Kiebitz

Zürich: mehr Menschen als Vögel

  • Silvan Kaufmann
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Kiebitz_featuredDie Zahl der Brutvögel im Kanton Zürich hat in den letzten  20 Jahren um rund 10 Prozent abgenommen. Auch die Vielfalt ist am Schwinden: Häufige Arten breiten sich weiter aus, viele seltene Arten könnten in den nächsten Jahren aussterben. Dies ist das ernüchternde Resultat einer Brutvogel-Volkszählung von Zürcher Vogelschutz ZVS/BirdLife Zürich. Doch es gibt auch gute Nachrichten: Grossflächige Schutzgebiete zeigen Wirkung und im Wald halten sich viele Arten gut.

Von 2006 bis 2008 hat ZVS/BirdLife Zürich in einer gross angelegten Zählung mit Hilfe von rund 250 Freiwilligen die Brutvögel im Kanton Zürich kartiert – wie vor 20 Jahren bereits einmal. Das Resultat erregt Besorgnis: Die Gesamtzahl der Brutvogelpaare hat gegenüber 1988 um rund 10 Prozent abgenommen. Vor zwanzig Jahren brüteten 602’000 Paare, 2008 waren es noch 550’000 Paare, also rund 1.1 Millionen Individuen. Damit haben die 1.33 Millionen zur selben Zeit im Kanton Zürich lebenden Menschen wohl erstmals in der Geschichte die Brutvögel überflügelt. Selbst Allerweltsarten wie Buchfink (-19%), Amsel (-7%) und Hausspatz (-21%) haben an Boden verloren.

Der Substanzverlust der Zürcher Vogelfauna geht schleichend vor sich und ist schwierig wahrzunehmen. Die Zahl der im Kanton Zürich lebenden Vogelarten hat bis jetzt nicht abgenommen. Im Gegenteil: 2008 brüteten 139 Arten im Kanton und damit 4 mehr als vor zwanzig Jahren. Eine nur scheinbar gute Nachricht: Denn mehr als die Hälfte aller Zürcher Brutvogelarten kommt in Kleinstpopulationen von weniger als 100 Brutpaaren vor.

Die Zählung der Zürcher Brutvögel zeigt grosse Verluste an regionaler Vielfalt. Häufige und unspezialisierte Arten wie Ringeltaube, Elster und Mäusebussard verbreiten sich in immer mehr Lebensräumen und Regionen. Die 10 häufigsten Arten machen heute bereits ca. zwei Drittel des Gesamtbestands an Vögeln aus. Seltenere Arten mit speziellen Ansprüchen an ihren Lebensraum haben massive Einbrüche erlebt (z.B. Feldlerche: -82%, Kuckuck -42%) und sind aus vielen Gebieten verschwunden.

Neben diesen unerfreulichen Ergebnissen kommen die Fachleute des Ökobüros Orniplan, das die Zählung geleitet hat, auch zu positiven Schlüssen: Ein zentrales Resultat ist, dass grossflächige Naturschutzgebiete Wirkung zeigen. So finden sich um Greifensee und Pfäffikersee herum sehr artenreiche Gebiete. Sogar die sonst überall stark zurückgegangenen Rote-Liste-Arten konnten sich dort halten.

ZVS/BirdLife Zürich fordert konsequente Raumplanung…

Für ZVS/BirdLife Zürich zeigt die Zählung, dass der Kanton Zürich bald ohne die Perlen unter seinen Brutvögeln dastehen könnte. Dieser Einsicht müssen Taten folgen! Ein wesentlicher Teil der negativen Entwicklung ist auf das Wachstum der Siedlungsräume und die Aufweichung der Grenzen zwischen Siedlungsraum und Landwirtschaftsland zurückzuführen. Um das Aussterben der Rote-Liste-Arten zu verhindern, sind Kulturland und Siedlung strikt voneinander zu trennen. „Wir werden gegen die schleichende Zersiedlung der Landschaft antreten“, sagt Thomas Kuske, Geschäftsführer von ZVS/BirdLife Zürich.

… und mehr Qualität im ökologischen Ausgleich in der Landwirtschaft

Im Landwirtschaftsland wirken sich die intensive Bewirtschaftungsweise und der Verlust an Kleinstrukturen negativ aus. Die ökologischen Ausgleichsflächen genügen bisher quantitativ und qualitativ nicht, um die Kulturlandvögel (z.B. die Feldlerche) zu erhalten. Bei der Bemessung der ökologischen Direktzahlungen an Landwirte müssen verstärkt qualitative Kriterien eingefordert werden. Wichtig sind zudem weitere und qualitativ bessere ökologische Vernetzungsprojekte.

Kampagne 100xZüriNatur

ZVS/BirdLife Zürich unterstreicht die politischen Forderungen mit der Kampagne 100xZüriNatur: Der Verband und seine Sektionen werden in den nächsten Jahren mindestens 100 konkrete Schutzprojekte umsetzen. Dank der Ergebnisse der Kartierung weiss ZVS/BirdLife Zürich genau, welche Arten wo gefördert werden können. Als Auftakt bedient ZVS/BirdLife Zürich in den nächsten Wochen sämtliche Haushalte des Kantons mit regionsspezifischen Informationsflyern.

Weitere Infos:
www.birdlife-zuerich.ch

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