In der Ethnobotanik bedient man sich auch sozial-wissenschaftlicher Methoden, hier dem "pile sorting", einer Gruppierungsaufgabe. | © Anna Poncet
In der Ethnobotanik bedient man sich auch sozial-wissenschaftlicher Methoden, hier dem "pile sorting", einer Gruppierungsaufgabe. | © Anna Poncet

Ordnung muss sein – aber welche?

  • Redaktion Naturschutz
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Wir können nicht anders: Wenn wir wahrnehmen, so unterscheiden wir und ordnen ein, über und unter. Die entstandenen Klassifikationen sagen viel über unseren Zugang zur Welt aus. In verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen wurde deshalb ausgiebig über sie nachgedacht, besonders gern über Volksklassifikationen von Pflanzen und Tieren. Diese sind nämlich weltweit überall vorhanden. Auch in der Schweiz.

Im aktuellen Magazin «Info flora plus», der botanischen Zeitschrift Schweiz, erklärt Anna Poncet wie die Wahrnehmung zu volksbotanischen Klassifikationssysteme führt.

D Pflanze si ds Erschte gsii, wahrschinlech, wo uf der Wäut isch gsi. Müglecherwiis, i weis ja nid, aber i chönnt mers scho vorschteue … Ömu sicher nid Tier, süsch hätte si ja nüüt z’frässe gha. Ou nid der Mönsch. Süsch hätt er ou nüüt z’frässe gha. (Ernst, 71 Jahre)

Aus Lateinamerika, Afrika und Asien liegen von verschiedenen indigenen Bevölkerungsgruppen volksbotanische Klassifikationssysteme vor. Sie ähneln sich auf der ganzen Welt stark: es sind überall flache, hierarchische Systeme mit einem Umfang von einigen hundert Taxa. Nach dem Reich «Pflanze» erreicht man über eine spärlich bestückte intermediäre Gliederungsebene (Busch, Palme usw.) gleich die Ebene der Volksgattung, die stets die grösste Anzahl Taxa enthält. Die typische Volksgattung ist leicht bestimmbar und weist einen kurzen, griffigen Namen auf, bei uns beispielsweise «Tanne». Der Gattungsebene folgt eine etwas weniger umfangreiche Artebene, selten sogar eine Unterartebene. Im Gegensatz zur Volksgattung müssen die Volksarten zur Bestimmung genauer untersucht werden und tragen im Namen meist ein beschreibendes Anhängsel, beispielsweise Rot- oder Weisstanne. Volkstaxa stimmen auf Gattungsebene oft mit den wissenschaftlichen Taxa überein, liegen zuweilen aber weit daneben, wie ein weiteres Beispiel aus dem bernisch-luzernischen Napfgebiet illustriert: «Farn» ist eine Volksgattung und wird manchmal unterteilt in «Fäderfarn» (Dryopteris, Athyrium, Oreopteris) und «Stängufarn» (Pteridium aquilinum).

Eine, wo keni Blacke-n-ustuet, isch en fule Cheib! (Adrian, 33 Jahre) | © Anna Poncet
Eine, wo keni Blacke-n-ustuet, isch en fule Cheib! (Adrian, 33 Jahre) | © Anna Poncet

Ländlicher Westen hält mit

Im erwähnten Napfgebiet wurden während eines ethnobotanischen Forschungsprojekts 60 Frauen, Männer und Kinder aus zufällig ausgewählten Bauernfamilien zu lokalem Pflanzenwissen interviewt. Auf die Frage nach einheimischen Pflanzen zählten sie durchschnittlich 45 Pflanzen auf, am häufigsten den Löwenzahn, gefolgt von Blacke, Brombeere, Rot- und Weisstanne. Ausserdem kam eine Fülle an interessanten Bemerkungen zusammen, von kulinarischen und medizinischen über handwerkliche und futterbauliche bis zu spielerischen und ästhetischen.

Ähnliche Befragungen in westlichen Ländern fördern sonst üblicherweise krasse Unkenntnis zutage. In einer schweizerischen Studie von Petra Lindemann-Matthies zählten zum Beispiel 6000 Kinder und Jugendliche im Durchschnitt fünf Pflanzen aus ihrem unmittelbaren Umfeld auf, wobei sie häufig unspezifische Ausdrücke wie «Baum», «Gras» oder «Blume» verwendeten. Solche Studien beschränken sich aber meist auf städtische Gebiete.

Die grosse Datenmenge aus dem ausgesprochen ländlichen Napfgebiet bot dagegen die Gelegenheit, ein volksbotanisches Klassifikationssystem aus einem westlichen Land mit den bereits bekannten zu vergleichen. Die gesammelten Volkstaxa wurden den taxonomischen Ebenen zugeordnet, und siehe da: das flache hierarchische System mit einem Umfang von knapp 500 Taxa und einem Schwerpunkt auf den unteren Ebenen (316 Volksgattungen, 145 Volksarten) entspricht einem typischen volksbotanischen Klassifikationssystem. Bezüglich Struktur und Umfang des Systems lassen sich also kaum Unterschiede zwischen Napfbauern und mexikanischen Hochlandindios feststellen.

Bim Bireboum chame, eh, Birechueche mache. U mängisch chame no chli druff umechlättere. (Dominik, 8 Jahre) | © Adrian Möhl
Bim Bireboum chame, eh, Birechueche mache. U mängisch chame no chli druff umechlättere. (Dominik, 8 Jahre) | © Adrian Möhl

Pflanzensteckbrief: Aussehen, Verwendung und Lebensraum

Für volksbotanische Klassifikationssysteme kommen nur Kategorien zum Zug, die auf allgemein beschreibenden Merkmalen der Pflanzen, also vor allem der Morphologie, beruhen. Dadurch lassen sich die Systeme mithilfe der wissenschaftlichen Systematik vergleichen. Volksbotanische Kategorisierung ist aber viel komplexer, denn die überall vorhandene Einteilung nach grober morphologischer Ähnlichkeit wird von kulturell beeinflusstem Spezialwissen überlagert. Besonders häufig dokumentiert ist Wissen über Verwendung und Lebensraum von Pflanzen. Das zeigte sich in einer zweiten Interviewrunde auch im Napfgebiet. Diesmal lautete die Frage: «Welche Pflanzen gehören zusammen?» Die Befragten mussten 43 Kärtchen gruppieren, auf denen die Namen der am häufigsten aufgezählten Pflanzen standen, und anschliessend ihre Gruppierung begründen. Der «Stammbaum» zeigt eine Zusammenfassung der erhaltenen Gruppierungen. Am deutlichsten heben sich diejenigen Gruppen ab, die sich durch mehrere Kriterien definieren lassen, etwa die Gruppe der Bäume. Sie wurde bevorzugt mit der Morphologie erklärt («Sie sehen gleich aus»), aber auch mit dem Lebensraum («Sie wachsen im Wald / in der Hostett») und der Verwendung («Von denen gibt es Holz/Früchte»). Bei den Beeren sind Aussehen und Verwendung besonders eng ver ochten. Der Ausdruck «Beere», in der Botanik rein morphologisch definiert, impliziert im Napfgebiet deren Essbarkeit. Ein junger Mann beschrieb seine Beeren-Gruppe sehr typisch: «Das si Beeri: chliini, rundi, ässbari Sache.» Er schloss übrigens auch die Vogelbeere ein, obwohl er nicht recht wusste, ob man sie essen kann. Der Name enthält jedoch die Beere und suggeriert, dass sie zumindest den Vögeln schmeckt. Die Stechpalme, die ja oberflächlich besehen ähnliche Früchte trägt, weckte dagegen keine entsprechenden Assoziationen und wurde nie mit den Beeren eingeordnet.

Welche Pflanzen gehören zusammen? «Stammbaum» der 43 am häufigsten aufgezählten Pflanzen, zusammengefasst aus 45 Befragungen. | © Anna Poncet
Welche Pflanzen gehören zusammen? «Stammbaum» der 43 am häufigsten aufgezählten Pflanzen, zusammengefasst aus 45 Befragungen. | © Anna Poncet

Sinn-fonie der Pflanzenwahrnehmung

Dass die gleiche Gruppe von Pflanzen mal morphologisch, mal mit der Verwendung begründet wird, ist ein bekanntes Phänomen. Es wird meist darauf zurückgeführt, dass eine bestimmte Form eine bestimmte Verwendung begünstigt. Eine andere Erklärung berücksichtigt den Einsatz unterschiedlicher Sinne. Für das Augentier Mensch ist die Gestalt der Pflanze sehr wichtig, was in morphologische Kategorien mündet. Wird aber der Geruchs- oder Geschmackssinn eingesetzt, resultiert eine Einteilung wie «Mm, fein!», «Wää, gruusig!», also eine Einteilung in Verwendungskategorien. Weil verwandte Arten sich nicht nur im Aussehen, sondern oft auch in den Inhaltsstoffen gleichen, können verschiedene Zugänge durchaus aufs Gleiche herauskommen.

Wer also mit Pflanzen vertraut ist, nimmt sie über alle Sinne wahr und weiss, wo und wann sie wachsen und wofür man sie verwendet. Diese Vielschichtigkeit des Wissens erklärt einen auf den ersten Blick überraschenden Befund aus Klassifikations-Experimenten: Lässt man Laien und Pflanzenkundige Pflanzen gruppieren, so stimmt die Gruppierung der Laien oft besser mit dem wissenschaftlichen System überein. Laien verfügen nämlich nur über ein einziges Argument: die morphologische Ähnlichkeit, die auch die Basis der wissenschaftlichen Systematik ist.

D Gürmsche si zwöimau schön, zersch blüie si afe, u nächärä si de no di rote Beeri. (Margret, 47 Jahre) | © Anna Poncet
D Gürmsche si zwöimau schön, zersch blüie si afe, u nächärä si de no di rote Beeri. (Margret, 47 Jahre) | © Anna Poncet

Unterschiede zur wissenschaftlichen Systematik

Wissenschaftliche und volksbiologische Klassifikation folgen grundsätzlich denselben Prinzipien. Auch Meister Linné ist eben nicht vom Himmel gefallen, sondern auf Erden gross geworden. Die binäre Nomenklatur mit prägnantem Gattungsnamen und spezifizierendem Artepithet hat sich wohl deshalb so prompt durchgesetzt, weil sie in jedem Volkssystem vorkommt und intuitiv allen vertraut ist.
Es gibt jedoch zwei wichtige Unterschiede: Während Volksklassifikationen nur in einem begrenzten Gebiet sinnig und stimmig sind, umfasst die wissenschaftliche Klassifikation sämtliche bekannten Arten. Zweitens gehen Volksklassifikationen von der Unveränderlichkeit der Arten aus, während das wissenschaftliche System auf einem dynamischen Artkonzept beruht und die Entwicklungsgeschichte abzubilden versucht.

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