© S.H. Photography [CC-BY-SA-3.0], via flickr
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Nachhaltige Alpen brauchen Schaf und Wolf

  • Roman Vonwil
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Die alpine Landwirtschaft trägt dazu bei, die reichhaltige biologische Vielfalt zu erhalten. Grossraubtiere sind Teil dieser Vielfalt. Damit die Ko-Existenz gelingt, brauchen die Bergbauern die Unterstützung der Gesellschaft, fordert die Internationale Alpenschutzkommission CIPRA anlässlich des Internationalen Tags der Berge am 11. Dezember 2014. Die Diskussionen müssen versachlicht werden.

Die Berglandwirtschaft steht als Modell für eine nachhaltige Bewirtschaftung im Zentrum des diesjährigen Tags der Berge am 11. Dezember 2014. Sie ist vielerlei Einflüssen ausgesetzt: Verstädterung, Abwanderung, Globalisierung sind nur einige davon. In den Alpen stellt die Rückkehr der Grossraubtiere die Bäuerinnen und Bauern vor zusätzliche Herausforderungen: Sie müssen ihre Bewirtschaftungsformen anpassen. Dafür brauchen sie die laut der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA die Unterstützung der Politik und der Gesellschaft.

Die Rückkehr von Bär, Wolf und Luchs ist für die Berglandwirtschaft nicht die grösste, aber die am heftigsten diskutierte Herausforderung. Der Pegel der Emotionen steht in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen Vorkommen an Grossraubtieren und die durch sie verursachten Schäden an Nutztieren. Eine Minderheit – vor allem NutztierhalterInnen, JägerInnen und NaturschützerInnen – dominiert das Thema. Die PolitikerInnen stellen ihre Fahnen in den Wind. «Es braucht eine Entflechtung der emotionalen von der sachlichen Ebene», sagt Claire Simon, Geschäftsführerin von CIPRA International.

Die Alpenstaaten haben sich mehrfach für eine Ko-Existenz mit Grossraubtieren ausgesprochen, unter anderem mit der Berner Konvention, der Fauna- Flora-Habitat-Richtlinie der EU und dem Washingtoner Artenschutzabkommen der Vereinten Nationen. In mehreren Alpenländern – namentlich in Frankreich und der Schweiz – wird nun darüber diskutiert, ob der Wolf zum Abschuss freigegeben werden kann, unabhängig davon, ob er Schäden bei Nutztieren angerichtet hat oder nicht. Entscheidend ist die Frage, auf welchen Kriterien solche Regulierungsbefugnisse basieren. Es darf nicht vorschnell eingegriffen werden, solange die Populationen nicht gesichert sind. Davon sind wir – über den ganzen Alpenbogen betrachtet –noch weit entfernt.

Es braucht international verbindliche Vorgaben für den Umgang mit Grossraubtieren, die durch wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen abgestützt sind. Für die Aushandlung dieser Vorgaben können bestehende Plattformen genutzt werden, wie die Plattform «Grosse Beutegreifer, wildlebende Huftiere und Gesellschaft» der Alpenkonvention oder die neu gegründete EU-Plattform «Zusammenleben von Menschen und Grossraubtieren» – sofern diese einen entsprechenden Auftrag von der Politik erhalten.

Eine allfällige Regulierung muss in ein Verhältnis gesetzt werden zum tatsächlichen Schadenspotenzial. Mag der Verlust für einen einzelnen Nutztierhalter gravierend sein, so ist er gesamtwirtschaftlich betrachtet jedoch gering. Wichtig ist, dass die Bergbauern unterstützt werden: von den Behörden durch Herdenschutzprogramme, die Entschädigungssysteme für gerissene Tiere beinhalten; von der Wissenschaft durch neue Erkenntnisse, Methoden und Anwendungsbeispiele; von der Bevölkerung durch Verständnis und Akzeptanz.

Herdenschutz wird seit Jahrhunderten erfolgreich praktiziert. Auch die Kosten dafür sind überschaubar. In den Alpen muss er erst wieder aufgebaut und an hiesige Verhältnisse angepasst werden. Nur weil es manchmal Rückschläge gibt, ist das noch kein Grund aufzugeben. Ein Restrisiko bleibt: Es ist genauso illusorisch zu fordern, dass es keine Schäden an Nutztieren gibt, wie dass es keine Verkehrsunfälle gibt.

Die biologische Vielfalt ist unsere Lebensgrundlage. Grossraubtiere gehören auch dazu. Die Ko-Existenz erfordert die Bereitschaft und Anpassungsfähigkeit der Menschen. CIPRA-Geschäftsführerin Claire Simon: «Wir müssen diskutieren: Wie viele Grossraubtiere sind aus Sicht der Ökologie nötig, wie viele sozialverträglich, und wie können Betroffene unterstützt werden?» Für Grossraubtiere geht es immer ums Überleben, wenn es zu einer Begegnung mit Menschen kommt. «Wir tragen die Verantwortung nicht nur für uns, sondern für alle Spezies und deren Lebensräume.»

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