© Infel AG, Claudio Köppel / Nagra
© Infel AG, Claudio Köppel / Nagra

Problematische Auswahl von Tiefenlagerstandorten

  • Roman Vonwil
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Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) hat zwei mögliche Standortgebiete für geologische Tiefenlager zur Entsorgung radioaktiver Abfälle für eine weitere Untersuchung vorgeschlagen. Der Entscheid wird von der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES) als fahrlässig kritisiert, da das voreilige Ausschliessen potentieller Standorte nicht zu einem möglichst sicheren Lager führt und nur den Anschein erweckt, bei der Lösung des Atommüllproblems einen Schritt weiter gekommen zu sein.

Jura Ost und Zürich Nordost sind die Standortgebiete, welche die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) für die voraussichtlich 2017 beginnende dritte Etappe der Standortsuche für geologische Tiefenlager zur Entsorgung der radioaktiven Abfälle vertieft untersuchen will, wie das Bundesamt für Energie meldet. Die technischen Berichte und Analysen, mit denen die Nagra ihre Vorschläge begründet, würden nun von den Bundesbehörden überprüft und den Standortkantonen und -regionen zur Stellungnahme unterbreitet. Voraussichtlich Mitte 2017 werde dann der Bundesrat auf Grundlage aller Ergebnisse entscheiden, ob er den von der Nagra vorgeschlagenen Standortgebieten zustimmt.

Die Schweizerische Energie-Stiftung (SES) kritisiert den Entscheid der Nagra, nur zwei Standorte vertieft zu untersuchen. Mit der Reduktion von sechs auf zwei Standorte gaukelt die Nagra laut der SES der Bevölkerung vor, sie sei einen wichtigen Schritt weiter und habe die Lösung des Atommüllproblems in greifbarer Nähe. „Das Problem ist nicht gelöst!“, warnt Atomexpertin Sabine von Stockar und erklärt: „Es wird verschwiegen, dass grundlegende konzeptionelle und technische Fragen noch immer nicht beantwortet sind.“ So ist zum Beispiel keine langfristige Rückholbarkeit vorgesehen, was die Situation für kommende Generationen unberechenbar und gefährlich macht.

Nicht nur die konzeptionellen Fragen, sondern auch die ungleich gut untersuchten Standorte, lassen den heutigen Vorschlag der Nagra eigenartig wirken: Von allen sechs Regionen wurde bisher nur im Zürcher Weinland mit gezielten Bohrungen und 3D-Seismik der Untergrund eingehend untersucht. „Zu diesem Zeitpunkt Standorte abzuschreiben ist fahrlässig“, sagt Sabine von Stockar. „Alle Standorte haben ihre Nachteile und die Eignung ist weder für das Weinland noch für den Bözberg abschliessend geklärt“.

Die Standorte einzuengen, bevor das Konzept ausgereift und der Untergrund untersucht ist, führt nicht zu einem möglichst sicheren Lager. Die SES fordert deshalb ein Sachplan-Timeout. Zuerst müssen die ungeklärten konzeptionellen und technischen Fragen von unabhängiger Seite wissenschaftlich fundiert gelöst werden. Daraufhin soll die Nagra die Geologie aller Standorte eingehend untersuchen. Erst anschliessend macht eine Eingrenzung der Standorte Sinn.

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