das zu tun, was sich richtig anfühlt, nutzen wir Evidenz und sorgfältige Analysen, um die wichtigsten Themen zu finden, an denen wir arbeiten können. Aber es nützt nichts, die Frage zu beantworten, wenn man nicht entsprechend handelt. Effektiver Altruismus bedeutet auch, den Worten Taten folgen zu lassen. Es geht darum, die eigene Zeit und das eigene Geld grosszügig einzusetzen, um damit so viel Gutes zu tun wie möglich.

Was ich für mich mitnehmen konnte

Ich habe mich nun fünf Abende und zahlreiche Stunden mit Effektivem Altruismus auseinandergesetzt und habe gerade mal an der Oberfläche gekratzt. Das Thema umfasst viele Bereiche und wirft etliche höchst komplexe ethische Fragen auf.

Aus meiner Sicht ist die Rationalität zugleich Stärke und Schwäche des Effektiven Altruismus. Durch die analytische Herangehensweise lässt man sich nicht von Emotionen führen, sondern entscheidet sich anhand von Fakten für die beste Option. Dadurch ist die Entscheidung weniger subjektiv und lokal basiert, wodurch mit denselben Mitteln mehr erreicht werden kann. Allerdings ist der Mensch ein emotionsgesteuertes Wesen und somit wirkt der Ansatz des Effektiven Altruismus auf viele kalt und daher nicht überzeugend. Ausserdem brauchen viele die intuitive Empathie als Antrieb, um überhaupt Gutes zu tun.
Würde der Effektive Altruismus konsequent durchgesetzt, würden auch viele kleine, kreative Projekte eingehen. Diese mögen vielleicht nicht sehr effizient sein, doch können sie den Enthusiasmus für den Natur- und Umweltschutz entfachen und weitere Menschen zur Tat bewegen.
Ausserdem ist es schwierig, genügend Informationen zu sammeln, um die beste Lösung zu finden. Oft sind zu wenig Daten vorhanden, da kein Geld für Vergleichs-Studien zur Verfügung gestellt wird. Auch die Transparenz, die essenziell ist für den Effektiven Altruismus, ist nicht einfach zu erreichen. Oft sind die Themen so komplex, dass es nahezu unmöglich ist, dass jede Person die Argumentation, innert nützlicher Frist, bis zum Grunde nachvollziehen und verstehen kann.

Effektiver Altruismus ist in meinen Augen sehr geeignet als Entscheidungsgrundlage für Regierungen und grosse Organisationen. Diese hantieren mit viel Geld und sollten dieses nicht anhand von Intuition und persönlichen Vorlieben verteilen. Für viele Privatpersonen wirkt der Ansatz zu unpersönlich und abgeklärt und ist auch nicht immer einfach umzusetzen. Doch drei Dinge konnte ich für mich mitnehmen:

Verbindung stärkt. Wir sind umgeben von schlechten Neuigkeiten. Täglich werden wir mit Berichten konfrontiert, die uns das Elend aus der ganzen Welt aufzeigen. Da kann man sich schon mal hilflos und allein fühlen. Dieses Seminar hat mir aufgezeigt, wie wohltuend es ist, diese Probleme gemeinsam zu diskutieren und anzugehen. Sich regelmässig mit Gleichgesinnten auszutauschen, gibt Hoffnung und neue Kraft!

Reflektion ist wertvoll. Man kann sich nicht bei jedem Schritt hinterfragen, ob das die bestmögliche Entscheidung war. Das würde zu viel Energie kosten. Doch hilft es, die momentane Situation und die eigenen Ziele in regelmässigem Abstand (beispielsweise einmal im Jahr) zu überdenken. Bin ich zufrieden, wo ich stehe? Gehe ich in die richtige Richtung? Das braucht etwas Zeit und man muss den Kopf frei haben, doch es lohnt sich. Es stellt sicher, dass man sich nicht im Kreis dreht und seine Energie nicht für Sinnloses verpufft.

Dem Herzen zu folgen, macht auch in diesem Kontext Sinn. Die Kriterien des Effektiven Altruismus sind sehr hilfreich, um abzuschätzen, wie stark man ein Problem priorisieren soll und wie man dieses am besten angeht. Doch für meine Berufswahl muss ich noch weitere Punkte beachten. So muss ich beispielsweise auch meine persönlichen Stärken und Schwächen berücksichtigen und vor allem meiner Leidenschaft folgen. Denn nur wenn ich überzeugt bin und Freude habe an meiner Tätigkeit, kann ich über Jahre hinweg gute Arbeit leisten und einen positiven Einfluss haben.


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1 Kommentar

  1. Super Artikel, vielen Dank dafür!

    Sie schreiben

    > Würde der Effektive Altruismus konsequent durchgesetzt, würden auch viele kleine, kreative Projekte eingehen. Diese mögen vielleicht nicht sehr effizient sein, doch können sie den Enthusiasmus für den Natur- und Umweltschutz entfachen und weitere Menschen zur Tat bewegen.

    Sollte letzteres wahr sein, wären diese Projekte ja sehr effektiv. Das kann man relativ einfach messen, nur ist das leider in der Branche (noch) nicht Gang und Gäbe. Das liegt meines Erachtens an einer generellen Ablehnung gegenüber Zahlen und der Angst zu Robotern abstrahiert zu werden. Aber ein Sinn für Zahlen, in Balance mit dem Bewusstsein, was es bedeutet Mensch zu sein, unterliegt praktisch allen grossen gesellschaftlichen Fortschritten.

    Hier muss man auch nicht direkt kostspielige Vergleichsstudien ansetzen. Schon einfach regelmässige Fragebögen würden erste Einblicke bringen (selbst bei nur jährlicher Frequenz). Es ist nie alles oder nichts. Wir können Kopf und Herz immer vereinen – so können wir auch Kreativität und Kalkül kombinieren. Natürlich nicht immer gleichzeitig, aber bereits im Wechsel ist es ein starkes Duo.

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