© Philippe Ammann
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Zweinutzungshuhn: Einst die Regel, heute die Rarität

  • Redaktion Naturschutz

Noch bis in die 1950er-Jahren waren Zweinutzungshühner, die sich sowohl für die Mast als auch die Eiablage eigneten, die Regel. Sie sind seither von spezialisierten Hybrid-Rassen komplett verdrängt worden. Einige überleben in Nischen.

Neuer Fund aus dem Fundus Agri-Cultura Alpina, der Wissensdatenbank zum traditionellen landwirtschaftlichen Wissen im Alpenraum. Geschrieben von Urs Fitze.

Eine Legehenne produziert heute um 280 verkäufliche Eier pro Jahr, das Doppelte im Vergleich zu den 1950er-Jahren, als mit der systematischen Zucht begonnen wurde. Ein Masthahn (oder eine Masthenne) macht aus 1,6 kg Futter 1 kg hochwertiges, fettarmes und eiweissreiches Fleisch – einst waren vier Kilogramm Futter nötig gewesen. Das hat wesentlich mit der Aufgabe des Zweinutzungshuhnes zu tun. Heute werden weltweit von wenigen spezialisierten Firmen Legehennen und Masthühner getrennt gezüchtet und selektioniert. Die Elterntiere sind zum Im- und Exportgut geworden. Versuche, die Zweinutzungsrassen für eine kommerzielle Nutzung wiederzubeleben, sind bislang gescheitert. Das liegt weniger am Huhn als an den Bedürfnissen des Marktes und den Erwartungen der Konsumenten. Ein Masthuhn ohne ausgeprägte Brust in Form eines Herzens wird im Verkaufsrayon nicht gekauft, und eine Henne, die nur 160 Eier pro Jahr legt, ist schlicht unwirtschaftlich.

Vom Adelshof ins Gourmetrestaurant

Die Zweinutzungsrassen, wie sie einst die Bauernhöfe der Grosseltern bevölkert hatten, wären auf dem Misthaufen der Agrargeschichte gelandet, hätten sich nicht alpenweit Züchterinnen und Liebhaber gefunden, die diese teils uralten Rassen weiter hegen und pflegen. Zum Beispiel in der Steiermark, wo die Wurzeln des Altsteirerhuhns bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Steirisches Geflügel soll an vielen Höfen eine begehrte Delikatesse gewesen sein. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Rasse systematisch gezüchtet, vor allem in der damaligen Untersteiermark, dem heutigen Slowenien, in verschiedenen Schlägen und Farben in Celje und Maribor. Aus der Zeit stammt die Bezeichnung Altsteirer. Die 1902 formulierte Rassenbeschreibung gilt im Grundsatz bis heute. Die Zeitläufte überdauert haben der weisse und wildfarbige Farbenschlag. Heute findet sich die Rasse vor allem in der Liebhaberzucht. Deren Fleisch ist, beinahe einst, zur begehrten, teuren Delikatesse in gehobenen Restaurants geworden.

Eine Rasse für Liebhaber

Auch für seine Schönheit gerühmt: Das Padovaner-Huhn © Philippe Ammann
Auch für seine Schönheit gerühmt: Das Padovaner-Huhn © Philippe Ammann

In Italien war die Vielfalt der Hühner-Rassen ausgesprochen hoch. Nur ganz wenige haben überlebt. Das Padovana- Huhn wurde vermutlich von osteuropäischen Pilgern auf ihrer Reise nach Rom als Wegzehrung nach Italien gebracht und im Raum Padua aus dem ursprünglich aus Russland stammenden Pawlowskaja Huhn weiter gezüchtet. Auf einem Fresko in Padua aus dem Jahr 1397 findet sich eine erste Darstellung. In den folgenden Jahrhunderten als Polverana bekannt und wegen ihrer Schönheit in verschiedenen Farbschlägen und ihrer Fleischqualität an vielen europäischen Fürsten- und Königshöfen gerühmt. Die heutigen Formen gehen möglicherweise auf Einkreuzungen aus Frankreich um Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Im 20. Jahrhundert wurde das Padovana-Huhn wie viele andere Zweinutzungsrassen von Hybridhühnern nach und nach aus der kommerziellen Zucht verdrängt, obwohl noch eine Umzüchtung auf ausschliessliche Fleischnutzung versucht wurde. Heute findet sich die Rasse nur noch als Liebhaberzucht im Ursprungsgebiet, aber auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern.

Um des Namens willen

Das 1905 in Amriswil aus einer Kreuzung von White Orpington und Wyandote hervorgegangene „Schweizerhuhn“ war als Gegenpol zum „Deutschen Reichshuhn“ gedacht, um eine nationale Alternative zu bieten. Es war bis zum Aufkommen der Hybridrassen weit verbreitet, danach verschwand es binnen weniger Jahre von der Bildfläche. Seit 1995 ist die Rasse durch intensive Bemühungen der Stiftung Pro Specie Rara vor dem Aussterben bewahrt worden. Heute sind die Bestände leicht steigend und reichen für eine Erhaltungszucht.

Nische im Appenzellerland

Spitzhauben-Hühner waren seit Jahrhunderten in grösseren Teilen des zentralen und östlichen Alpenraumes verbreitet. Sie sollen schon im 15. Jahrhundert in Klöstern gezüchtet worden sein. Als im 19. Jahrhundert die Hühner-Rassen beschrieben wurden, suchten die Kenner erst im Tirol und im Bregenzerwald, dann in der Zentralschweiz, bis sie die Spitzhauben schliesslich nur noch im Schweizer Appenzellerland fanden. Deshalb wird die Rasse heute „Appenzeller Spitzhaube“ genannt. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts gerieten sie in Bedrängnis. Wie andere Landrassen konnten sie nicht gegen die Hybriden konkurrieren. Die Bestände gingen dramatisch zurück. Um Inzuchtproblemen zu begegnen und die Leistung zu steigern, wurden verstärkt ausländische Rassen eingekreuzt. Dazu wurden vor allem Holländische Brakel, Hamburger Silberlack und La Flèche – Hühner benutzt, in der Meinung, diese würden zu den Stammeltern der Spitzhauben gehören. Mit einigermassen rein verbliebenen Tieren wurde Anfang der 80er-Jahre ein Erhaltungsprogramm aufgebaut, das der Inzuchtgefahr durch Verpaarung verschiedener Farbschläge innerhalb der Rasse und Rückzüchtung auf die Ursprungs-Farbschläge begegnete.

Das Appenzeller Spitzhauben ist die letzte überlebende Rasse von einst im ganzen zentralen und östlichen Alpenraum verbreiteten Schlägen. @ Nienetwiler
Das Appenzeller Spitzhauben ist die letzte überlebende Rasse von einst im ganzen zentralen und östlichen Alpenraum verbreiteten Schlägen. © Philippe Ammann

 

Mitmachen erwünscht
Mehr zu alten Apfel- und Obstsorten, Gemüse, Tierrassen, Kulturtechniken und Brauchtum auf www.fundus-agricultura.wiki der Online-Datenbank für das traditionelle Wissen im Alpenraum. Dieses oft nur lokal verbreitete und mündlich überlieferte Kulturgut gerät mehr und mehr in Vergessenheit. Fachkundige Laien sind herzlich zum Mitmachen eingeladen. Anmeldung und Anleitung auf der Website von Fundus Agri-Cultura Alpina.