Pilotprojekt: Kastanienselve Induno   |   © Fonds Landschaft Schweiz FLS
Pilotprojekt: Kastanienselve Induno | © Fonds Landschaft Schweiz FLS

Seit 20 Jahren werden Kastanienselven wieder gepflegt

  • Roman Vonwil
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Seit dem Start eines Pilotprojekts im Herbst 1994 hat der Fonds Landschaft Schweiz FLS im Tessin rund 3 Millionen Franken für die Wiederherstellung verwilderter Kastanienhaine eingesetzt. In mehr als 60 geförderten Projekten wurden rund 230 Hektaren Selven wieder nutzbar gemacht – mit positivem Effekt auch für das Landschaftsbild und die Biodiversität.

Der Fonds Landschaft Schweiz FLS startete im Oktober 1994 ein erstes Pilotprojekt zur Rettung der Kastanienselven im Tessin. In der Selve Induno bei Arosio begann damals die Wiederherstellung von 16 Hektaren Kastanienselven, die jahrelang nicht mehr genutzt worden waren. Weil die Kastanie in den Jahrzehnten zuvor ihre Bedeutung als Grundnahrungsmittel verloren hatte, waren die Fruchtbäume nicht mehr gepflegt worden, und auf dem einstigen Weideland zwischen den Bäumen wucherten andere Bäume und Gebüsch.

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Baumstämme und Asthaufen – das Resultat des erneuten Pflegeschnitts der Selve Induno | © Fonds Landschaft Schweiz FLS

Im Rahmen des Pilotprojekts von 1994 wurden mit finanzieller Unterstützung des FLS an den Kastanienbäumen stimulierende Pflegeschnitte durchgeführt, andere Bäume und Gebüsch entfernt, teilweise wurden auch junge Bäume gepflanzt und die Weiden neu angesät. Aus den damals frisch gepflegten 16 Hektaren sind im Malcantone mittlerweile 90 Hektaren geworden, die dank des Wanderwegs Sentiero del Castagno auch zu einer touristischen Attraktion geworden sind.

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Reizvolle Kulturlandschaft bei der Selve von Vezio | © Fonds Landschaft Schweiz FLS

„Es ist nicht übertrieben, diese Region als Mekka der Kastanienkultur zu bezeichnen“, sagte FLS-Präsident Marc F. Suter am Anlass zum 20-jährigen Jubiläum am Rande der Selve von Vezio, die ebenfalls mit Unterstützung des FLS wiederhergestellt und mit einem neuen Kastaniendörrhaus (Grà) ausgestattet worden ist. Dank der Starthilfe des FLS habe das Pilotprojekt im Malcantone vor 20 Jahren erlaubt, Erfahrungen zu sammeln und weitere Selvenprojekte zu lancieren, sagte Förster Carlo Scheggia, der sich für unzählige Aufwertungsprojekte zugunsten von Wald und Landschaft im Südtessin einsetzt. Mit Unterstützung des Tessiner Bauernverbandes und der Vereinigung der Kastanienpflanzer sei es gelungen, wichtige Entscheide der Bundesbehörden zur Sicherung der Bewirtschaftung der aufgewerteten Selven zu erzielen: Die Kastanienselven gelten als landwirtschaftliche Nutzfläche und nicht mehr als Wald. Neuerdings gibt es zudem im Rahmen der Landschaftsqualitätsbeiträge auch Direktzahlungen für die Nutzung von Selven.

Die Bemühungen zur Erneuerung der Kastanienkultur seien aber auch auf zahlreiche Schwierigkeiten gestossen, sagt Carlo Scheggia. Grosse Sorgen bereitet zurzeit die ursprünglich aus China eingeschleppte Kastaniengallwespe. Sie hat sich aus Italien kommend innert fünf Jahren im Tessin ausgebreitet, befällt ausschliesslich Kastanienbäume und schwächt ihre Vitalität derart, dass sie kaum mehr Früchte tragen. Trotz dieses gravierenden Problems, sagte Carlo Scheggia, bleibe die Vernachlässigung oder gar Aufgabe der Pflege der Kastanienbäume die grösste Gefahr. In den nächsten 20 Jahren sei es deshalb wichtig, die Bewirtschaftung der Selven durch Zusammenarbeit insbesondere mit dem Tourismus zu sichern, weitere Selven für Revitalisierungen zu bestimmen und die Verwertung der Kastanien-Produktion zu verbessern.

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Blick ins Kastaniendörrhäuschen (Grà) von Vezio | © Fonds Landschaft Schweiz FLS

Denn die Kastanien aus den Selven können mit einer sinnvollen Verwertung auch direkt einen Beitrag an die lokale Wertschöpfung und wirtschaftliche Entwicklung der Regionen leisten. Obwohl die Tessiner Kastanien sich aufgrund ihrer geringen Grösse weniger für „heisse Marroni“ eignen, lassen sich aus ihnen andere beliebte Produkte herstellen. So wird ein Teil der Früchte getrocknet und zu Mehl oder Flocken verarbeitet, die wiederum als Zutat für Brote, Nudeln oder sogar Bier dienen.

Dass sich die Pflege der Kastanienselven auch aus ökologischer Sicht lohnt, zeigen Studien der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL. So konnte nachgewiesen werden, dass in gepflegten Selven im Vergleich zu ungepflegten doppelt so viele Fledermausarten vorkommen und auch die Vielfalt der wirbellosen Tiere viel grösser ist. Von der Pflege profitieren vor allem auch seltene Insektenarten, die nun ein geeignetes Habitat vorfinden. Eine grössere Artenvielfalt in den Kastanienselven ist für den FSL bestimmt ein weiterer Grund, um diese Projekte auch in den nächsten zwanzig Jahren weiter zu verfolgen.

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