Der Vierwaldstättersee bei Wind und Wetter, 1802 in Wasserfarben gemalt von William Turner (1775 – 1851).
Der Vierwaldstättersee bei Wind und Wetter, 1802 in Wasserfarben gemalt von William Turner (1775 – 1851).

Bauernregeln: Da ist was dran                  

  • Redaktion Naturschutz

Bauernregeln sind weit besser als ihr Ruf. Doch der Teufel steckt im Detail. Der hundertjährige Kalender hingegen ist das Papier nicht wert.

Neuer Fund aus dem Fundus Agri-Cultura Alpina, der Wissensdatenbank zum traditionellen landwirtschaftlichen Wissen im Alpenraum. Geschrieben von Urs Fitze.

„Wie das Wetter am Siebenschläfer sich verhält, ist es sieben Wochen lang bestellt.“ – „Scheint am Siebenschläfer Sonne, gibt es sieben Wochen Wonne.“

Sie klingen irgendwie logisch, diese Bauernregeln. Doch ist da auch was dran? Durchaus, meint die Wissenschaft mit Verweis auf die Wetterstatistik, die, vor allem in Alpennähe, eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für einen heissen Sommer ausweist, wenn am Siebenschläfertag die Sonne scheint – oder einen nassen, wenn es regnet. Der Meteorologe Horst Malberg kommt aufgrund von Wetterdaten auf eine Wahrscheinlichkeit von 61 %, also deutlich über dem Zufall.

Malberg attestiert in seinem Buch „Wetterregeln“ unseren Vorfahren, dass sie „hinsichtlich der Naturbeobachtung dem modernen Stadtmenschen weit überlegen“ gewesen sein dürften. Aus gutem Grund: Schliesslich waren sie gerade in der Landwirtschaft auf die eigene Beobachtungsgabe angewiesen. Es gab in vormodernen Zeiten noch keine Meteorologie. Thermometer und Barometer waren noch im 17. Jahrhundert nur wenigen Wissenschaftlern zugänglich, das Hygrometer kam erst Ende des 18. Jahrhunderts in Gebrauch. Wettertagebücher gab es schon viel länger, die ältesten europäischen stammen aus dem 14. Jahrhundert; in Indien wurden schon im vierten vorchristlichen Jahrhundert Regenmessungen durchgeführt.

Erfahrungswissen in Reimform

Und es gab das Erfahrungswissen aus Wetterbeobachtungen, das in Form von gereimten Bauernregeln zum europäischen Allgemeingut wurde. Schon 1505, nur ein halbes Jahrhundert nach Erfindung des Buchdrucks, erschienen die ersten Bauernregeln in deutscher Sprache. Im Kern basieren sie auf den Prinzipien jeder Vorhersage: einer genauen Beobachtung des Wettergeschehens und der Ableitung von gesammelten Erfahrungswerten auf die zukünftige Entwicklung. Dazu sind die Bauernregeln ausgesprochen vielfältig. Aus der Beobachtung von Wind und Wetter wurden kurzfristige Prognosen für die nächsten Stunden abgeleitet, aus Beobachtung der Witterung längerfristige Vorhersagen.

Doch auch das Verhalten von Tieren und Pflanzen spielte eine grosse Rolle. Selbst die Verballhornung aller Bauernregeln, „wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist“, trägt einen Kern Wahrheit in sich: Exakte langfristige Prognosen waren und sind bis heute mit einem hohen Grad an Unsicherheit behaftet. Der mechanische Wetterhahn auf dem Kirchturm allerdings, der die Windrichtung angibt, kann zuverlässig einen Wetterwechsel in den kommenden Stunden ankündigen. Und der Hahn auf dem Misthaufen könnte durchaus als Indiz für schlechtes Wetter taugen, wie es in einem anderen Spruch angedeutet wird:

„Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter, kräht er auf dem Hühnerhaus, hält das Wetter die Woche aus.“

Denn der Hahn könnte es auf Regenwürmer und andere Bewohner des Misthaufens abgesehen haben, die bei Regenwetter gerne an die Oberfläche kommen.

Kalenderabweichung berücksichtigen

Zurück zum Siebenschläfertag. Er bezieht sich auf den 27. Juni, im christlichen Kalender ein Gedenktag für die wundersame Erweckung von sieben verfolgten Christen, die fast 200 Jahren in einer Höhle bei Ephesos in der heutigen Türkei geschlafen haben sollen, wohin sie sich vor den Häschern des Kaisers Decius geflüchtet hatten. Das war am 27. Juni 446. Über 1000 Jahre später raffte sich Papst Gregor XIII. endlich dazu auf, den durch eine jährliche Abweichung von 11 Minuten und 14 Sekunden völlig aus den Fugen geratenen julianischen Kalender durch eine genauere Variante zu ersetzen, die seither seinen Namen trägt: der gregorianische Kalender.

Die sieben Schläfer von Ephesos in einer Darstellung aus der Weissenauer Passionale, zwischen 1170 und 1200. | © Fondation Bodmer, Coligny, Cod. Bodmer 127, fol 125 v
Die sieben Schläfer von Ephesos in einer Darstellung aus der Weissenauer Passionale, zwischen 1170 und 1200. | © Fondation Bodmer, Coligny, Cod. Bodmer 127, fol 125 v

Auch wenn Bauernregel in aller Regel kein Entstehungsdatum haben, so dürften viele noch aus der Zeit des julianischen Kalenders stammen – oder aus protestantischen Gebieten, denn dort wurde oft noch bis ins 18. Jahrhundert an der alten Zählung festgehalten. Das gilt mit einiger Wahrscheinlichkeit auch für den Siebenschläfertag. Berücksichtigt man die zeitliche Verschiebung um zehn Kalendertage, kommt man auf den 7. Juli: Dann steigt die Eintretenswahrscheinlichkeit auf 65 Prozent: in zwei von drei Jahren stimmt die Siebenschläferregel. Diese darf allerdings auch nicht ganz wörtlich genommen werden. Eher wäre dann von einem zu nassen oder zu trockenen Hochsommer zu sprechen, was für die Landwirte ja tatsächlich eines der entscheidenden Kriterien darstellt. Zu nass hiesse dann aus heutiger Sicht: bis zu 35 Regentage in sieben Wochen, zu trocken 20 bis 25 Regentage im selben Zeitraum.

Bauernregeln gelten nur lokal

Es ist also durchaus einiges dran an den Bauernregeln. Doch es gibt gleich zwei gewichtige Haken an der Sache. Die allermeisten Bauernregeln beziehen sich auf einen lokal begrenzten Raum, der sich in aller Regel aber nicht mehr genau bestimmen lässt. Und mit der Genauigkeit ist es dann doch so eine Sache. In einer Diplomarbeit nahm sich Michael Moser einer Auswahl an Bauernregeln aus der Oststeiermark und Graz an, um sie auf ihre Eintrittshäufigkeit abzuklopfen. Zusätzlich befragte er lokale Landwirte. Bei acht von den Bauern als zutreffend eingeschätzten Regeln lagen diese viermal falsch. Damit kommt man dem Kaffeesatz dann doch nahe.

Gänzlich als Kaffeesatzleserei muss der hundertjährige Kalender gelten, den es bis heute zu kaufen gibt. Wohl leitete der Langheimer Abt Moritz Knauer (1613 – 1664) seine Vorhersagen von Wetterbeobachtungen ab, die er während sieben Jahren aufgezeichnet hatte. Doch er verknüpfte diese mit einer Theorie, wonach das Wetter von den sieben (damals bekannten) Planeten gesteuert werde, die ihren Einfluss nach einem fixen Rhythmus wahrnähmen. Danach wiederholen sich die Wetterjahre im Siebenjahresrhythmus – deshalb auch die Beschränkung auf sieben Jahre Wetterbeobachtungen. Am hundertjährigen Kalender trägt Knauer indes keine Schuld. Die Wetteraufzeichnungen schlachtete ein geschäftstüchtiger Arzt aus dessen Nachlass aus und verknüpfte sie mit Angaben zur Planetenreihenfolge der Jahre 1701 – 1800. Er machte sie damit vollends wertlos.

Mitmachen erwünscht

Mehr zu alten Apfel- und Obstsorten, Gemüse, Tierrassen, Kulturtechniken und Brauchtum auf www.fundus-agricultura.wiki der Online-Datenbank für das traditionelle Wissen im Alpenraum. Dieses oft nur lokal verbreitete und mündlich überlieferte Kulturgut gerät mehr und mehr in Vergessenheit. Fachkundige Laien sind herzlich zum Mitmachen eingeladen. Anmeldung und Anleitung auf der Website von Fundus Agri-Cultura Alpina.

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