© ZUP Bernard van Dierendonck
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Naturnahes Umgebungsgrün hat viele Vorteile

  • Redaktion Naturschutz
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Monotoner Rasen, Steingärten und Thujahecken prägen vielerorts die Wohn- umgebung. Dieser sterile Nahraum ist weder den Menschen noch der einheimischen Fauna und Flora bekömmlich. Das Zertifikat «Naturnahes Wohnareal» gibt Gegensteuer. In Allschwil BL wurde die erste Wohnüberbauung mit dem Label ausgezeichnet.

Der Artikel von Pieter Poldervaart informiert im Journal „Zürcher Umweltpraxis“ der Baudirektion des Kanton Zürichs über die Entwicklung in der Umgebungsgestaltung.

Über 1200 Farn- und Blütenpflanzen, ein Drittel aller hiesigen Brutvögel und 16 verschiedene Fledermausarten sind in den Schweizer Städten zuhause. Diese überraschende Artenvielfalt zeigt, dass sich der städtische Siedlungsraum zu einem Hort für zahlreiche Arten und Lebensräume entwickelt hat, wie Evelyne Marendaz Guignet vom Bundesamt für Umwelt betont: «40 bis 50 Prozent der urbanen Fläche bieten trotz zum Teil anderweitiger Nutzung auch Lebensraum für Tiere, Pflanzen, Flechten, Moose oder Pilze.» Die Leiterin der BAFU-Abteilung Arten, Ökosysteme, Landschaften warb anlässlich der erst- maligen Verleihung des Zertifikats «Naturnahes Wohnareal» denn auch dafür, die Stadt stärker als Hort der Biodiversität aufzufassen.

Tongrube wird Vorzeige-Wohnareal

Beim nun ausgezeichneten Areal PIC 3 Allschwil handelt es sich um ein Gelände, auf dem von 1878 bis 1976 einer der bedeutendsten schweizerischen Backstein- und Ziegelhersteller angesiedelt war. 2003 verabschiedete die Baselbieter Gemeinde einen Quartierplan, der einen Akzent auf die Nachhaltigkeit setzte. Dies nicht zuletzt deshalb, weil sich die ehemaligen Tongruben dank zahlreicher Pfützen und Tümpel zu einem wertvollen Lebensraum für Amphibien gemausert hatten. 2006 übernahm die Migros-Pensionskasse einen Teil des Grundstücks und erstellte 94 Wohnungen, wobei die Berücksichtigung der ökologisch sensiblen Umgebung Pflicht war. Dementsprechend wurden Weiherbiotope erstellt; und rund ums Quartier verhindert eine 40 Zentimeter hohe Mauer, dass die Amphibien in die Siedlung eindringen und womöglich verenden.

Integration in natürliches Umfeld

Ins Auge fallen aber in erster Linie die bunt blühenden Wiesen, auf denen Pflanzen gedeihen wie auf den zwar von Kühen beweideten, aber nicht gedüngten Wiesen des Mittellands. «Der Quartierplan gab vor, dass die Umgebung standortgerecht bepflanzt werden muss», erklärt Heike Schmidt von der ausführenden Firma Müller und Schmidt Landschaftsarchitektur GmbH mit Sitz in Zürich und Basel. Um dies zu gewährleisten, inventarisierte Schmidt die Pflanzen rund ums Areal, wobei auch Waldsäume, Wiesen und von Bauern genutzte Felder berücksichtigt wurden. Denn das Ziel war, die Siedlung ökologisch optimal in die Umgebung einzupassen.
Gleichzeitig wollte man jeder Wohnung auch ein Stück nutzbaren Garten zuteilen. Das erreichte man, indem vor jeder Terrassentür eine Parzelle von rund 20 Quadratmetern als Rasen angesät wurde. An der wenig benutzten Hanglage hingegen spriessen Wiesenbocksbart, Esparsette und Margerite aus dem Gras – «so hat man das Blumenbeet gleich vor der Haustür», sagt Schmidt. Erst nach dem ersten Absamen im Juni wird das Gras am Hang geschnitten und an einen benachbarten Bauern abgegeben. Damit erreicht man, dass sich die Blumen vermehren können und die Wiesen mittelfristig magerer und damit attraktiver für Blumen bleiben. Im Herbst werden die Wiesenflächen nochmals geschnitten, damit im Frühling lichthungrige Blumen besser gedeihen.

© ZUP Bernard van Dierendonck
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Balance zwischen Schutz und Nutzen

Wichtig bei einer solchen naturnahen Grünraumgestaltung ist der Einbezug der Bewohnerinnen und Bewohner. Doch im Fall des Neubaus in Allschwil fehlten diese noch. Weil man eher gutsituierte Erstbezüger erwartete, entschied man sich bei den Kirschbäumen für eine gefüllt blühende Zuchtsorte ohne Fruchtausbildung. «Wenn niemand Interesse an der Ernte hat, fallen die Früchte bloss auf den Boden und verursachen auf dem Kiesuntergrund eine Menge Arbeit», so Schmidt.
Doch auch in Genossenschaftsliegenschaften müsse man mit Fruchtbäumen Augenmass walten lassen. Denn gerade Kirschbäume hätten hohe Erträge, mit deren Verarbeitung die Bewohnerschaft in der kurzen Saison rasch einmal überfordert sei. Deshalb sei bei Obstbäumen weniger oft mehr. Auch wenn Jungbäume zu eng nebeneinander gepflanzt werden, muss laut Schmidt regelmässig geschnitten und schon nach wenigen Jahren ausgedünnt werden. Gut platzierte Solitäre hingegen können sich frei entwickeln, müssen seltener gepflegt werden und verursachen weniger störenden Schattenwurf.

Neue Bedürfnisse ernst nehmen

Die grösste Gefahr bei der Förderung der Ökologie im Siedlungsraum ortet die Planerin bei zu radikalen Rezepten. Gerade im gemeinnützigen Wohnungsbau geniesse die ökologische Umgebungsgestaltung viel Sympathie. Doch diese positive Einstellung lasse sich nur erhalten, wenn man keine 100-prozen- tige Naturnähe anstrebe. So müssen etwa Wege auch mit hochhackigen Schuhen gut begehbar sein. Ein Bolz- platz darf nicht ersatzlos als Blumen- wiese zweckentfremdet werden. Ältere Semester wiederum schätzen es, gemütlich im Schatten einer Pergola zu sitzen und Blumen zu betrachten. Wer sich bei der Begrünung dieses Unterstands auf die beiden einheimischen, aber optisch weniger attraktiven Kletterer Efeu und Waldrebe beschränkt, wird deshalb wenig Beifall ernten. Glyzinien und andere exotische Blüten- und Duft- pflanzen hingegen werten Sitznischen enorm auf. Auch die Blumenrabatten müssen nicht nur mit Wildstauden bestückt werden. Ein gezielter Einsatz von Zierpflanzen ist aus Sicht der Biodiversität unproblematisch. Denn viel wichtiger ist es, grosse Flächen wie wenig benutzte Hanglagen oder Flachdächer mit einheimischer Flora zu versehen.

Ins Alltagsleben integrieren

Neben dem blossen Verweilen im Grünen und dem Queren der Freiflächen muss der Aussenraum noch weitere Alltagsbedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner abdecken. Dazu gehören etwa gemeinschaftliche Grillplätze, wie sie auch im Allschwiler PIC 3 ange- boten, aber vorderhand kaum nachgefragt werden. «Häufig braucht es zwei oder drei Jahre, bis solche Begegnungsorte entdeckt werden», so die Erfahrung von Schmidt. Ein wichtiger Faktor sei dabei die Zusammensetzung der Mieterinnen und Mieter. Immer höhere Ansprüche werden auch an Kinderspielplätze gestellt. Hier treten zunehmend naturnahe und individuell kombinierbare Elemente aus entrindeten Baumstämmen an die Stelle der klassischen Normmöblierung. Auch das Element Wasser und grosse Fels- brocken gehören fast schon zum Standard moderner Kinderspielplätze. Schmidt: «Dabei muss man sich bewusst sein, dass diese Art von Umgebungsgrün Teil der Siedlung ist und nicht Natur pur sein kann. Nur wenn naturnahe Flächen auch möglichst alle Bedürfnisse der Bewohnerschaft befriedigen, stossen sie auf Akzeptanz.»

Stetige Information hilft

Ins gleiche Horn stösst auch Simon Bächli, Inhaber der Firma Naturgärten & Geomantie in Umiken AG, der als Zertifizierer der Stiftung Natur & Wirtschaft arbeitet. Gerade Familien mit Kindern brauchten im Aussenraum flache Bereiche, auf denen Fussball und andere Spiele möglich seien. Nötig seien daneben auch Wasserzonen, Brätelplätze und Ecken, wo Kinder ungestört in der Erde wühlen dürfen. Zentral für das Gelingen einer vielfältigen Aussenraumnutzung sei zudem die offene und kontinuierliche Information. «Gemeinsame Begehungen öffnen den Anwohnern die Augen dafür, was in den naturnahen Flächen alles an Pflanzen gedeiht und welche Tiere direkt vor der Haustür Unterschlupf finden.»
Ideal sei, wenn man – wie in der Überbauung PIC 3 – von Beginn weg auf Naturnähe setzen könne. Dann sei es möglich, die oberste Bodenschicht, die meist fett und mit unerwünschten Samen durchsetzt ist, zu entfernen und erst anschliessend spezielle Wiesenmischungen anzusäen. Doch auch auf bestehenden Flächen liessen sich relativ rasche Erfolge erzielen. «Wichtig ist, sich von einer Fachperson beraten zu lassen, um Anfängerfehler zu vermeiden», so Bächli. Denn wenn auf Dauer nur eine blumenarme Fettwiese wuchere, sei das optisch wenig attraktiv – und die Genossenschaft verlange womöglich eine Rückkehr zum früheren unökologischen Bewirtschaftungsregime.

Die Nutzer sind dabei

Bei einer guten Umsetzung gebe es dagegen kaum stichhaltige Gründe gegen mehr Natur in der Wohnumgebung. So zeigte eine Befragung der Forschungsanstalt WSL, dass die Mehrheit der Stadtbevölkerung eine abwechslungsreiche Vegetation aus locker verstreuten Büschen und Bäumen auf Wiesen mit nicht gemähten Abschnitten bevorzugt. Zudem sind Wiesen, die nur zwei- mal jährlich gemäht werden müssen, deutlich pflegeleichter als ein ständig kurz gehaltener Rasen. Und einheimische Sträucher sind generell toleranter, was Frost und radikalen Schnitt angeht. Dazu kommen der Familienplausch beim Ernten der Früchte von Apfel- oder Kirschbäumen und die Freude an den Schmetterlingen, Fledermäusen und Igeln direkt vor der Haustür. Bächli: «All das führt dazu, dass die Bewohnerinnen und Bewohner von Mietliegenschaften gegenüber naturnahem Umgebungsgrün häufig aufgeschlossener sind als die Verwaltungen.»

Dieser Artikel erschien zuerst in Journal Zürcher Umweltpraxis (ZUP) 22. Jahrgang

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