© Julius Muschalek [CC-BY-SA-2.0], via flickr.com
© Julius Muschalek [CC-BY-SA-2.0], via flickr.com

Schokolade: ein Genuss mit bittersüssem Nachgeschmack

  • Mélanie Guillebeau
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Alle Jahre wieder schlagen wir uns zu Ostern den Bauch mit Schoggihasen und Schoggieiern voll. Aber sind wir uns dabei bewusst, was für Auswirkungen die Kakaoproduktion auf die Umwelt und Bevölkerung in den Anbaugebieten hat? 

Ostern ohne Schokolade? Für die meisten unvorstellbar. Besonders wir Schweizer haben ein ungestümes Verlangen nach der braunen Süssigkeit: Mit einem jährlichen Pro-Kopf-Konsum von 11.1 Kilogramm liegen wir an zweiter Stelle im weltweiten Vergleich, dicht hinter dem Spitzenreiter Deutschland mit 11.5 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Doch der überschwängliche Genuss von Schokolade hinterlässt einen bittersüssen Nachgeschmack: einerseits aufgrund der sich anbahnenden Fettpölsterchen auf unseren Hüften; andererseits wegen der Ausbeute von Natur und Bevölkerung in den Kakaoanbaugebieten.

Ausbeute der Natur

Wie Public Eye berichtet, werden 70 Prozent des weltweit verwendeten Kakaos in Westafrika angebaut, wobei die Elfenbeinküste nebst Ghana Dreh- und Angelpunkt des Kakaoanbaus und -handels ist. Seit der Erreichung der Unabhängigkeit im Jahre 1960 wurden in der Elfenbeinküste die Anbauflächen stark ausgebaut. Zu diesem Zweck wurde Regenwald grossflächig illegal abgeholzt – rund ein Drittel des Kakaos stammt mittlerweile von solchen gerodeten Gebieten.

Durch den intensiven Anbau ist der Boden extrem beansprucht und wird zunehmend seiner Nährstoffe beraubt. Die Auslaugung ist bereits derart fortgeschritten, dass unklar ist, wie lange die Anbauflächen noch genutzt werden können. Doch statt einer Extensivierung wird ein intensivierter Anbau von schnell wachsenden und ertragreicheren Pflanzen angestrebt. Ein solcher Wandel ist mit vermehrtem Einsatz von Dünger und erhöhtem Arbeitsaufwand verbunden.

Kakaofrucht. Die Nachfrage nach der bitteren Frucht nimmt zu, was mancherorts zur Intensivierung des Anbaus und Auslaugung der Böden führt. | © HOLIET [CC-BY-SA-2.0], via pixabay.com
Kakaofrucht. Die Nachfrage nach den darin enthaltenen Kakaobohnen nimmt stetig zu, was mancherorts zur Intensivierung des Anbaus und Auslaugung der Böden führt. | © HOLIET [CC-BY-SA-2.0], via pixabay.com

Ausbeute der Bevölkerung

Anstatt eine Schule zu besuchen, müssen Kinder auf den Kakaoplantagen gefährlicher Arbeit nachgehen: Das Pflücken der Früchte mithilfe einer Machete, das Roden von Regenwaldflächen und das Spritzen gesundheitsgefährdender Pestizide stehen an der Tagesordnung – während sieben Tagen in der Woche. Bereits 2001 haben die grössten Kakaoproduzenten, mit dabei Néstle und Mars, das Harking-Engel-Protokoll unterzeichnet, womit sie sich verpflichtet haben, die Kinderarbeit innert sieben Jahre abzuschaffen und die Schulausbildung zu fördern.

Das Ernten der Kakaofrüchte mit der Machete: ein gefährliches Unterfangen für Kinder. | © Stolen Lives [CC-BY-SA-2.0], via vimeo.com
Das Ernten der Kakaofrüchte mit der Machete: ein gefährliches Unterfangen für Kinder. | © Stolen Lives [CC-BY-SA-2.0], via vimeo.com

Doch im Jahr 2008, nach Ablauf der Frist, blieb vieles beim Alten. Der Bau von Schulen wurde zwar veranlasst, aber vielerorts nie fertiggestellt. Auch die Verschleppung von Kindern aus Mali, Burkina Faso und Niger nach Kakaoplantagen in Ghana und der Elfenbeinküste konnte nicht unterbunden werden. Miki Mistrati, ein dänischer Journalist, reiste 2009 nach Westafrika und begab sich auf die Spuren der Kinderhändler. Wahrlich kein leichtes und ungefährliches Unterfangen, wie das Schicksal seines Vorgängers Guy-André Kiffer bezeugt. Er ist 2004 während seiner Nachforschungen in den Anbaugebieten verschwunden und wurde wahrscheinlich selbst Opfer der Schlepper. Bis heute fehlt jede Spur von ihm.

Mistrati kehrte zwar körperlich unversehrt, aber seelisch durchaus erschüttert von seiner Reise zurück und verarbeitete seine Eindrücke im Film „Schmutzige Schokolade“, der 2010 veröffentlicht wurde. Mit versteckter Kamera zeichnete er den Weg der verschleppten Kinder auf. Vor allem aus Mali wurden die Kinder, mit der Aussicht auf Arbeit und Geld, in die Elfenbeinküste gelockt. Die Kinderhändler nutzten die Notlage der Bevölkerung Malis, wovon die Hälfte ein Leben unter der Armutsgrenze fristet, masslos aus.

Mehrheitlich in Mali, Burkina Faso und Niger werden Kinder für die Arbeit auf den Kakaoplantagen verschleppt. | © maps-for-free.com
Mehrheitlich in Mali, Burkina Faso und Niger werden Kinder für die Arbeit auf den Kakaoplantagen verschleppt. | © maps-for-free.com

Obschon die Dreharbeiten zum Film einige Jahre zurückliegen, sind die Ausbeutung und das Verschleppen von Kindern stets noch aktuell. Wie ein Bericht der Tulane Universität belegt, hat die ivorische Kakaoproduktion zwischen 2009 und 2014 um 40 Prozent und im Zuge dessen die Kinderarbeit gar um 46 Prozent zugenommen.

Wo liegt das Problem?

In den meisten Fällen kann der Weg des Kakaos nicht komplett nachvollzogen werden. Grosskonzerne nutzen diese Unwissenheit, um sich ungeschoren aus der Affäre zu ziehen. Ausserdem verweisen sie darauf, dass die Mehrheit der Plantagen unter Privatbesitz steht und somit nicht in ihrem Zuständigkeitsbereich liegt.

Ein weiteres Problem stellt die tiefe und unsichere Entlöhnung der Kakaobauern dar. In Westafrika ist die Armutsgrenze auf zwei Dollar pro Person und Tag angesetzt. Bauer und Bäuerinnen steht oft nur ein Viertel davon, also 50 Cent pro Tag, zur Verfügung um ihre Familien zu versorgen. Dies versetzt die Bauern in die missliche Lage, sich nur Kinder als Arbeiter auf ihren Plantagen leisten zu können.

Mit Schuld am geringen Lohn der Bauern ist der stetige Verfall des Kakaopreises. Noch vor acht Jahren wurde eine Tonne des braunen Gutes für 4000 Franken gehandelt. Momentan wird für die gleiche Menge nur noch die Hälfte, rund 2000 Franken, verlangt. Mit dem sinkenden Kakaopreis verringert sich zugleich der absolute Verdienst der Bauern. Dieser ist mit 6.6 Prozent des Verkaufspreises der fertigen Schokoladenprodukte ohnehin gering.

Was können Sie als Konsument dagegen unternehmen?

Als Konsument ist es kein einfaches Unterfangen, Kakaoprodukte zu umgehen, in welchen Kinderarbeit oder illegale Abholzungen stecken. Man hat aber die Wahl, sich für Produkte mit Labels wie Fairtrade Max Havelaar, Utz, Rainforest Alliance oder dem Bio-Gütesiegel zu entscheiden. Eine Vielzahl der Grossunternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2020 bei der Schokoladenproduktion vollumfänglich auf zertifizierten Kakao zurückzugreifen. Leider haben sich mit Néstle und Mondelez zwei der fünf grössten Hersteller von diesem Abkommen distanziert.

Public Eye hat zu diesem Thema die Infobroschüre „Die dunkle Seite der Schokolade“ zusammengestellt, welche kostenlos bezogen werden kann.

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