Die «Stara trta», der mit rund 400 Jahren älteste Weinstock der Welt in der slowenischen Stadt Maribor, in schönem, gepflegtem Spalier auf einer undatierten historischen Aufnahme. | © Fundus Agri-Cultura
Die «Stara trta», der mit rund 400 Jahren älteste Weinstock der Welt in der slowenischen Stadt Maribor, in schönem, gepflegtem Spalier auf einer undatierten historischen Aufnahme. | © Fundus Agri-Cultura

Wandobstbau: vom Adelsprivileg zum Arbeiterbaum

  • Redaktion Naturschutz

Der Wandobstbau war lange ein Privileg der reichen Leute und wurde im späten 19. Jahrhundert zum Zweiterwerb des Industrieproletariats.

Neuer Fund aus dem Fundus Agri-Cultura Alpina, der Wissensdatenbank zum traditionellen landwirtschaftlichen Wissen im Alpenraum. Geschrieben von Urs Fitze.

Jahrelang hat Stane Kozutar versucht, was unmöglich erschien: Ein Auge am Stamm des ältesten Rebstockes der Welt, dem „Stara trta“, zu wecken. Er findet sich an der Fassade eines spätmittelalterlichen Handelshauses in der slowenischen Stadt Maribor. Auf 400 Jahre wird sein Alter geschätzt. Kozutar ist von der Stadt beauftragt, die uralte Rebe zu hegen und zu pflegen. Er hat selbst einen kleinen Weinberg am Stadtrand und kennt sich aus. Doch die Augen des Rebstockes, die mit ihren mächtigen Seitentrieben eine Fläche von gut und gern 20 Quadratmeter bedeckt, blieben geschlossen. Nur an der Peripherie wollte die Pflanze austreiben. Doch endlich klappte es, ein Auge öffnete sich ganz nah am uralten Stamm, um zu neuem Leben zu erwachen – „der Beweis für die ungebrochene Wuchskraft dieser Rebe“. Die Sorte Žametovka (Blauer Kölner) wird in Slowenien bis heute angebaut. Der Wein, es sind selten mehr als 50 Viertelliter-Flaschen im Jahr, wird handverlesenen Gästen der Stadt kredenzt.

Die uralte Rebe illustrierte eine ebenso uralte Tradition: Den Wandobstbau. Im Mittelalter waren es vor allem der Hochadel und die Klöster, die den Obstbau kultivierten und propagierten. Edelreiser waren ein fester Bestandteil vieler reisender Mönche. Inwieweit Spalierobst dabei eine Rolle spielt, ist nicht überliefert, aber die Aufzeichnungen des Dominikaners Albertus Magnus in seinem Werk «Naturalia» sind auch eine Hommage an die Schönheit der Gartenpflanzen, der «Lustgarten» soll auch das Auge erfreuen.

Während im bäuerlichen Obstbau die Hochstämme noch bis ins 20. Jahrhundert das Mass aller Dinge blieben und in den Städten sich innerhalb und ausserhalb der Stadtmauen Obstgärten zur Selbstversorgung ausbreiteten, verfeinerte sich der höfische Obstbau in den folgenden Jahrhunderten mehr und mehr. Trendsetter waren die Franzosen. Im 18. Jahrhundert war der Wandspalier (Espalier) eine feste Grösse neben Hochstämmen, freistehenden Spalieren und Zwergbäumen.

Goldenes Zeitalter

Die neue Wissenschaft der Pomologie läutet im 19. Jahrhundert ein goldenes Zeitalter des Obstbaus ein. Grosse Plantagen werden angelegt, Obstbäume werden sogar als Alleebäume gepflanzt, die Sortenvielfalt erreicht Rekordwerte. Im Thurgau werden 1846 250 Apfel- und 150 Birnensorten gezählt. Doch die Pomologen verlangen den aus Nordamerika übernommenen «Marktobstbau» mit weniger und marktgängigeren Sorten, die Selbstversorger geraten ins Hintertreffen.

Parallel dazu geraten viele Kleinbauern wirtschaftlich in arge Nöte, die sich mehr und mehr ausbreitende Industrie nimmt sie mit offenen Armen auf. Die Löhne sind meistens nicht existenzsichernd, die Familien sind auf Nebeneinkünfte angewiesen. Der vor allem von französichen Pomologen gepriesene Spalierobstbau, gerade so richtig modern geworden, wird als Alternative propagiert, um auch in Klein- und Kleinstgärten nennenswerte Erträge zu erzielen, die nicht nur dem Eigenbedarf dienen.

Im ersten Weltkrieg preisen die deutschen Obstverbände den «Wandobstbau» als überlebenswichtige Alternative in Kriegszeiten, der, wie es am 3. Februar 1918 im «Lehrmeister im Garten und Kleintierhof» heisst, «nicht nur Nutzen» bringe, «sondern auch viel angenehme Betätigung und Freude». Dass im Beitrag beschriebenen, verfeinerten Anbaumethoden, etwa die «Verrierpalmette mit vier Ästen», nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 praktisch eins zu eins aus Frankreich übernommen worden waren, bleibt unerwähnt. Obstspaliere aus dieser Zeit finden sich an manchen alten Bauernhäusern bis heute. Auch die kleinen Leute, so sie die Möglichkeit des Gartenbaus haben, pflanzen Wandobstspalierbäume. Dieses meist in Privatgarten gepflanzten Wandobst wurden in der Schweiz bei den regelmässigen Obstbaumzählungen offiziell nicht erfasst.

In den Zürcher Landgemeinden melden die Obstbauern bei der Zählung 1929 deutlich mehr Spalierobst als im Jahr 1886. Im Kanton Schaffhausen, wo das Spalierobst insgesamt erfasst wird, vervierfacht sich deren Zahl auf 32’364 im Jahr 1926. Dafür verantwortlich zeichnen besonders die Stadtgemeinden und die neuen Industriestandorte. «Die Vermehrung der Spaliere muss hauptsächlich der Zunahme der nichtlandwirtschaftlich tätigen Bevölkerung zugeschrieben werden», heisst es in einem Fachbeitrag der Thurgauischen Naturforschenden Gesellschaft 1936. Es dient nicht nur dem Eigenkonsum. Im Oberhallau etwa ist die Konservenfabrik der wichtigste Abnehmer. Spalierobst wird auch zur Alternative in höheren Lagen, wo das Obst im Feld nicht mehr reift. So gedeihen in Wildhaus im Obertoggenburg auf 1100 Metern Seehöhe an geschützten Hauswänden noch grosse Klar- und Lageräpfel.

Heute ist angesichts von Preisen importierten Obstes, die nichts Gutes erzählen über Anbau- und Arbeitsbedingungen, im Alpenraum kein Mensch mehr auf selbst angebautes Obst angewiesen. Gerade der Spalierobstbau ist damit wieder, wie zur Zeit des französischen Rokoko, zur Liebhaberei geworden, der Lustgarten als «Garten für die Sinne» zum neuen Ideal, wie es in zahlreichen Zeitschriften gepriesen wird. Ein Wandobstspalier passt gut dazu. Davon zeugt auch die Fülle von modernen Handbüchern mit Anleitungen, wie man es richtig macht.

Mitmachen erwünscht
Mehr zu alten Apfel- und Obstsorten, Gemüse, Tierrassen, Kulturtechniken und Brauchtum auf www.fundus-agricultura.wiki der Online-Datenbank für das traditionelle Wissen im Alpenraum. Dieses oft nur lokal verbreitete und mündlich überlieferte Kulturgut gerät mehr und mehr in Vergessenheit. Fachkundige Laien sind herzlich zum Mitmachen eingeladen. Anmeldung und Anleitung auf der Website von Fundus Agri-Cultura Alpina.