UG Nentwig D def.indd

Unheimliche Eroberer

  • Stefan Bachmann

Wolfgang Nentwig, der Herausgeber dieses grossformatigen Buchs, ist Professor für Ökologie an der Universität Bern und ein ausgewiesener Spezialist für invasive Pflanzen und Tiere. Das schön aufgemachte Buch handelt von ebendiesen: Von Organismen, die erst seit jüngster Zeit bei uns siedeln und die einheimische Flora und Fauna gehörig durcheinander bringen. Sei es von Ambrosia-Pflanzen aus Nordamerika, die Allergien auslösen können und viele Standorte überwuchern. Sei es von der Tigermücke als Globalisierungsweltmeister, die gefährliche Viren übertragen kann. Oder sei es von Waschbär, Marderhund oder vom „falschen“ grauen Eichhörnchen, das daran ist, das einheimische Eichhörnchen zu verdrängen.

Viele der 24 vorgestellten Pflanzen und Tiere sind wohlbekannt. Aber die Geschichten hinter ihrer Ausbreitung und Ankunft bei uns sind hoch interessant, so dass man als Naturinteressierter das populärwissenschaftlich geschriebene Buch mit grossem Interesse liest. Viele wunderschöne Bilder runden die Texte zu den 24 vorgestellten Organismen ab.

Eine Frage stellt sich beim Lesen des Buchs trotzdem. Natürlich verursachen vom Menschen eingeschleppte oder eingeführte Arten in der heimischen Natur grosse Probleme. Aber alle diese Arten als reine Schädlinge und damit des Teufels hinzustellen, wie es in diesem Buch geschieht, greift irgendwie doch ein wenig zu kurz. Da wird hochgerechnet, was für Unterhaltskosten dieser oder jener Baum verursacht, wie viel Stickstoff eine Pflanze anreichern kann oder wie schlimm die Allergien sind, die von Neophyten ausgehen können. Dass auch einheimische Pflanzen wuchern und giftig oder allergen sein können, wird nicht erwähnt. Es ist von vornherein klar: Die Fremden sind die Bösen, die Unsrigen die Guten. Oder anders gesagt: Die einen dürfen giftig sein, die anderen nicht.

Es soll hier keineswegs negiert werden, dass mindestens invasive, also sich stark ausbreitende Neobionten ein riesiges Problem sind für die einheimische Biodiversität. Aber was dem Buch etwas fehlt, ist Differenziertheit. Sind wirklich alle Neuankömmlinge des Teufels? Oder nur die Invasiven? Wo setzt man die Grenze und warum? Können Neobionten vielleicht auch bereichernd sein (Beispiel: als neue Nahrungsquelle)? Sind eier-fressende Waschbären  schlimmer als eier-fressende Marder? Sind Vernichtungsmassnahmen mit Pestiziden oder Insektiziden  immer gerechtfertigt? Eine Debatte über solcherlei Fragen hätte dem Buch  gut getan.

Trotzdem ist „Unheimliche Eroberer“ ein sehr interessantes Buch geworden, das sich zu lesen lohnt.

Wolfgang Nentwig (Hrsg.): Unheimliche Eroberer. Invasive Pflanzen und Tiere in Europa. Haupt Verlag, 2011, 254 Seiten, Fr. 53.90

Aga - Trigon Film