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Stadt Uster lässt Ende Mai Bäume roden

  • Benjamin Kämpfen
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Alte Birken und 60 Meter eines Ufergehölzes werden mitten in der Brutzeit der Vögel gerodet. So unverständlich dieser Eingriff auf den ersten Blick ist, zeigt er die Komplexität solcher Projekte auf.

Das Bild musste weh tun: Ende Mai kreischten während zwei Tagen am Riedikerbach in Uster die Motorsägen. Auf einer Länge von rund 60 Metern wurden alte Birken und das Ufergehölz im vollen Laub gerodet. Dies im Rahmen eines Hochwasserschutzprojekts, welche die Siedlungen vor Überschwemmungen schützen soll. Ursprünglich war geplant, die Bauarbeiten im Herbst zu starten und die unumgängliche Rodung der Bäume und des Ufergehölz in den Monaten November und Dezember zu machen. Das Projekt musste dann aber abgeändert werden.

«Ende Mai ist sicher nicht der ideale Zeitpunkt für Baumrodungen» meint Andreas Hasler, Geschäftsleiter von Pro Natura Zürich. Ob wirklich Nester betroffen waren, sei nicht sicher – feststellen könne man das im Nachhinein aber natürlich nicht mehr. Das Zerstören von Nestern während der Brutzeit ist gemäss dem Gesetz über Jagd und Vogelschutz strafbar. Aus genau diesem Grund hat Pro Natura Zürich eine Woche vorher Strafanzeige gegen den Kanton Zürich eingereicht, als dieser Ende April grosse Rodungsarbeiten in Bülach vornahm, wie naturschutz.ch berichtete.

Die Stadt sei sich bewusst, dass die Baumrodung zu einem nicht idealen Zeitpunkt ausgeführt wurde, sagte der Verantwortliche gegenüber naturschutz.ch. Allerdings müsse auch die Verhältnismässigkeit beachtet werden. Das Gewässerprojekt habe sich schon so sehr lange verzögert, da ein  Interessenskonflikt der Anstösser zahlreiche Verhandlungen erforderte. Auch wurden intensiv verschiedenste Möglichkeiten des Hochwasserschutzes und die entsprechende Realisierung abgeklärt. Weil der Kanton Zürich zum Schutz der Fische die Auflage machte, dass nur zwischen Mai und September am Gewässer gearbeitet werden darf, konnte die Rodung nicht zu einem geeigneteren Zeitpunkt im Winter realisiert werden, da es zur Erschliessung des Rodungsperimeters einer Überfahrt des Bachs und somit Eingriffe im Wasserbereich bedürfe, so die Stadt Uster.

Das Projekt macht auch die Interessenskonflikten zwischen Fischerei- und sonstigen Natur-Anliegen deutlich. Während für die meisten Tiere und Pflanzen grössere Eingriffe im Winter besser verträglich sind, ist es bei den Fischen gerade umgekehrt. So sind die Planer gezwungen, die Arbeiten in einem engen zeitlichen Korsett zu gestalten. Schlussendlich wird das Projekt auch der Natur zu Gute kommen, wie die Verantwortlichen sagen: «Neben dem verbesserten Hochwasserschutz wird der Bach auch mehr Raum erhalten. Die jetzigen Beton-Halbschalen werden entfernt, so dass der Bach natürlich fliessen kann».

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Der erste Rodungsteil. Hinten sichtbar der noch zu rodende Abschnitt.

Dass die Fällaktion nicht spätestens im März durchgeführt werden konnte, liegt daran, dass eine Seite des Bachs nur über Fussgängerwege zugänglich ist. Ein Teil der Bäume steht zwischen den Häusern. Diese müssen mit Maschinen fixiert werden, damit sie beim Fällen keinen Schaden anrichten. Der verantwortliche Ingenieur sagt dazu: «Wir mussten den Ablauf der Fischschonzeit Ende Mai abwarten, um eine behelfsmässige Bachüberquerung zu bauen. Erst jetzt kommen wir mit den Maschinen zu den Bäumen und können so fällen, dass die Häuser nicht beschädigt werden.»

Ein Augenschein vor Ort zeigt, dass der erste, kleinere Teil der Rodung wohl ohne weiteres schon im Winter hätte durchgeführt werden können, da es dafür keine Bachüberquerung brauchte. Der letzte Teil der Rodung wird erst noch erfolgen. Wie es aussieht, wurde aus wirtschaftlichen Gründen eine Aufteilung der Fällaktion oder teurere Fällverfahren nicht ins Auge gefasst. Deshalb wird der zweite Teil Anfang nächster Woche gerodet. Wie das Ingenieurbüro versichert, werde vorher noch nach Nestern gesucht. Das Projekt zeigt auf jeden Fall, dass sich manchmal die Interessen der Fischerei nicht mit jenen zum Schutz der Brutstätten vereinen lassen. Und klar wird auch, dass der wirtschaftliche Druck besseren Lösungen entgegensteht. Bleibt nur zu hoffen, dass sich kein Vogelpaar ausgerechnet diese Bäume als Brutstätte ausgesucht hat.

2 Kommentare

  • Karel Novinar

    Die Auflage, dass am Gewässer nur zwischen Mai und September gearbeitet werden dürfe, heisst doch nicht, dass neben dem Gewässer nicht zwischen Oktober und April Bäume gefällt werden dürfen. Man hätte also sehr wohl die Bäume ausserhalb der Brutzeit der Vögel fällen können. Übrigens auch erst im Juli oder August, wenn die allermeisten Vögel ihr Brutgeschäft beendet haben, also auch innerhalb der Zeitspanne der Auflagen des Kantons.

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  • Christine Dobler Gross

    Ja, ja, Interessenkonflikte – und aus wirtschaftlichen Gründen: dieses Argument kann man immer bringen, die Frage ist, wie wir den Naturschutz gewichten und bestehende Gesetze umsetzen. Ich finds erbärmlich, einmal mehr…..

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