Der Mohrenfalter (Erebia nivalis) © Dumi, [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons
Der Mohrenfalter (Erebia nivalis) © Dumi, [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons

Schmetterling: Raffinierte Überlebenstrategie im Hochgebirge

  • Cécile Villiger
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Wissenschaftler kommen zum Schluss, dass sich die Schmetterlingsart Erebia nivalis einerseits spezialisiert haben und andererseits auch opportunistisch verhalten, um mit den grossen Höhen und Wetterextremen zurecht zu kommen. Hierfür haben die Schmetterlinge besondere Taktiken bei ihrer Fortpflanzung und Ernährung entwickelt.

Extreme Lebensbedingungen erfordern extreme Anpassungen – dies gilt auch für die Schmetterlingsart Erebia nivalis. Der kleine rotbraune Tagfalter ist nur in Höhen über 2000 Metern in den Alpen zu finden. Wissenschaftler vom Senckenberg Deutschen Entomologischen Instituts in Müncheberg wollten wissen, wie so ein zartes Tier unter extremen Hochgebirgsbedingungen überleben kann und welche Strategien die Falter dabei verfolgen.

Die Forscher haben zu diesem Zweck von Juli bis August 2013 eine grossangelegte Feldstudie im österreichischen Nationalpark „Hohe Tauern“ durchgeführt. Fast 1400 Schmetterlinge fing das Wissenschaftlerteam in dieser Zeit – die Insekten wurden markiert, verschiedene Kriterien, wie Alter, Verhalten und Geschlecht aufgenommen und dann wieder freigelassen. Knapp 350 der bereits markierten Tiere gingen wieder ins Netz. Mit dieser „Rückfangmethode“ kann man beispielsweise Verbreitung, Flugrouten und Nahrungsquellen der Tagfalter untersuchen.

„Normalerweise passen sich Schmetterlinge mit zwei Methoden an einen Lebensraum an: entweder sie spezialisieren sich auf eine bestimmte Nische oder sie leben generalistisch und kommen fast überall zurecht“, erläutert der Müncheberger Insektenforscher Prof. Dr. Thomas Schmitt und fügt hinzu: „Die von uns untersuchten Mohrenfalter Erebia nivalis wählen aber einen anderen Weg – sie sind sozusagen spezialisierte Opportunisten!“

Die Falter mit den leicht bläulich schimmernden Flügeln haben ihre eigene Strategie entwickelt, um in den Hochgebirgen und mit den dort herrschenden extremen Wetterbedingungen zurecht zu kommen. Die Untersuchungen zeigen, dass die Falter zum Beispiel ihren Lebenszyklus an die aussergewöhnlich harten Bedingungen des Hochgebirges angepasst haben. Andere Schmetterlingsarten schlüpfen häufig nach Geschlechtern getrennt – erst sind die Männchen an der Reihe, dann mit einigen Tagen Abstand die Weibchen. So gewährleisten beide Geschlechter ihre Fortpflanzung: Die Weibchen können direkt von den bereits anwesenden Männchen befruchtet werden; die Männchen sparen sich lange Flüge, um weibliche Tiere suchen zu müssen.

„In Hochgebirgen kann es aber bei diesem Prozedere im schlechtesten Fall zur völligen Auslöschung einer Generation männlicher Tiere kommen – zum Beispiel bei starkem Schneefall“, ergänzt Schmitt und fährt fort: „Erebia nivalis hat sich hier raffiniert angepasst: Nur ein Teil der Männchen schlüpft früher und geniesst die damit verbundenen Vorteile; der Rest entpuppt sich zeitgleich mit den Weibchen und entgeht damit der Gefahr des vorzeitigen Todes.“

Auch bei ihrer Ernährung schlägt die Mohrenfalterart einen eigenen Weg ein. Die Schmetterlinge steuern zwar unterschiedliche Pflanzen an, die sich sowohl in ihrer Art, als auch in der Farbe und Grösse der Blüte unterscheiden, dennoch werden diese sehr genau ausgewählt. Schmitt hierzu: „Man könnte sagen, dass die Falter ‚naiv’ schlüpfen, sich dann aber durch einen rapiden Lernprozess auf bestimmte Pflanzen spezialisieren.“ Um ihre bevorzugten Nahrungsquellen zu finden, legen die Falter weite Strecken zurück und sind daher nicht auf ein Habitat beschränkt – ein typisch generalistisches Merkmal.

Schmitt resümiert: „Wir haben es demnach bei Erebia nivalis mit einem hochgradig an eine Nische adaptierten Generalisten zu tun: Was wie ein Widerspruch klingt, ist die raffinierte Überlebenstrategie dieses kleinen Falters.“

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