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Usutu-Virus breitet
sich aus               

  • Julia Hatzl
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2010 wurde das tropische Virus «Usutu» in Deutschland festgestellt. 2011 und 2012 folgte erstmals ein Massensterben unter heimischen Vögeln, ausgelöst durch das Virus. Analysen von Totvögeln und Citizen Science Projekte konnten jetzt Aufschluss über die Bestandsentwicklung von Amseln in Ausbreitungsgebieten liefern.

Das für Vögel gefährliche Usutu-Virus zirkuliert seit 2010 in Deutschland, mit ersten Massensterbefällen 2011 und 2012. Nach einigen Jahren ohne grössere Ausbrüche, trat das Virus 2016 wieder vermehrt auf. Wie stark sich das Virus allerdings auf die Vogelpopulationen im Ausbruchsgebiet auswirkt, konnte man bisher kaum abschätzen. Zwar konnten tote und kranke Individuen, speziell Amseln, nachweisen, jedoch keine genauen Schlussfolgerungen auf die Bestandsentwicklung gemacht werden. Nun haben Forscherinnen und Forscher des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNTIM) sowie weiterer Institutionen* erstmals eine Studie veröffentlicht, die konkrete Aussagen über den Einfluss des Usutu-Virus auf deutsche Brutvögel ermöglicht. Die Daten dazu hatten virologische Untersuchungen von toten Vögeln sowie das Citizen-Science-Projekt «Stunde der Gartenvögel» geliefert.

Starker Rückgang in betroffenen Gebieten

Das erste Mal, dass Usutu-Viren in Europa zu einem Amselsterben führten, war 1996 in der Toskana in Italien, wie man im Nachhinein durch die Analyse von historischen Proben herausgefunden hat. 2011 fielen besorgte Bürgern und Vogelkundlern immer mehr tote und kranke Amseln auf, die sie der KABS und dem Nabu meldeten.

«Um diesem Amselsterben auf den Grund zu gehen, wandten wir uns dann an das Bernhard-Nocht-Institut», erzählt Lars Lachmann, Vogelexperte vom NABU, «da wir vermuteten, dass die Amseln an einer bisher in Deutschland unbekannten Krankheit litten.» Forscherinnen und Forscher von BNITM und FLI konnten daraufhin nachweisen, dass es sich um das ursprünglich aus Afrika stammende Usutu-Virus handelte, das von Stechmücken übertragen wird.

«20 Jahre nach dem ersten Auftreten des Usutu-Virus in Europa ist es uns nun gelungen, den Einfluss konkret zu bewerten», betont Dr. Renke Lühken, der Ökologe vom BNITM, der die statistischen Analysen durchführte: «Obwohl über 30 Vogelarten nachweislich an Usutu-Infektionen sterben können, ist von den 15 häufigsten deutschen Gartenvögeln nur der Bestand der Amseln betroffen. In Gebieten, wo das Usutu-Virus auftrat, gingen die Amselpopulationen von 2011 bis 2016 im Durchschnitt um 16 Prozent stärker zurück als im Rest Deutschlands.»

Aktuelle Ausbreitung nach Norden

Auch das aktuelle Amselsterben werden die Experten genau analysieren. Seit Juli 2016 sind 260 Tiere eingesendet worden, von denen 62 positiv auf das  Usutu-Virus getestet wurden. Dabei konnte eine deutliche Ausbreitung des Virus nach Norden – bis Bremen und Hamburg – festgestellt werden. Ob sich das genauso stark wie im bisherigen Ausbruchsgebiet auf die Amselpopulationen auswirkt und wie anhaltend der Einfluss ist, könne erst nach den Vogelzählungen in den nächsten Jahren gesagt werden, so Dr. Jonas Schmidt-Chanasit.

Das Usutu-Virus

Todesfälle von Vögeln treten jeweils während der Stechmückensaison von Mai bis September auf. Infizierte Vögel wirken offensichtlich krank, apathisch, flüchten nicht mehr und sterben meist innerhalb weniger Tage. Fast immer sind es Amseln, allerdings können auch andere Vogelarten von diesem Virus betoffen werden.

Haben auch Sie eine kranke oder tote Amsel gefunden? Melden Sie Ihren Fund auf der Website des NABU.

Citizen Science liefert Datengrundlage

Um die Auswirkungen des Krankheitserregers auf die Vögel in Deutschland beurteilen zu können, bat der NABU, verdächtige tote Amseln online zu melden und wenn möglich zur Untersuchung einzuschicken. Zwischen 2011 und 2015 wurde dabei für insgesamt 230 Vögel eine Infektion mit dem Usutu-Virus festgestellt.

«Allein mit den Todesfällen lässt sich jedoch noch keine Aussage über die Auswirkungen des Usutu-Virus auf die Vogelpopulationen treffen, sondern man muss wissen, wie sich die Vogelzahlen über die Jahre innerhalb und außerhalb der Ausbruchsgebiete verändern», erklärt Dr. Renke Lühken.

Dies ermöglichen Zahlen aus der NABU-Aktion «Stunde der Gartenvögel», bei der deutschlandweit Privatleute melden, welche Vogelarten und wie viele davon sie innerhalb einer Stunde am zweiten Wochenende im Mai in ihren Gärten beobachten können. «Unter den jährlich mehr als 30.000 Garten-Stichproben sind Amseln die zweithäufigsten Gartenvögel. Für die Analyse wurden die Zahlen der 15 am häufigsten gemeldeten Vogelarten genutzt», sagt Lars Lachmann.

Übertragung auf den Menschen möglich?

Potentiell ist eine Übertragung auf den Menschen möglich. Es konnen auch bereits Krankheitsfälle in Deutschland nachgewiesen werden. Beim Menschen äussert sich eine Erkrankung in Form einer Gehirnentzündung. Gerade da eine Übertragung auf den Menschen möglich ist, ist es umso wichtiger das Verbreitungsgebiet des Erregers genau zu überwachen. Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit, DZIF-Wissenschaftler und Leiter der Arbovirologie am BNITM bekräftigt: «Die Analysen zur Verbreitung des Usutu-Virus bei Amseln ermöglichen es uns, gezielt mit den Blutspendediensten zusammenzuarbeiten, um das Risiko einer Übertragung des Usutu-Virus auf den Menschen zu minimieren.» Die gute Kooperation zwischen den einzelnen Institutionen wie BNITM, NABU, FLI und KABS macht es überhaupt erst möglich, ausreichend Daten für eine solche Risikobewertung zu sammeln.

*Institutionen beteiligt an der Studie: Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNTIM), Naturschutzbunds Deutschland (NABU), Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage e.V. (KABS), Deutsches Zentrum für Infektionsforschung (DZIF), Universität Bayreuth

Hintergründe zum Usutu-Virus und zum Amselsterben: www.bnitm.de/aktuelles/faq-zum-usutu-virus.

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