Intakte Quelllebensräume sind wichtig für viele Tierarten, von denen einige auch auf der roten Liste zu finden sind. © Raphael Weber, via Pro Natura
Intakte Quelllebensräume sind wichtig für viele Tierarten, von denen einige auch auf der roten Liste zu finden sind. © Raphael Weber, via Pro Natura

Quelllandschaften – Die vergessenen Lebensräume

  • Redaktion Naturschutz
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Kein anderer Lebensraum hat derart grosse Verluste erlitten wie die Quellen. Im Mittelland sind nur noch sehr wenige in einem natürlichen Zustand. Als erster Kanton hat Bern nun ein Inventar seiner Quell-Lebensräume erarbeitet, unterstützt durch Pro Natura Bern. Es soll als Grundlage für einen besseren Schutz und für Revitalisierungen dienen.

Artikel aus dem pro natura magazin 04/2018 Juli.

Seit Jahrhunderten werden die Quellen zur Trinkwasserversorgung und Bewässerung gefasst; 1880 waren im Mittelland bereits mehr als die Hälfte verdolt. Im Zweiten Weltkrieg dann wurden auch Gebiete mit (wenig schüttenden) Sickerquellen oder Kalkquellmooren flächig entwässert, um die Feuchtwiesen in Äcker umzuwandeln. Schliesslich begann man auch in den Wäldern, die Quellen zu fassen; so dass heute im Mittelland kaum noch eine grössere natürliche Quelle zu entdecken ist. Und es drohen weitere Verluste – vor allem im Berggebiet, wo immer mehr Maiensässe erschlossen und Fortstrassen gebaut werden.

Quellgebiet der Kander im Gasterntal bei Kandersteg im Berner Oberland. © Adrian Michael, via Wikimedia Commons
Quellgebiet der Kander im Gasterntal bei Kandersteg im Berner Oberland. © Adrian Michael, via Wikimedia Commons

Inventarisierung der Quellgebiete zeigt: Fast 90 Prozent der Quellen im Mittelland sind gefasst

Das Bafu hat die schlechte Datenlage in den Katastern der Kantone erkannt und unterstützt die Kantone nun bei der Inventarisierung ihrer Quell-Lebensräume. Die Inventare sollen als Grundlage für einen besseren Schutz dieser stark bedrohten Lebensräume und für künftige Revitalisierungen dienen. Der Kanton Bern nimmt dabei eine Pionierrolle ein. Seit 2015 wird hier ein «Inventar naturnaher Quellen» erstellt, wobei ein Grossteil der «ungefassten» Quellen analysiert wurde. Dabei zeigte sich, dass die Hälfte dieser Quell-Lebensräume «zerstört» (gefasst, verbaut) und fast ein Drittel «beeinträchtigt» ist. Von den 8033 Quellen, die der alte Quellenkataster aufführt, sind heute also rund 90 Prozent gefasst – was fürs ganze Mittelland repräsentativ sein dürfte.

Bei kleineren Quellen ist die Anzahl unversehrter Quellen deutlich höher

Ein etwas optimistischeres Bild ergibt sich, wenn man jene (kleineren) Quellen hinzurechnet, die im Rahmen des «Quellenprojektes» von Pro Natura Bern neu entdeckt wurden. Zwischen 2016 und 2017 haben 27 Freiwillige in drei Regionen des Kantons über 1000 Standorte aufgesucht, von denen anzunehmen war, dass dort Quellen noch in einem natürlichen Zustand vorliegen. Dies traf auf rund ein Drittel der Standorte zu. Nun gelte es herauszufinden, welche Quellen für Revitalisierungen geeignet sind. Grosses Potenzial ortet der Projektleiter Jan Ryser etwa bei still gelegten Trinkwasserfassungen, deren Wasser heute ungenutzt ober-, oder unterirdisch in einem Rohr abfliesst: «Durch das Abbrechen der Fassung und Gestaltung eines natürlichen Quellbereichs liesse sich wieder ein intakter Lebensraum bilden.»

Revitalisierung der Quelllebensräume ist wichtig für bedrohte Tierarten

Der Verlust an intakten Quelllebensräumen liest sich auch an den Roten Listen der bedrohten Tierarten ab. Rund 70 Prozent der Quellbewohner sind darin aufgeführt. Und der Klimawandel dürfte ihre prekäre Lage verschärfen: Einerseits wird in trockenen Sommern der Nutzungsdruck steigen. Andererseits drohen die kühlen Quellen der Alpen wärmer zu werden, was die Kältespezialisten unter Druck bringt. Bei einer Untersuchung von 61 alpinen Quellen im Rahmen des Bafu-Projektes «Anpassung an den Klimawandel» wurden 27 Insektenarten beobachtet, die an kaltes Wasser gebunden sind. Aufgrund des neu entwickelten Klimawandel-Verletzlichkeitsindexes erwiesen sich 87 Prozent der untersuchten Quell-Lebensgemeinschaften als «bedroht». Umso wichtiger ist es, dass nun möglichst viele Quellen gesichert und aufgewertet werden.

Verschiedene Quellformen bewirten spezifische Bewohner

Je nach Untergrund dauert es wenige Stunden oder Tage (Karstgestein) bis mehrere Jahrzehnte (Felsgestein des Trias), bis versickertes Regenwasser als Quellwasser aus dem Boden tritt. Auch die Form des Austritts variiert: Bei den Fliess- oder Sturzquellen strömt das Wasser örtlich begrenzt aus dem Boden und bildet ein Gerinne. In manchen dieser Quellen können mehrere Tausend Liter Wasser pro Sekunde aus. Ist das Grundwasser stark kalkhaltig, entsteht aus Moosbüscheln und sich darauf ablagerndem Kalk eine treppenartige, spektakuläre Struktur. In Sumpf- oder Sickerquellen tritt das Wasser flächig aus und fliesst nur langsam. Das vernässte Gebiet kann bis zu 1000 Quadratmeter umfassen. Bei den (seltenen) Tümpel- oder Weiherquellen bildet das von unten aufstossende Grundwasser ein stehendes Gewässer mit sehr langsamem Abfluss.

Sickerquelle bei Thalheim. © Derzno [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
Sickerquelle bei Thalheim. © Derzno [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Quellen weisen besondere Lebensraumbedingungen auf, die sie von anderen Gewässern unterscheiden: Das austretende Wasser ist sauerstoff- und nährstoffarm und weist eine konstant kühle Temperatur auf, die ungefähr der Jahres-Mitteltemperatur des lokalen Grundwassers entspricht. Aufgrund dieser besonderen Verhältnisse beherbergen die Quellen allein bei den gut bekannten Gruppen der Schnecken, Amphibien, Flohkrebse, Libellen sowie Eintags-, Stein- und Köcherfliegen rund 100 spezialisierte Tierarten wie etwa den Feuersalamander, den Höhlenflohkrebs, die Brunnenschnecke oder die Gestreifte Quelljungfer.

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