Die Torf-Mosaikjunfer (Aeshna juncea) zeigt bei Bedrängnis ein ganz spezielles Verhalten. | © Jan Hammershaug [CC-BY-SA-2.0], via flickr.com
Die Torf-Mosaikjunfer (Aeshna juncea) zeigt bei Bedrängnis ein ganz spezielles Verhalten. | © Jan Hammershaug [CC-BY-SA-2.0], via flickr.com

Natur bewegt! – Ein ziemlich irrer Abgang

  • Julia Hatzl

Im Tierreich entstanden sehr unterschiedliche, teils bizarre Taktiken, um potenzielle Partner zu beeindrucken und dadurch seine eigenen Fortpflanzungschancen zu erhöhen. Aber es geht auch anders rum. Ist der Partner zu aufdringlich, so muss er irgendwie abgeschüttelt werden.  Die Torf-Mosaikjungfer (Aeshna juncea) hat eine ganz spezielle Taktik entwickelt: Die Weibchen stürzen ab und stellen sich tot.

Der Biologe und Libellenforscher, Rassim Khelifa, machte während seiner Feldarbeit für das Doktorat an der Universität Zürich eine erstaunliche Beobachtung: Während er in den Schweizer Bergseen Larven der Torf-Mosaikjungfern sammelte, konnte er Libellen beobachten, die mitten im Flug abstürzten und regungslos im Gras liegen blieben. «Ich war sehr überrascht», so Rassim.

Bei genauerer Betrachtung stellte Rassim fest, dass es sich bei den Sturzpiloten um Weibchen handelte, die gerade die Eiablage abgeschlossen hatten und von Männchen verfolgt wurden. Sobald das Männchen sich nicht mehr für das sich tot stellende Weibchen interessierte, schwirrte es auf und davon, als ob nichts gewesen wäre. Das gleiche Verhalten konnte er bei weiteren 31 Individuen beobachten, von denen 27 mit Sicherheit in Zusammenhang mit zu aufdringlichen Männchen standen. 21 der 27 Weibchen hatten Erfolg mit ihrer Taktik.In über 10 Jahren, in denen er schon verschiedene Libellenarten beobachtet und erforscht hatte, hatte er noch nie zuvor ein solches Verhalten beobachten können.

Die Männchen sind schuld

Männliche Gross- und Kleinlibellenarten haben unterschiedliche Taktiken entwickelt, um sicherzustellen, dass ihre Gene weiterverbreitet werden. Bei manchen Arten erfolgt die Eiablage gemeinsam. Das bedeutet, dass das Männchen und Weibchen während der Eiablage miteinander verbunden sind. Dies kann entweder als Paarungsrad oder Tandem erfolgen. Das Männchen packt dabei das Weibchen mit seinen starken Hinterleibszangen im Nacken. Zwar ist das Gespann während dieser Zeit anfälliger für Räuber, das Männchen kann jedoch das Weibchen vor Nebenbuhlern beschützen.

Im Tandemflug hält das Männchen das Weibchen während der Eiablage im Nacken fest. | © Julia Hatzl
Im Tandemflug hält das Männchen das Weibchen während der Eiablage im Nacken fest. | © Julia Hatzl

Männchen anderer Arten bewachen die Weibchen bei der Eiablage intensiv und wimmeln jeden unwillkommenen Gast ab. Dies kann beispielsweise bei den Prachtlibellen (Calopterygidae) beobachtet werden. Die Torf-Mosaikjungfer hat eine weitere Strategie. Dabei ist das Weibchen komplett auf sich alleine gestellt. Das Sperma wird vom Männchen übergeben und das Weibchen macht sich alleine auf den Weg zum geeigneten Eiablageplatz.

Diese Plätze werden allerdings oft von einer Horde paarungsfreudiger Männchen bewacht, die sich nur zu gerne jedes vorbeischwirrende Weibchen schnappen würden. Eine weitere Kopulation könnte für das Weibchen jedoch tödlich enden. Bei Libellen reicht eine Kopulation aus, um alle Eier zu befruchten. Sind die befruchteten Eier bereits abgelegt, könnte ein weiterer Sexualakt den Reproduktionstrakt des Weibchens beschädigen und zu seinem Tod führen. Damit die Weibchen diesen unwillkommenen Verehrern entkommen und sich schützen können, scheinen sie die Taktik des Abstürzens entwickelt zu haben.

«Sich bei einer hohen Geschwindigkeit einfach fallen zu lassen, ist gefährlich», merkt Adolfo Cordero-Rivera von der Universität Vigo in Spanien an. Bruchlandungen können ernsthafte Verletzungen nach sich ziehen. «Es könnte sein, dass diese Strategie nur von Weibchen gebraucht wird, die in Gebieten mit vielen anderen Libellen der gleichen Art leben. Weibchen verhalten sich möglicherweise nur so, wenn die Bedrängnis durch Männchen sehr hoch ist.»

Rassim vermutet, dass das Verhalten aus dem Schutzreflex vor Räubern und Feinden hervorgegangen ist. Sich tot zu stellen sei bei Libellen schon öfter beobachtet worden, um Feinden zu entkommen, jedoch noch nie, um vor dem anderen Geschlecht zu flüchten. Dieses Verhalten kannte man bis dato nur von einer Spinnen-, einer Gottesanbeterinnen- und zwei Fliegenarten.

Eine Kleinlibellenverwandte der Torf-Mosaikjungfer hat  sich eine weitere Idee einfallen lassen, um sich vor „sexhungrigen“ Partnern zu schützen. Sie fressen sie einfach auf.

Der ursprüngliche Artikel wurde  am 24. April 2017 in der Zeitschrift «Ecology» publiziert.