Eine der wenigen Gewinner: der Steinkauz. | © José Manuel Armengod, [CC-BY-SA-2.0], via Flickr
Eine der wenigen Gewinner: der Steinkauz. | © José Manuel Armengod, [CC-BY-SA-2.0], via Flickr

Rückblick 2016: Um die Schweizer Natur steht es schlecht

  • Cécile Villiger
  • 2

Bei fast allen Tier- und Pflanzengruppen, über die eine Rote Liste geführt wird, hat die Schweiz im Vergleich zu den Nachbarländern besonders hohe Gefährdungswerte. Trotzdem liegt der Aktionsplan Biodiversität, den der Bundesrat vor bald fünf Jahren in Auftrag gegeben hat, noch immer nicht vor. Brisant: Die Politik ist immer noch der Ansicht, die Schweiz sei im Naturschutz vorbildlich. Gleichzeitig erachten aber 80 Prozent der Bevölkerung den Verlust der Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten als sehr oder eher gefährlich für Mensch und Umwelt.

In einer Rückschau auf das „Biodiversitätsjahr“ 2016 macht die Organisation BirdLife Schweiz in ihrer Medienmitteilung klar, dass es um die Natur in unserem Land besonders schlecht steht:

Die Schweiz tut zu wenig für die Biodiversität

Die 2016 aktualisierten Roten Listen zeigen, dass die Schweiz weiterhin viel zu wenig tut für ihre biologische Vielfalt. Die Gefährdung der Natur ist in der Schweiz deutlich höher als in den umliegenden Ländern. So weist unser Land bei den Säugetieren, Brutvögeln, Reptilien, Amphibien und Süsswasserfischen den höchsten Anteil aus, nur bei den Libellen ist die Gefährdung in Deutschland noch grösser. 2016 wurde aufgrund einer neuen Roten Liste auch klar, dass einheimische Käferarten unter äusserst starkem Druck stehen. Bei den Blütenpflanzen, Farnen, Bärlappen und Schachtelhalmen ist bereits bald ein Drittel gefährdet. Und für die Zukunft besonders problematisch: Seit der letzten Erhebung der Roten Liste 2002 hat sich der Zustand der Gefässpflanzen in der Schweiz sogar noch weiter verschlechtert.

Besonderen Handlungsbedarf in der Landwirtschaft

Bei den Umweltzielen Landwirtschaft ist der Handlungsbedarf aufgrund der bestehenden Ziellücken bei der Biodiversität besonders hoch. Das ergab im Dezember 2016 eine Studie der Bundesämter für Landwirtschaft und Umwelt. Dabei wurde primär untersucht, ob die einmal beschlossenen Massnahmen umgesetzt sind. Zum Beispiel wurde gemessen, wie viele Biodiversitätsförderflächen im Landwirtschaftsgebiet vorhanden sind. Zuwenig abgeklärt wurde allerdings die Frage, ob diese Massnahmen die nötige Wirkung zeigen, das heisst ob die Bestände der gefährdeten Tier- und Pflanzenarten im Kulturland, die ein bedenklich tiefes Niveau erreicht haben, wieder zunehmen. Hätte man das gemacht, wäre die Bilanz der Studie noch viel negativer: Bei den Brutvögeln nimmt der Index für die Arten der Umweltziele Landwirtschaft weiterhin deutlich ab.

Die Schweiz wird die globalen Biodiversitätsziele verpassen

International sind die Staaten angehalten, bis 2020 die weltweiten Biodiversitätsziele zu erreichen. Im Dezember 2016 fand die Vertragsstaatenkonferenz in Cancún in Mexiko statt, bei welcher eine Zwischenbilanz gezogen wurde: Würden die Länder die zwanzig Ziele bis in vier Jahren erreichen können? Bei einem der wichtigsten Ziele, dem Anteil an Schutzgebieten an der Landesfläche, ist die Schweiz das einzige europäische Land, welches das Ziel klar und deutlich verpassen wird. Die Schweiz hat, seit die Biodiversitätsziele 2011 in Kraft traten, auch praktisch nichts getan, um einen Fortschritt zu erzielen.

Für den BirdLife-Biodiversitätsexperten und Geschäftsführer Werner Müller ist klar: „Indem wirksame Massnahmenpläne weiterhin nicht vorhanden sind und der Aktionsplan Biodiversität noch immer nicht vorliegt, lässt unser Land zu, dass die Biodiversität weiter abnimmt.“ Und das bei vielen Tier- und Pflanzengruppen und bei wichtigen Lebensräumen auf einem bereits sehr tiefen Niveau.

Lichtblick: Noch nie so viele Steinkauz-Brutpaare

Werner Müller ortet aber auch einige wenige Lichtblicke, die zeigen, dass sich die Biodiversität schützen liesse – wenn nur endlich mehr dafür getan würde.
Kurz vor Weihnachten hat das Bundesamt für Umwelt (BAFU) zusammen mit BirdLife Schweiz und der Vogelwarte Sempach den Aktionsplan Steinkauz veröffentlicht. „Vor rund 15 Jahren war der Bestand des niedlichen Kauzes mit nur noch rund 50 Paaren auf einem Tiefpunkt, und der Steinkauz drohte in der Schweiz auszusterben. BirdLife Schweiz und die verschiedenen Partner setzten unzählige Massnahmen für den Kulturlandbewohner um, und 2016 gab es mit 153 Brutpaaren einen neuen Rekord“, erklärt Werner Müller. Der offizielle Aktionsplan soll nun mithelfen, die Massnahmen zu verstärken, damit der Steinkauz definitiv kein Aussterbe-Kandidat mehr ist.

Sanierungs- und Aufwertungsmassnahmen

Für dringliche Sanierungs- und Aufwertungsmassnahmen haben Bundesrat und Parlament 2016 beschlossen, zusätzlich 55 Millionen Franken in die Erhaltung der biologischen Vielfalt in der Schweiz zu investieren. Diese Mittel dienen dazu, die überfälligen Sanierungs- und Aufwertungsmassnahmen rasch anzugehen. Dass dies sehr wichtig ist, zeigt die Tatsache, dass dringender Sanierungsbedarf bei 25% der Amphibienlaichgebiete, 30% der Auen, 80% der Hochmoore, 30% der Flachmoore und 20% der Trockenwiesen und -weiden besteht. Nun wird endlich die Werterhaltung der bereits geschützten Gebiete angegangen, für jeden Hausbesitzer eine Selbstverständlichkeit, aber bisher in der Schweiz bei den Schutzgebieten zu stark vernachlässigt.

„Mit solchen guten Massnahmen müssen Bund und Kantone 2017 weiterfahren und sie massiv verstärken“, fordert BirdLife-Biodiversitätsexperte Werner Müller. Nur so komme die biologische Vielfalt in der Schweiz mittelfristig aus dem tiefen Wellental heraus, in dem sie sich befinde. „Der Aktionsplan Biodiversität muss auch den anderen gefährdeten Arten helfen. Und er muss die neuen Schutzgebiete und Vernetzungsgebiete garantieren, deren Notwendigkeit die führenden Schweizer Wissenschaftler bereits vor einigen Jahren klipp und klar aufgezeigt haben.“

2 Kommentare

  • H Schnurr

    Dem kann ich nur zustimmen. Offensichtlich wird das Thema „Biodiversität“vom Bundesrat quasi ignoriert. Es liegt folglich an jedem von uns, diesen Punkt mehr bekannt zu machen.

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  • Ferdi Projer

    Wie soll es der Natur denn besser gehen wenn der Bundesrat seine Verantwortung nicht wahr nimmt. Strategie vom 25. April 2012: zur Sicherung des Raumes für die langfristige Erhaltung der Biodiversität wird bis 2020 eine ökologische Infrastruktur von Schutzgebieten und Vernetzungsgebieten aufgebaut, verschoben auf 2040!!!!!!

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