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Warm und kalt in Nordeuropa

  • Nora Kieselbach
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Neue Forschungsergebnisse aus der Paläoklimatologie deuten darauf hin, dass das Klima zur Römerzeit und im Hochmittelalter möglicherweise leicht wärmer war als bisher angenommen, wie die Eidgenössische Forschungsanstalt WSL informiert. Einer internationalen Forschergruppe mit WSL-Beteilung ist es erstmals gelungen, Schwankungen der Sommertemperaturen während der letzten 2000 Jahre präzise für Nordeuropa zu berechnen.

Die Paläoklimatologie wertet indirekte Klimazeugen wie Jahrringe von Bäumen, Eisbohrkerne oder Seesedimente aus, um das Klima der Vergangenheit zu rekonstruieren. Für die letzten 1000 bis 2000 Jahre sind Bäume die wichtigsten Klimazeugen, deren Jahrringe Informationen über kalte und warme Bedingungen während des Sommerhalbjahres speichern.

In einer am 8. Juli 2012 in der Zeitschrift Nature Climate Change erschienenen Studie wird eine über 2000-jährige Rekonstruktion der Sommertemperatur für Nordeuropa vorgestellt. Dazu verwendete das Forscher-Team Messungen der Holzdichte von vielen hundert lebenden und subfossilen Bäumen aus dem finnischen Teil Lapplands. In dieser kalten Landschaft fallen immer wieder Bäume in einen der zahlreichen Seen und bleiben dort über Jahrtausende gut erhalten – quasi ein natürliches Klimaarchiv.

Die Jahrringdichtemessungen der subfossilen Föhren wurden zu einer Zeitreihe kombiniert, die bis ins Jahr 138 vor Christi Geburt zurück reicht. Die Messungen der Holzdichte spiegeln Sommertemperaturen in Skandinavien in bisher unerreichter Qualität wider. Wie bereits frühere Arbeiten in Mitteleuropa, deuten die Ergebnisse aus Nordfinnland auf zwei Warmphasen während der Römerzeit und im Hochmittelalter hin. Kältephasen waren hingegen charakteristisch für die Völkerwanderung und die kleine Eiszeit.

Die für das nördliche Skandinavien berechnete Klimakurve zeigt neben diesen Kalt- und Warmphasen ein Phänomen, das in dieser Form niemand erwarten konnte: Anhand sich verändernder Holzdichtewerte konnte erstmalig einen langfristigen Abkühlungstrend präzise berechnet werden. Dieser fand kontinuierlich über mehr als 2000 Jahre statt und dauerte bis ins frühe 20. Jahrhundert. Seitdem steigen die Temperaturen moderat, aber stetig an. Der Abkühlungstrend wird durch Veränderungen des Sonnenstandes und der Distanz zwischen Erde und Sonne verursacht. Die neuen Befunde quantifizieren diese Abkühlung mit -0,3°C pro Jahrtausend. Diese Zahl erscheint nicht sonderlich gross, ist aber im Vergleich zur globalen Erwärmung nicht zu vernachlässigen.

Mit der neuen Untersuchung in Skandinavien konnte somit gezeigt werden, dass die grossräumigen Klimarekonstruktionen, die auch vom internationalen Klima-Rat „IPCC“ verwendet werden den langfristigen Abkühlungstrend über die letzten Jahrtausende unterschätzen. Auch die historischen Temperaturen in Nordeuropa zur Römerzeit und im Mittelalter wurden bisher als zu kühl angenommen. Diese Befunde sind von klimapolitischer Bedeutung, da Sie die Beurteilung des aktuellen Klimawandels im Vergleich zu den historischen Warmphasen beeinflussen. Die Studie bestätigt den – im Vergleich zu Mitteleuropa – schwachen Temperaturanstieg der vergangenen Jahrzehnte im hohen Norden. In dieser Region hat die Mitteltemperatur bis heute um weniger als 1°C zugenommen, in Mitteleuropa hingegen um mehr als 3°C .

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Bild: WSL/Univ. Mainz

 

 

 

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