© oekom verlag
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Die neuen Wilden                                

  • Stefan Bachmann

Vom Menschen eingeschleppte oder eingeführte Pflanzen- und Tierarten stellen für die Biodiversität eines der grössten Probleme überhaupt dar. Der britische Journalist Fred Pearce ist jedoch der Meinung, es brauche keine Massnahmen gegen die Neozoen und Neophyten, denn diese seien ein Gewinn für die Natur. Trotz interessanten Passagen ist das Buch vor allem eines: astreiner Thesenjournalismus.

Vom Menschen eingeführte oder eingeschleppte Tier- und Pflanzenarten – sogenannte Neozoen und Neophyten – breiten sich rasant auf der Welt aus, seit Homo sapiens durch seine Reisen und Warentransporte keine Grenzen mehr kennt. Viele der Arten bereiten der Natur (und dem Menschen) keine Schwierigkeiten, einige hingegen machen sich auf Kosten anderer breit: Ratten und Mäuse bringen auf Inseln seltene Vogelarten zum Aussterben, invasive Neophyten überwuchern Ökosysteme und lokale gefährdete Arten, Grauhörnchen bringen das Eichhörnchen in grosse Not, eingeschleppte Insekten, Krebse oder Amphibien verteilen Krankheiten und Seuchen auf ganzen Kontinenten etc. Für den englischen Wissenschaftsjournalist Fred Pearce ist das alles kein Problem. Sein Credo: Lasst die Natur einfach machen, ohne die Zeit zurückdrehen zu wollen. Ob die neuen Arten vom Menschen eingeschleppt wurden oder aus eigener Kraft an einen Ort gelangten, findet er nicht wichtig, denn eine „ständige Neuordnung und Anpassung an Zufälle“ sind für ihn „Teil der natürlichen Prozesse“.

Pearce gibt zwar zu, dass sich nicht alle eingeführten Arten „wie ordentliche Bürger“ aufführen. Er spricht selber von rund 10 Prozent der Spezies, die Probleme bereiten. Aber das stört den Autor nicht weiter: „Trotzdem erhöhte sich mit jeder Invasion die Biodiversität, da mehr Arten hinzukamen als ausgestorben sind“. Diese empirisch nicht näher begründete Formel verführt Pearce schliesslich zur Forderung, die Ausbreitung der invasiven Neobiota, die sich auf Kosten anderer überall durchsetzen können, sei zu fördern. Nur so könne man die Natur noch retten.

Später kritisiert er, dass sich die Naturschützer „nur für die Schwachen und Gefährdeten einsetzen“, nicht aber für die „Starken und Raffinierten“ (sprich für die Generalisten, die sich freilich nur dank des Menschen überall ausbreiten konnten). Dabei sei Darwins „Survival of the Fittest“ ja ein fundamentales Naturgesetz: „Die Schwachen haben nun ausgedient, die Welt gehört den Starken.“ Was für eine Aussage – die möchte man lieber nicht weiterspinnen. Dass bis anhin alle Arten in ihren spezifischen Nischen stark und überlebensfähig waren, bis der Mensch kam und die Arten neu verteilte, übersieht Pearce geflissentlich.

Worauf er weiter ausführt, die „Homogenisierung“ der Welt, also die Ausbreitung einiger Generalisten auf Kosten vieler lokal ansässiger Spezialisten, sei kein Problem. Die Begründung: Es gebe schliesslich noch keinen Beweis dafür, dass die Gesamtzahl der Spezies auf der Welt wichtig sei für die Prozesse der Natur. Zudem habe bisher jedes grosse Artensterben nur einen wahren Ausbruch an evolutionärer Erneuerung ausgelöst. Eine morbide Logik, wie mir scheint: Macht alles kaputt, damit die Evolution spielen und die Natur sich wieder selbst erneuern kann.

Aktionen, um die weitere Ausbreitung invasiver Neobiota zu verhindern, verurteilt der Autor. Wenn er auch die Naturschützer wenigstens nicht als Rassisten beschimpft, so spricht er trotzdem von„einer Art ethnischer Säuberung“, wenn es um solche Aktionen geht. Leider zeigt aber auch Pearce keine Alternativen auf. Soll man auf kleinen Inseln wirklich erfreut zuschauen, wie vom Menschen eingeschleppte Ratten oder Mäuse seltene Meeresvögel ausrotten?

Insgesamt wird beim aufmerksamen Lesen bald klar, dass Fred Pearce astreinen Thesenjournalismus betreibt. Während Beispiele von unproblematischen Neobiota breit beschrieben werden und als Beweise für seine vorgefasste These dienen, werden Beispiele von invasiven, problematischen Arten weggelassen (Grauhörnchen, amerikanische Krebse, Springkraut, Goldrute etc.), oder sie bleiben seltsam unkommentiert. Empirische Beweise sind zudem äusserst dünn gesät in diesem Buch.

Somit macht der Autor genau das selber, was er den Naturschützern vorwirft: Er pauschalisiert, statt zu differenzieren. Sowieso scheinen mir viele seiner Angriffe auf die modernen Ökologen ungerechtfertigt. Er schreibt, diese seien pauschal gegen alles Neue und Fremde. Weiter hätten sie neue Forschungserkenntnisse nicht mitbekommen. Ich glaube nicht, dass Pearce diese Aussagen belegen könnte, zumal es im Naturschutz viele unterschiedliche Strömungen und Meinungen gibt.

Andere Beobachtungen hingegen sind interessant, so etwa die Erkenntnis, dass es auf der Erde fast keine Naturräume mehr gibt, die nicht vom Menschen schon stark beeinflusst wurden. Ab und zu verstrickt sich Pearce jedoch in Widersprüche. So schreibt er, es gebe in Ökosystemen kein Gleichgewicht. Dann aber (auf Seite 49) meint er, die eingeführten Arten hätten auf der Insel Guam nur eine Chance gehabt, alles auf den Kopf zu stellen, weil sie in ein aus dem Gleichgewicht geratenes Ökosystem gekommen seien. Schade auch, dass Pearce immer wieder Biodiversität mit Artenvielfalt gleichsetzt.

Am Schluss des Buches schreibt Fred Pearce sodann, der Mensch habe mit seinem weltweiten Wirken viel für die Natur getan, indem er etwa mit seinen Nutzpflanzen-Varietäten die Biodiversität erhöht oder durch das anthropogene Artensterben neue Evolutionsschübe ausgelöst habe. Dann wieder macht er eine Kehrtwendung: „Niemand möchte, dass Arten aussterben.“ Aber: Man könne es ja sowieso nicht mehr verhindern. Deshalb solle man doch das Neue lieber fördern als Altem nachzutrauern.

Natürlich, man kann es sich auch einfach machen. Aber diese Art von „Laisser-Faire-Liberalismus“ (Nach mir die Sintflut!) scheint mir ziemlich unsensibel und unmoralisch zu sein.

 

Fred Pearce
Die neuen Wilden
Verlag: oekom verlag
ISBN: 978-3-86581-768-6
1. Auflage 2016
320 Seiten