Beleuchtungen in Gewässernähe beeinflussen Insektengemeinschaften. © Alessandro Manfrin / IGB
Beleuchtungen in Gewässernähe beeinflussen Insektengemeinschaften. © Alessandro Manfrin / IGB

Uferbeleuchtung: Der fatale Insektenstaubsauger

  • Julia Hatzl
  • 1

Wie die Motten zum Licht – ein ökologischer Effekt, nicht nur eine Redensart. Wie ein Staubsauger zieht die Uferbeleuchtung die fliegenden Insekten aus den benachbarten Ökosystemen an, das eine Veränderung der gesamten Uferökologie nach sich zieht.

Weltweit nimmt die Erhellung der Nacht durch künstliches Licht um jährlich etwa sechs Prozent zu. Speziell künstliche Beleuchtung in der Nähe von Gewässern beeinflusst die Zahl und Gemeinschaften von Insekten und Spinnen stark, wie WissenschaftlerInnen vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in einer Mitteilung informierten. Wie ein Staubsauger entziehen Lampen und Leuchtkörper den benachbarten Ökosystemen fliegende Insekten. Profiteure sind räuberische Insekten und Spinnen, für die die vielen desorientierten Wasserinsekten ein Festmahl sind.

Insekten umschwirren eine Versuchslampe. © Franz Hölker / IGB
Insekten umschwirren eine Versuchslampe. © Franz Hölker / IGB

 «Wir Menschen machen die Nacht zum Tag und sind uns gar nicht bewusst, dass dies eine der grössten globalen Umweltveränderungen darstellt. Die meisten Lebewesen haben sich an einen Hell-Dunkel-Rhythmus angepasst. Es liegt also nahe, dass eine künstlich erhellte Nacht einen massgeblichen Einfluss auf das Vorkommen und Verhalten von Tieren hat. Insbesondere entlang von Gewässern, die die Heimat von vielen lichtempfindlichen Insekten sind», erklärt Alessandro Manfrin, Wissenschaftler am IGB, die Ausgangslage.

Aus einer kürzlich veröffentlichten Studie geht hervor, dass die Zahl der Fluginsekten in Teilen Deutschlands um mehr als 75 Prozent zurückgegangen. Ein Mitgrund hierfür könnte die Lichtverschmutzung sein. In jeder Sommernacht werden schätzungsweise eine Milliarde Insekten von Deutschlands Lampen irritiert – für viele endet das tödlich.

Dieses Phänomen haben Alessandro Manfrin und sein Team im Naturpark Westhavelland, fernab von stark beleuchteten Städten, genauer untersucht. Auf gewässernahen Versuchsfeldern haben sie die Auswirkungen von Strassenleuchten auf das Vorkommen, die Häufigkeit und das Verhalten von Insekten und Spinnen gemessen. Ein Versuchsfeld blieb als Referenzfeld dunkel, während auf dem anderen Versuchsfeld jeden Abend die Strassenlaternen leuchteten.

Die Versuchsfelder im Naturpark Westhavelland in Brandenburg. Hier testen IGB-WissenschaftlerInnen die ökologischen Auswirkungen von Strassenbeleuchtungen. © Stefan Heller / IGB
Die Versuchsfelder im Naturpark Westhavelland in Brandenburg. Hier testen IGB-WissenschaftlerInnen die ökologischen Auswirkungen von Strassenbeleuchtungen. © Stefan Heller / IGB

Auf dem erleuchteten Versuchsfeld verliessen deutlich mehr Insekten das Wasser, als auf dem unbeleuchteten Versuchsfeld. Und auch das Verhalten der Spinnen und Insekten an Land veränderte sich. An den hellen Lampen sammelten sich die fliegenden Insekten, insbesondere Wasserinsekten, sodass hier mehr Spinnen und Raubinsekten auf Jagd gingen. Die sonst nachtaktiven Tiere verlängerten ihre Insektenjagd bis in den Tag hinein – vermutlich um von der Vielzahl erschöpfter oder toter Insekten im Bereich der Lampen zu profitieren. Die Anzahl räuberischer nachtaktiver Laufkäfer war auf dem beleuchteten Versuchsfeld hingegen stark reduziert.

Der Wissenschaftler und Leiter der Arbeitsgruppe Lichtverschmutzung und Ökophysiologie am IGB, Franz Hölker, fasst die Ergebnisse der Studie folgendermassen zusammen:

«Die Studie zeigt, wie künstliches Licht Lebensräume für Insekten und deren Räuber über Ökosystemgrenzen hinweg – Wasser und Land – verändern kann. Wenn wir neue Beleuchtungskonzepte entwickeln, müssen wir den möglichen Einfluss auf benachbarte Ökosysteme immer im Hinterkopf behalten. Das gilt für Stadt- und Landschaftsplaner, Beleuchtungsingenieure und in die Planungen einbezogene Ökologen gleichermassen.»

Lesen Sie die gesamte Studie im Open Access Journal Frontiers in Environmental Science > (Englisch)

 

 

1 Kommentar

  • Urs

    Auch wenn ich die Geschichte glaube – leider ein Versuchsdesign ohne Replikate wenn ich das richtig gesehen habe…

    Antworten

Beitrag kommentieren