Der Einzug von Jesus Christus in Jerusalem in einer Darstellung von Leopold Layer auf einem Bienenstockstirnbrett aus dem Jahr 1821. Mit diesen Brettern wurden in Kärnten und in Slowenien Bienenstöcke über den Flugöffnungen bedeckt. © Ethnographisches Museum Slowenien
Der Einzug von Jesus Christus in Jerusalem in einer Darstellung von Leopold Layer auf einem Bienenstockstirnbrett aus dem Jahr 1821. Mit diesen Brettern wurden in Kärnten und in Slowenien Bienenstöcke über den Flugöffnungen bedeckt. © Ethnographisches Museum Slowenien

Heidnisches und Christliches am Palmsonntag

  • Selina Fehr

Der Palmsonntag, in diesem Jahr am 25. März, geht auf eine christliche Überlieferung in den Evangelien zurück. Doch auch manch alter heidnischer Brauch aus der Antike kommt zum Zug.

Neuer Fund aus dem Fundus Agri-Cultura Alpina, der Wissensdatenbank zum traditionellen landwirtschaftlichen Wissen im Alpenraum. Geschrieben von Urs Fitze.

«Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: Sagt der Tochter Zion: ‹Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers›»

«Da nahmen sie Palmzweige, zogen hinaus, um ihn zu empfangen und riefen: Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn, der König Israels! Jesus fand einen jungen Esel und setzte sich darauf – wie es in der Schrift heißt: ‹Fürchte dich nicht, Tochter Zion! Siehe, dein König kommt; er sitzt auf dem Fohlen einer Eselin ›»

Aus den Evangelien des Matthäus beziehungsweise Johannes stammen die beiden Textpassagen. Die Autoren schildern, wie auch die beiden anderen Evangelisten Lukas und Markus, den Einzug von Jesus in Jerusalem, auf dem Rücken eines Esels reitend, empfangen von Anhängerinnen und Anhängern, die ihn mit Palmzweigen empfingen. In der Antike galten Palmzweige als Zeichen der Huldigung und des Sieges. Dieser Empfang des «Königs der Armen» war für die herrschenden römischen Statthalter bei aller symbolisch mit dem Eselsritt zur Schau gestellten Friedfertigkeit eine offene Provokation. Was folgte, war die Leidenszeit Jesu‘, seine Kreuzigung und Wiederauferstehung: die Passionsgeschichte.

Biblisches in Bildern

Der Palmsonntag, der letzte Sonntag der Fastenzeit und der Sonntag vor Ostern, ist seit rund einem Jahrtausend der Gedenktag des Einzugs Jesus Christi in Jerusalem. Seit dem frühen Mittelalter sind Prozessionen, die diesen Einzug nachbilden, im südwestlichen Europa überliefert, teils in Vermischung mit anderen segensreiche Riten. Dabei wurden stets Palmzweige mitgetragen, deren symbolische Bedeutung sich im Christentum gewandelt hatte. Sie waren zum Sinnbild für Friede und dem Jubel geworden, der Jesus gegolten hatte. Parallel dazu galt die alte Siegesformel weiterhin: Viele Märtyrer wurden mit einem Palmzweig als Symbol für die im Martyrium Vollendeten, in Anlehnung an eine Spruch aus der Offenbarung: „Sie standen in weissen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen.“

Um das Jahr 1000 herum waren Palmprozessionen auch im Alpenraum angekommen. Im bildgewaltigen Hochmittelalter liess sich die gebildete klerikale und adelige Oberschicht einiges einfallen, um die ungebildeten, des Lesens und Schreibens oft unkundigen Massen der Bevölkerung an Gottes Wort zu erinnern. Dazu zählten neben den mit reichen Fresken ausgestatteten Kirchen und den Predigten auch die religiösen Bräuche. Diese stellten in aller Regel das Wort aus der – damals noch nicht ins Deutsche übersetzten Bibel – im Wortsinne nach. Dazu zählte in den Palmprozessionen auch der Esel, auf dem Jesus geritten war. Der heilige Ulrich, der 923 Bischof von Augsburg geworden war, soll damals den Prozessionszug am Palmsonntag angeführt haben. Das Bildnis des auf dem Esel reitenden Heilandes wurde dabei mitgetragen. Aus Bamberg ist im Jahr 970 eine erste Palmprozession mit einem Esel, auf dem ein als Christus verkleideter Priester ritt, überliefert. Später wurden die Esel durch Holzfiguren ersetzt, von denen es im Hochmittelalter Tausende gegeben haben muss. Nur einige Dutzend haben die Bilderstürme der Reformation und die aufklärerischen Verbote überstanden. Der Palmesel lebt heute, mit ganz wenigen Ausnahmen, nur noch in einer verballhornten Form weiter: Wer in der Familie am Palmsonntag zuletzt aufsteht, erbt den Palmesel.

Hölzerner Palmesel mit Jesus-Statue aus dem späten 15. Jahrhundert, die Figur wurde an Palmprozessionen zur Kirche geführt. Sie kann heute im Zeppelin-Museum in Friedrichshafen bewundert werden © Daderot
Hölzerner Palmesel mit Jesus-Statue aus dem späten 15. Jahrhundert, die Figur wurde an Palmprozessionen zur Kirche geführt. Sie kann heute im Zeppelin-Museum in Friedrichshafen bewundert werden © Daderot

Zum Ritual gehörte die Weihe der Palmzweige. Hier vermischten sich heidnische und christliche Bräuche. Aus dem Altertum überliefert worden war die Wirkmächtigkeit der immergrünen Blätter. Daraus erwuchsen Bräuche, die den Palmzweigen überirdische Kräfte zusprachen, etwa als Schutz gegen den Feuerteufel, wie dieses Gedicht aus Oberaudorf am Inn illustriert:

Balst a Palmkatzerl nimmst

und steckts es auf‘s Haus,

Na kimmt dir deiner Lebtag

koa Feuer net aus.

Das «Palmkatzerl» dient in den alpinen liturgischen Feiern zum Palmsonntag als Ersatz für die echten Palmwedel, die nur im warmen mediterranen Klima gedeihen. Es handelt sich um Weidenkätzchen, die pelzigen Blüten der Salweiden. Sie wurden oft ergänzt mit immergrünen Zweigen und Blättern von Buchsbaum, Immergrün, Wacholder und Stechpalme. Die Zweige mit den kleinen Kätzchen werden nach altem Brauch zu einem «Palmbuschen» gebunden. Die einfachste Form ist ein Büschel, der in der Hand getragen wird. Die Weidenkätzchen werden mit dem grünen Beiwerk kunstvoll zu kleinen Kränzen, Herzen, Kreuzen oder langen Kolben gebunden. Die Palmzweige werden mit bunten Bändern zusätzlich fein herausgeputzt. In manchen Gebirgsorten behängt man sie noch mit kleinen Brezen («Fastenbrezen»), rotbackigen Äpfeln und Papierrosen. Dabei musste man mit Ernsthaftigkeit an diese Arbeit gehen. Wer beim Binden der Palmbuschen lachte, entweihte das Grün schon vorab. Eine Weihe wars dann nicht mehr möglich. Palmzweige und Palmprozessionen erfreuen sich heute vor allem im österreichischen und deutschen Alpenraum wieder steigender Beliebtheit.

Palmbesen an der Kirchenwand in Tamsweg im Lungau im Bundesland Salzburg. © Christoph Enzinger
Palmbesen an der Kirchenwand in Tamsweg im Lungau im Bundesland Salzburg. © Christoph Enzinger

Die «Palmbuschen» werden vor allem im Tirol an mehrere Meter lange «Palmbesen» oder «Palmstangen» gebunden und von Kindern, oft assistiert von ihren Eltern, während der Prozession getragen. Die «Palmen» werden dann während des Gottesdienstes geweiht und danach etwa im Herrgottswinkel der Bauernhäuser oder in den Stuben aufbewahrt. Manchenorts werden die Zweige im Folgejahr verbrannt und die Asche als eine Art Glücksbringer auf den Feldern ausgestreut. Und auch in einigen Bauernregeln ist der Palmsonntag vereweigt: «Schneit’s am Palmsonntag in die Palmen, treibt’s die Küh‘ von den Almen»; «Palmen im Klee, Ostern im Schnee.»

Mitmachen erwünscht

Mehr zu alten Apfel- und Obstsorten, Gemüse, Tierrassen, Kulturtechniken und Brauchtum auf www.fundus-agricultura.wiki der Online-Datenbank für das traditionelle Wissen im Alpenraum. Dieses oft nur lokal verbreitete und mündlich überlieferte Kulturgut gerät mehr und mehr in Vergessenheit. Fachkundige Laien sind herzlich zum Mitmachen eingeladen. Anmeldung und Anleitung auf der Website von Fundus Agri-Cultura.

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