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Neubauprojekt Kraftwerk Tuurau gefährdet Auen

  • Kathrin Ruprecht
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Die Umwelt- und Fischereiverbände steigen enttäuscht aus dem Dialog mit den Kraftwerkprojektanten des Kraftwerks Tuurau in Bischofszell (Kanton TG) aus. Vom Einsatz alternativer Lösungen wollen die Projektanten nichts wissen –  obwohl dadurch die Stromproduktion erhöht und die Auen geschützt werden könnten.

Das unverrückbare Festhalten an einer Maximierung der Wasserkraftausbeutung der Projektanten verhindert eine innovative Lösung“, sagt Benjamin Leimgruber von der Gewässerschutzorganisation Aqua Viva, welche die vereinten Verbände in dieser Sache vertritt, in ihrer Mitteilung.

Offensichtlich sind die Projektanten motiviert durch in Aussicht gestelltes Subventionsgeld. Sie wollen die Thur ob Bischofszell nicht nur 3 Meter höher stauen als bisher und den Stauraum mit neuen Dämmen und Spundwänden sichern, sondern mit einem Stollen über 3 Kilometer Thurlauf über die Sittermündung hinaus zur Restwasserstrecke machen. Das Projekt Neubau Kraftwerk Tuurau hat negative Auswirkungen auf zwei Auengebiete von nationaler Bedeutung und rund 4.5 Kilometer Flusslauf mit hohem ökologischen Potential.

Zwar haben die Einsprachen der Verbände und wohl auch Kritik aus dem Bundesamt für Umwelt dazu geführt, dass die künftigen Beeinträchtigungen im Staubereich dank einer variablen Staukote und etwas kürzeren Dämmen reduziert wurden. Doch insgesamt stehen auch im modifizierten Projekt Nutzung und Schutz der Thur in keiner Weise ausgewogen da. Statt einer dynamischen, von Hoch- und Niederwasser der Thur geprägten Aue Ghöggerhütte würde ein Sumpfwald entstehen. Das räumt sogar der von den Projektanten beigezogene Experte ein.

Dabei haben die Verbände früh signalisiert, dass man ein modernes Laufkraftwerk am Standort des alten Wehrs durchaus als bewilligungsfähig einstufen und mittragen würde. Es könnte mindestens doppelt soviel Strom produzieren wie das alte Werk, dessen Konzession längst abgelaufen ist. Und dies ohne neue Restwasserstrecke und ohne neue Beeinträchtigungen am Gewässer im Aufstaubereich.

Ja, mit innovativen Ansätzen könnte die ökologische Situation gegenüber heute sogar verbessert und die natürliche Dynamik der zwei Auen – wie vom Gesetz verlangt – gefördert werden. So könnte zum Beispiel im Sommer, wenn Solarstrom im Überfluss vorhanden ist, die Stromproduktion als Beitrag zur Netzstabilität gedrosselt werden. Das würde die Auswirkungen auf die Auen, Fische und aquatische Kleintiere reduzieren und die Erholungslandschaft entlang der Thur bei Bischofszell stark aufwerten. Leider wurden solche Varianten seitens der Projektanten aus rein wirtschaftlichen Überlegungen immer verworfen.

„Es ist schade, dass wir den Dialog abbrechen mussten“, sagt Benjamin Leimgruber, „aber Energiewende heisst nicht, den Fliessgewässern noch mehr Wasser abzugraben als bisher und bereits aufgeschobene Revitalisierungspflichten nun kurzerhand ganz zu beerdigen.“ Selbst die Kraftwerk-Maximalvariante mit Höherstau und Stollen könnte mit rund 18 Gwh/a nur 1 Prozent des im Thurgau jährlich verbrauchten Stroms produzieren. Dem steht allein im Kanton Thurgau ein Potenzial von Effizienzmassnahmen zur Reduktion der Stromnachfrage von über 400 GWh/a gegen- über (Quelle: Grundlagenbericht: Konzept für einen Thurgauer Strommix ohne Kernenergie; EBP, Sept. 2013). „Eine Fortsetzung der Zusammenarbeit ohne Abkehr der Projektanten von ihren Maximalforderungen hätte die Umweltverbände zu Mitbeteiligten an irreversiblen Zerstörungen gemacht“, sagt Leimgruber, „dazu können wir nicht Hand bieten.“

Das Kraftwerk Tuurau und die Umgebung

Das heute noch in Betrieb stehende Kraftwerk Tuurau nutzt die Wasserkraft der Thur bei Bischofszell. Der Wehrstandort liegt oberhalb der Thurschlinge, in welche auch die Sitter mündet. Rund 1,6 Kilometer unterhalb des Wehrs steht die Krumme Brücke – die längste in der Schweiz erhaltene Natursteinbrücke. Der schöne Flusslauf mit der imposanten Brücke ist landschaftlich eindrucksvoll und liegt entsprechend auch in einem Landschaftsschutzgebiet. Kurz oberhalb des Wehrs liegt das Auengebiet von nationaler Bedeutung Ghöggerhütte und wenig unterhalb beginnt das Auengebiet Unteres Ghögg.

Das Wehr leitet heute das Wasser in einen Kanal zur Zentrale in der ehemaligen Papieri Bischofszell. Beim neuen Kraftwerk soll das Wasser beim Wehr in einen Druckstollen zur neuen Zentrale im Gebiet Muggensturmer Felse geleitet werden. Die Restwasserstrecke verlängert sich dadurch von heute knapp 2 km auf rund 3 km. Verlängert wird durch den projektierten Höherstau von 3 m auch die eingestaute Strecke oberhalb des Wehrs. Neu würde die Staustrecke rund 1.5 km betragen. Das sind 600 m mehr als heute.

Das neue Ausleitkraftwerk Tuurau würde somit gut 4.5 km der Thur und 2 Auengebiete von nationaler Bedeutung beeinträchtigen.

Aga - Trigon Film

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