© Martin Arnold
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Öberefahre: einer der lebendigsten Bräuche im Alpenraum

  • Redaktion Naturschutz

Die Alpfahrt im Appenzellerland, das „Öberefahre“, zählt zu den lebendigsten Bräuchen des Alpenraums. Bis heute wird sie mit Würde und Freude zelebriert.

Neuer Fund aus dem Fundus Agri-Cultura Alpina, der Wissensdatenbank zum traditionellen landwirtschaftlichen Wissen im Alpenraum. Geschrieben von Martin Arnold.

Ein feiner Sprühregen peitscht von Appenzell her durch die Hauptstrasse von Brülisau. Es ist empfindlich kalt, und wer nur dasteht, zieht fröstelnd den Kragen hoch. Das sind die Zuschauer. Die Akteure in diesem traditionellen Spektakel sind kleine Kinder, Sennen und Bauern und viele Kühe, Rinder, Ziegen und Pferd inklusive Lediwagen, einem Leiterwagen. Die Zweibeiner tragen ihre Tracht. Öberefahre ist der Alpaufzug, der meist irgendwann in der ersten Junihälfte stattfindet. Um zwei Uhr nachts werden die Kühe gemolken, und alles wird vorbereitet. Erst dann gibt’s ein Frühstück. Abmarsch in Gonten ist um fünf Uhr morgens. Um sechs passiert die Gruppe den Kantonshauptort Appenzell und kurz vor acht Brülisau. Dann geht es schnell steil bergauf, dem Hohen Kasten entgegen, der sich in den tief hängenden Wolken verliert.

Auch wenn selbst in Appenzell Frauen inzwischen abstimmen dürfen, das „Öberefahre“ ist noch reine Männersache. Frauen sind bei Alpfahrten im Kanton Appenzell Innerrhoden nie dabei. Auch waren die Arbeiten auf der Alp, zumindest in der Vergangenheit körperlich anstrengend und somit reine Männersache. Mag sein, dass Bräuche besonders im Innerrhodischen noch lange Traditionen genannt werden, wo man sie anderswo als alte Zöpfe abschneidet. Doch darüber macht sich jetzt niemand Gedanken. Menschen und Tiere schreiten in gebückter Haltung fast im Gleichschritt feierlich bergan. Es ist eine Prozession. Manchmal müssen die Kühe stehen bleiben und zuschauen, wie ihre Treiber ein Glas Wein oder eine Tasse Kaffee geniessen, die ihnen Leute am Wegrand anbieten. Andere Zuschauer rufen einfach „Wönsch Glöck“ und wünschen den Sennen somit einen angenehmen Alpsommer ohne grössere Zwischenfälle.

Es ist Braunvieh, dass fast schon elegant die steile und durch Kuhfladen schmierig gewordene Teerstrasse Richtung Restaurant Ruhsitz hoch trottet: Allein voran der Geissenbueb mit den verspielten weissen Geissen, die schnell trippeln und von den Helfern zurückgehalten werden müssen. Den Geissen folgt der Senn, der den Sommer auf der Alp verbringen wird. Er trägt die berühmten gelben Hosen. Ihm folgen drei Schellkühe mit grossen Glocken. Hinterher schreiten vier Männer – ebenfalls in Festtagstrachten. Es sind Sennen und Helfer, die auch den Fahreimer hoch tragen, welche mit Senntumsmalereien, dem so genannten „Bödeli“, geschmückt ist. Danach folgen die Herde und zwei Springbuben, welche die Kühe zurücktreiben, wenn sie auf Abwege geraten. Die vier Männer in Festtagskleidung tragen später auch abwechslungsweise die schweren Schellen, wenn das Gelände unwegsam wird. Kaum oben angekommen werden die Schellen im Dreiklang geschwenkt und dienen als Untermalung für ein Innerrhoder Rugguserli. Es entspricht dem Jodel Zäuerli im ausserrhodischen Nachbarkanton und ist ein musikalischer Ausdruck von Freude für das gelungene Öberefahre.

© Martin Arnold
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Das Braunvieh verteilt sich auf der Alp übermütig über die kniehohe, blühende Alpfrühlingswiese. Die Tiere sind während des Sommers auf zwei Alpen verteilt, welche zusammen 53 Stösse ergeben, also 53 Grossvieheinheiten, die dort weiden dürfen. Eine Grossvieheinheit ist eine erwachsene Kuh, die zwei Rindern oder drei Kälbern entspricht. So kann das Land im Talgrund für die Futterproduktion genutzt werden. Damit lässt sich selbst im rauen Appenzell der Winter überstehen.

Das „Öberefahre“ mit seiner ganzen Festlichkeit, die Nutzung und Pflege der Alp, die Tiere und ihre Milch, die zu einem Teil für den privaten Gebrauch zu Käse und Butter verarbeitet werden, aber auch die Nutzung der Tiere für die Fleischproduktion, die Alpstobete – dies alles sind feste Bestandteile eines nachhaltigen und naturnahen Jahreskreislaufes. Die Sennen folgen ihm, ohne Zweifel und sehr oft mit einem Lächeln im Gesicht.

Mitmachen erwünscht

Mehr zu alten Apfel- und Obstsorten, Gemüse, Tierrassen, Kulturtechniken und Brauchtum auf www.fundus-agricultura.wiki der Online-Datenbank für das traditionelle Wissen im Alpenraum. Dieses oft nur lokal verbreitete und mündlich überlieferte Kulturgut gerät mehr und mehr in Vergessenheit. Fachkundige Laien sind herzlich zum Mitmachen eingeladen. Anmeldung und Anleitung auf der Website von Fundus Agri-Cultura Alpina.