MSC-Fischlabel in der Kritik

  • Redaktion Naturschutz
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Knapp 30 Prozent der durch das Gütesiegel MSC zertifizierten Fischprodukte stammen aus überfischten Beständen. Dies sagen Forscher des Geomar Zentrums für Ozeanforschung.

Dreiviertel der marinen Fischbestände gelten heute als überfischt oder bis zur Tragfähigkeitsgrenze genutzt. Etliche Fischbestände sind sogar bereits zusammengebrochen. Welche Fische und Meeresfrüchte dürfen da noch auf den Tisch? Verbraucher vertrauen den Empfehlungen unabhängiger Gütesiegel. Das in der Schweiz bekannteste ist das Umweltsiegel MSC, Marine Stewardship Council. Das blaue Zeichen verspricht Produkte aus nachhaltiger Fischerei. Auch das weniger bekannte Siegel FOS, Friend of the Sea, gibt Verbrauchern Orientierung beim Fischkauf. Aber wie  glaubwürdig sind die Gütesiegel, und können sich die Verbraucher uneingeschränkt auf die Zertifizierung verlassen?

In einer aktuellen Studie haben der Fischereibiologe Rainer Froese vom GEOMAR I Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und der Rechtswissenschaftler Professor Alexander Proelss, Universität Trier, die beiden Gütesiegel MSC und FOS unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse sind alarmierend. Unter den zertifizierten Produkten stammen immer noch 19 (FOS) beziehungsweise 31 Prozent (MSC) aus überfischten Beständen und solchen, die nicht umweltverträglich befischt werden.

„Nur etwa die Hälfte der MSC-zertifizierten Produkte stammte aus nachweislich gesunden Beständen mit angemessen niedrigem Fischereidruck. Etwa ein Drittel der zertifizierten Fischbestände war zu klein und wurde gleichzeitig zu hart befischt. Die übrigen Bestände waren entweder zu klein, zu hart befischt oder es lagen keine  Informationen vor“, fasst Rainer Froese die Ergebnisse der Untersuchung zusammen.

Keine Konsequenzen für MSC

Mit dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (UNCLOS) hat sich die  Staatengemeinschaft auf den Erhalt und die nachhaltige Bewirtschaftung von Fischbeständen verständigt. „Trotz dieser anerkannten Regeln können die Gütesiegel nicht zur Verantwortung gezogen werden, wenn sie gegen internationale Standards verstossen, es sei denn, das innerstaatliche Recht enthält entsprechende Vorgaben“ sagt Alexander Proelss. „Nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen können Staaten die Einfuhr von Fischprodukten aus überfischten Beständen verbieten.“ Verbraucher können sich demnach nicht uneingeschränkt auf die Umweltsiegel verlassen. Es drohen weder Sanktionen dafür, wenn anerkannte Standards nicht eingehalten werden, noch werden zwingend Zertifikate entzogen, wenn Fischereiunternehmen die Kriterien nicht mehr erfüllen.

Kritik üben die Forscher vor allem an der Zugänglichkeit von  Informationen. Bei 11 (MSC) bzw. 53 Prozent (FOS) der zertifizierten Bestände lagen keine oder nur unzureichende Angaben vor, so dass keine  Aussagen beispielsweise über die Bestandsgrösse getroffen werden konnten. Auch gibt es Zweifel an der Unabhängigkeit von eingesetzten Gutachtern, die Fischereien zertifizieren. Diese werden nämlich von den Fischerei-Unternehmen bezahlt. Darüber hinaus finanziert sich beispielsweise MSC nicht allein aus Spenden, sondern auch über den Erlös von Lizenzgebühren für zertifizierte Produkte. Die Einnahmen des MSC steigen also mit der Zahl der zertifizierten Bestände.“Die Zertifizierer müssen ihre Kriterien verschärfen und dann auch einhalten. Überfischten Beständen muss das Siegel entzogen werden“, fordert Rainer Froese. Ein Beispiel dafür ist Seelachs aus der Nordsee. Nach der Zertifizierung durch das Umweltsiegel MSC schrumpfte der Bestand aufgrund immer stärkerer Befischung. „Jetzt ist die Grenze zum Zusammenbruch erreicht, das Siegel soll aber nicht entzogen werden.“

MSC weist Vorwürfe von sich

MSC nimmt wie folgt Stellung: „Die Fischereien, die nach dem MSC-Standard zertifiziert sind, nutzen ihre Zielartbestände nachhaltig. Diese Bestände sind nicht überfischt.“ Zur Beurteilung des Zustandes der Fischbestände hätten sich die Autoren der Studie an Referenzwerten orientiert, die in wissenschaftlichen Kreisen nicht anerkannt seien. „Die von Froese und Proelss verwendete Definition von ‚Überfischung‘ und viele der verwendeten Referenzpunkte sind international nicht akzeptiert. Die Resultate der Studie sind somit irrelevant.“

Pressemitteilung Geomar

Stellungnahme MSC

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