Bibeli, junge Hühner, werden nach der Geburt getötet, wenn sie das falsche Geschlecht haben.
Direkt nach der Geburt entsorgt. © Eky Chan, stock.adobe.com

«Nutzlose» Bibeli millionenfach vergast

  • Redaktion Naturschutz
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Das Kükentöten geht weiter – jährlich sterben 3 Millionen in der Schweiz und über 3 Milliarden weltweit! Das Gros der Branche wartet auf die Geschlechtsbestimmung im Ei. Obwohl diese technische Lösung die Hochleistungszucht und Massenproduktion unterstützt, ist sie aus Tierschutzsicht akzeptabel.

Der Grund für das millionenfache Töten ist die einseitige Hochleistungszucht bei Hühnern seit den 60er-Jahren. Höchste Eier- oder Fleischleistung gleichzeitig ist genetisch ein Ding der Unmöglichkeit. Für die Mast sind beide Geschlechter geeignet, doch die Männchen von Legelinien sind «nutzlos»: Sie legen weder Eier noch setzen sie Fleisch an. Daher werden sie gleich nach dem Schlupf getötet, berichtet der Zürcher Tierschutz.

Leben zu erzeugen und gleich wieder zu vernichten, ist ethisch inakzeptabel. Immerhin wird in der Schweiz von den toten Bibeli rund die Hälfte für Tierfutter verwendet. Der Rest landet zur Stromproduktion in der Biogasanlage. Im Ausland werden die Küken «homogenisiert», also lebendig geschreddert. Hierzulande ist diese Praxis überholt, dennoch fordert eine Motion des Nationalrats ein Verbot. «Dies ist zu begrüssen, doch ist das Vergasen mit CO2 viel humaner?», fragt Nadja Brodmann vom Zürcher Tierschutz. Fakt ist: Die Bibeli springen auf, ringen nach Luft und sterben nach einem minutenlangen Todeskampf qualvoll. Bei Vögeln dauert dies länger als bei Säugern, weil ihr Lungensystem und Gefieder mehr Luft speichert.

Branche hofft auf Geschlechtsbestimmung im Ei

Eine ideale Lösung gegen das Bibelitöten wäre, da ist sich die Branche einig, männliche Eier gar nicht auszubrüten. Es existieren bereits «In-Ovo-Verfahren» zur Geschlechtsbestimmung am Ei. Doch sie sind trotz erster Tests in deutschen Brütereien noch nicht praxisreif. Das Hauptkriterium sind die Kosten, aber auch die Schnelligkeit und die Fehlerquote sind entscheidend. Zudem dürfen Methoden, die ein Öffnen der Eischale bedingen, die Schlupfrate der Weibchen nicht beeinträchtigen. Derzeit wird intensiv an Verfahren am intakten Ei geforscht. Bisher kommt keine Methode ohne Bebrüten aus, der früheste Test findet am 4. Tag statt. Angebrütete, aussortierte Eier können als Tierfutter dienen. GalloSuisse ist offen für solche In-Ovo-Methoden, sofern sie praxistauglich und preisgünstig sind. Bio Suisse hofft auf frühere Methoden, weil ab dem 3. Tag das Herz des Embryos zu schlagen beginnt, und prüft derweil Alternativen.

Bruderhähne: Aufzucht statt Wegwerfware

Alternativ könnten die Brüder der Legehennen aufgezogen werden. Sie wachsen aber viel langsamer als Masthühner, fressen deutlich mehr Futter und erbringen nur Mini-Brüstli. Das geht ins Geld! Dennoch sind innovative Projekte entstanden. Die Bio-Eierhandelsfirma Hosberg vertreibt unter dem Label «Henne & Hahn» Eier von Hennen, deren Brüder von der Gallina Bio AG wie Bio-Poulets im Freilandaufgezogen und vermarktet werden. Analog das Demeter-Projekt «Hahn im Glück»: Zu jeder Henne wird ein Demeter-Hahn aufgezogen. Damit sich die Bruderhahnmast lohnt, wird ein Mehrpreis der Eier an die Mäster erstattet. Dass dieses Konzept funktionieren kann, zeigt auch das Beispiel des Bio-Gutsbetriebs «Eichberg». Hier werden gleichzeitig mit den Hennenküken jeweils Bruderhähne im gleichen Stall aufgezogen. Dank minimalem Mehraufwand und innovativen Verarbeitungsideen eine Erfolgsgeschichte: Das köstliche Fleisch wird ab Hof oder im Bio-Fachhandel vertrieben. Die Bio-Knusperli und –Burger wurden im November 2018 als Delikatessen mit der Bio-Gourmetknospe ausgezeichnet.

Die Vision: Ein Zweinutzungshuhn

Aus Tierschutzsicht ideal wäre ein Zweinutzungshuhn wie zu Grossmutters Zeiten. Da wurden die Weibchen für Eier und die Männchen für Fleisch genutzt. Das hiesse aber Verzicht auf Höchstleistungen. In der Schweiz engagiert sich derzeit nur Coop für ein Zweinutzungshuhn: Fünf Bio-Betriebe halten «Dual-Hennen» für Coop. Die Männchen werden wie Poulets aufgezogen und vermarktet. Die Hennen legen allerdings 20 Prozent weniger Eier und bis zu 26 Prozent mehr Kleineier. Sie werden unter dem Standard (in Gramm: 45+ anstatt 53+) in ausgewählten Filialen zu rund 1.- Franken Aufpreis pro 6er-Schachtel verkauft. Die Minderleistung der Hennen ist ins Gesamtkonzept eingebettet. Coop will das positive Projekt weiterführen.

Fazit: Ohne Systemwechsel kein Ende der Qualen

Unter den heutigen Bedingungen mit einseitiger Hochleistungszucht und Massenproduktion sind weder Zweinutzungshühner noch Bruderhähne wirtschaftlich konkurrenzfähig und werden Nischenprodukte bleiben. Solange überzüchtete Turbohennen für Eier und schnellwüchsige Mastkolosse für Fleisch den Markt dominieren, haben ethische Alternativen selbst bei hoher Zahlungsbereitschaft kaum eine Chance. Und solange werden weiterhin Millionen Küken getötet. Der Zürcher Tierschutz kritisiert den Trend zu immer mehr, immer schneller, immer billiger. «Die heutige Massenproduktion von Eiern und Fleisch ist ein krankes System, unter dem Tiere und Umwelt leiden», so Brodmann.

Sobald die Geschlechtsbestimmung am Ei in einem Frühstadium praxisreif ist, wird das Bibelitöten gesellschaftlich inakzeptabel. Da der Embryo etwa ab dem 7. Bebrütungstag Schmerzen empfindet, sind frühere Methoden zu fordern. Ideal wäre ein Verfahren ohne Bebrüten, um die männlichen Eier als Lebensmittel verkaufen und die Zahl der Legehennen entsprechend reduzieren zu können. Aus Tierschutzsicht ist diese technische Lösung aber nicht das Endziel, sondern die Zucht eines konkurrenzfähigen Zweinutzungshuhns. Voraussetzung hierfür ist mehr Wertschätzung für Eier und Geflügelfleisch: ein höherer Preis und ein verminderter Konsum. Nur dann können wieder alle Hühner aufwachsen und ein Leben in Würde verbringen.

Hier finden Sie eine vom Zürcher Tierschutz aufgestellte Liste mit Einkaufstipps ohne Kükentöten.

Weitere Informationen finden Sie auf der Seite vom Zürcher Tierschutz.

1 Kommentar

  • Werner Müller

    Es gibt nur eine Lösung: Go vegan!

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