Einst lebensnotwendig, heute zu Zwecken des Naturschutzes: Waldbeweidung auf einer Alp im Bündner Rheintal. | © Andi Butz
Einst lebensnotwendig, heute zu Zwecken des Naturschutzes: Waldbeweidung auf einer Alp im Bündner Rheintal. | © Andi Butz

Bergwald: Ressource zum Überleben

  • Redaktion Naturschutz

Im Wald ging es für die Bergbevölkerung noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein um weit mehr als das Holz. Der Wald sicherte das Überleben.

Dieser Tipp wird präsentiert vom Fundus Agri-Cultura.

Eine parkähnliche Landschaft mit mächtigen Laubbäumen erstreckt sich um einen Bauernhof bei Bönigen im Berner Oberland. Eine Ziegenherde verstreut sich im Gelände, die Bäuerin hat mit einem Rechen Laub gesammelt, das sie in einem Korb zum Stall trägt: Die kolorierte Umrissradierung aus dem Jahr 1808 zeigt ein für diese Zeit typisches Bild einer Landwirtschaft in den alpinen Berggebieten, für die der Wald nicht nur seines Holzvorrates wegen von überragender Bedeutung war. Er diente als Weide, zur Heugewinnung, für den Feldbau, als Quelle von Nadel- und Laubfutter, Streue für den Stall, und er lieferte in Form von getrocknetem Laub auch das Füllmaterial für Matratzen. In den zwei Jahrhunderten zuvor hatte sich eine Agrarrevolution abgespielt: Kartoffeln und Mais ersetzten nach und nach das einst weit verbreitete Getreide. Im Flachland stellten viele Bauern auf Milchwirtschaft um. Auch der Käse, in vielen alpinen Gebieten das wichtigste Exportprodukt, wurde zunehmend im Tal produziert.

Wald als Rettungsanker

Die Berggebiete hatten das ökonomische Nachsehen. Das starke Bevölkerungswachstum und die Verarmung breiter Schichten der Bergbevölkerung zwangen viele in die Emigration und jene, die zurückgeblieben waren, in eine prekäre Existenz am seidenen Faden: Die intensive Nutzung des Waldes wurde zu einer Überlebensnotwendigkeit. So wurde der für die Viehhaltung in Ställen unerlässliche Stroh wegen der Aufgabe des Getreideanbaus zur Mangelware. Ersatz gab es, abgesehen von Schilfgürteln und Sumpfgebieten, die im Herbst abgemäht wurden, praktisch nur im Wald. In zeitgenössischen Beschreibungen ist von praktisch leergefegten Waldböden die Rede, im Berner Oberland sei das Buchenlaub so sorgfältig zusammengewischt worden, «dass man oft die zurückgebliebenen Blätter zählen könnte», hiess es in einem forstwirtschaftlichen Bericht von 1874. Die «Waldstreue», zu der nicht nur die Blätter von Laubbäumen, sondern auch Nadeln, Farne, Moos, Gras und Erde gehörten, war in vielen Bergregionen der Alpen wirtschaftlich von weit grösserer Bedeutung als der reine Holzschlag. Es ging dabei nicht nur um die Streue für den Stall, sondern auch um Futter für das Vieh, insbesondere die Ziegen, die als «Kuh des armen Mannes» galten. Die Milch von zwei Ziegen nährte eine oft landlose, fünfköpfige Familie. Die Tiere weideten sommers im Wald und wurden im Winter mit Laub, Nadeln, Moos und Flechten durchgefüttert.

Nutzungskonflikt mit den Förstern

Es kam zu Nutzungskonflikten mit der Forstwirtschaft, die sich unter einem «guten Wald» etwas ganz anderes vorstellte als dies in den Jahrhunderten zuvor der Fall gewesen war. Man sprach vom «Plünderwald», der durch die Eingriffe der Landwirtschaft zugrunde gerichtet werde, und vom Bergbauern als «Waldschädling» sprachen, der «insbesondere durch Weidgang und das Sammeln der Waldstreue» die Lebenskraft des Waldes untergrabe, wie es noch 1939 im Handbuch der Schweizerischen Volkswirtschaft hiess. Schon Jahrzehnte früher war es in der Schweiz zu gesetzlichen Regelungen zur Unterbindung dieser Nutzungsformen gekommen. Mehrere Überschwemmungskatastrophen in den Tälern waren in ursächlichen Zusammenhang mit der landwirtschaftlichen Nutzung der Bergwälder gestellt worden. Durchsetzen liessen sich die neuen Regeln angesichts purer Not in vielen Bergtälern aber kaum. Gelöst wurde der Konflikt zum einen durch die bessere Erschliessung des Berggebietes, das Aufkommen von Tourismus und anderen, neuen Erwerbsformen, und durch die starke Subventionierung der Berglandwirtschaft. Die teils halboffenen, sehr artenreichen Waldlandschaften dieser Zeit, der fliessende Übergang von Wald zu Feld und Wiese, sind Geschichte und werden, als naturschützerische Massnahme etwa zur Erhaltung des Auerwildes, das auf offene Flächen angewiesen ist, mit der Motorsäge wieder geschaffen. Der «gute Wald» hat sich als wandelbar erwiesen.

Mitmachen erwünscht
Mehr zu alten Apfel- und Obstsorten, Gemüse, Tierrassen, Kulturtechniken und Brauchtum auf www.fundus-agricultura.wiki der Online-Datenbank für das traditionelle Wissen im Alpenraum. Dieses oft nur lokal verbreitete und mündlich überlieferte Kulturgut gerät mehr und mehr in Vergessenheit. Fachkundige Laien sind herzlich zum Mitmachen eingeladen. Anmeldung und Anleitung auf www.fundus-agricultura.wiki.