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Neues Verfahren für Chemikalien-Tests schützt Fische

  • Judith Schärer
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Pro Jahr werden allein im EU-Raum über eine Million Fische für toxikologische Tests und Forschungszwecke eingesetzt, für einen einzigen Chemikalien-Test zum Fischwachstum rund 400 Fische. Ein neues Verfahren soll nun verhindern, dass immer mehr Versuchstiere eingesetzt werden müssen.

Umweltbehörden verlangen vor der Zulassung neuer Chemikalien oft toxikologische Tests, da das Wachstum über die frühen Lebensstadien sehr empfindlich auf eine Belastung des Wassers mit Schadstoffen reagiert. So kann getestet werden, ob der Stoff ein Umweltrisiko darstellt. Immer mehr Versuchstiere einzusetzen, ist jedoch ethisch fragwürdig. Ausserdem sind die Tests aufwändig, teuer und dauern Wochen bis Monate. Daher suchen Forschung, Behörden und Industrie schon länger nach neuen Wegen. Ein Projekt an der Eawag, zusammen mit den beiden ETHs in Zürich und Lausanne sowie mit der Universität York (GB), zeigt einen solchen Weg auf. Jetzt wurden die Resultate in der Zeitschrift Science Advances1 publiziert: Statt mit lebenden Fischen (in vivo) werden die Versuche mit Fischzellen (in vitro) im Labor gemacht. Aus dem Wachstum von Kiemenzellen und mit Computermodellen lässt sich ohne Tierversuche auf das Wachstum des ganzen Fischs schliessen. Nach nur fünf Tagen zeigen die je nach Chemikalienbelastung schneller oder langsamer angestiegenen Zellzahlen – kombiniert mit der Hochrechnung in einem Computermodell – eine verblüffend gute Übereinstimmung zu den unabhängig durchgeführten Versuchen mit Fischen.

Umwelttoxikologin Prof. Kristin Schirmer leitet die Arbeiten zum Ersatz von Tierversuchen an der Eawag. Für sie steht fest: «Das ist ein grosser Schritt hin zu einfacheren, günstigeren und schnelleren Testverfahren für die Zulassung und Anwendung neuer Chemikalien. Es ist das erste Mal, dass wir von Zellkulturen sehr treffsicher auf Effekte an Tieren schliessen konnten, die im Tier erst nach Wochen oder gar Monaten sichtbar werden.» Der Mechanismus hinter dem neuen Verfahren scheint einfach: Die in der Studie eingesetzten Pestizide hemmen das Wachstum der Fische. Je höher die Konzentrationen im Wasser sind, umso kümmerlicher wachsen die Tiere. Dieselben Effekte wiesen die Forschenden mit der Anzahl der im Labor kultivierten Kiemenzellen nach. «Das Übertragen der Resultate klappt deshalb so gut», so Kristin Schirmer, «weil grössere Fische nicht aus grösseren, sondern schlicht aus mehr Zellen bestehen und weil wir die Konzentration der Chemikalie in den Zellen berechnen.» Das Modell sagt also voraus, was passiert, wenn der Fisch die getestete Chemikalie im Wasser antrifft – das hilft, andere Tests und Vorhersagemodelle zu verbessern.

Ganz so simpel ist der neue Ansatz allerdings dann doch nicht. Bis klar ist, welche Konzentrationen bei den verwendeten Zellen dieselben Effekte haben wie bei den lebenden Fischen, sind Berechnungen am Computer nötig und man muss die Eigenschaften der Substanzen möglichst gut kennen. Zudem ist noch offen, ob sich die Kiemenzellen als «Indikatoren» für alle Gewebe im Fisch bewähren. Möglicherweise reagieren andere Zellen anders oder die getesteten Chemikalien werden in ihnen biologisch umgebaut. Das Interesse der Fachwelt an der Studie ist dennoch gross, denn sie folgt einem neuen Denkansatz. Die Autoren hoffen, dass andere Forscher das Potential dieses Ansatzes nutzen, um seine Einsatzbreite zu testen.

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