Palmen sind vielfältig brauchbar.
Die indigene Bevölkerung von Südamerika hat viele Anwendungsmöglichkeiten für Palmen. © Reisefreiheit_eu, via pixabay

Verlust von Biodiversität gefährdet indigene Gemeinschaften

  • Redaktion Naturschutz
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Was indigene Gemeinschaften in Südamerika über Pflanzen wissen, ist meist nirgends schriftlich festgehalten. Ökologen der Universität Zürich haben nun herausgefunden, dass der gleichzeitige Verlust von Biodiversität und Wissen das wirtschaftliche Überleben indigener Menschen gefährdet.

Für die meisten indigenen Gemeinschaften in Südamerika spielen Pflanzen eine wichtige Rolle – sie dienen nicht nur als Nahrung, sondern liefern auch Material für die Herstellung von Baumaterial, Werkzeugen, Medizin und vieles mehr. Wenn Pflanzenarten aussterben, gefährdet dies deshalb auch die Lebensgrundlage dieser Menschen, berichtet die Universität Zürich.

Doch es droht noch eine andere Gefahr, die bisher kaum beachtet wurde: Das Verschwinden von Wissen darüber, wozu welche Pflanzenart verwendet wird. Denn dies ist nicht aufgeschrieben, sondern existiert nur als kulturelles Erbe in den Köpfen der Menschen – und könnte daher fast unbemerkt verschwinden. «Es ist noch sehr wenig darüber bekannt, wie anfällig dieses Wissen auf den stattfindenden globalen Wandel ist», sagt Jordi Bascompte, Professor für Ökologie an der Universität Zürich. «Es ist deshalb dringend nötig herauszufinden, wie biologische und kulturelle Faktoren in einem Ökosystem zusammenspielen.»

Diverse Verwendung von Palmen

Deshalb haben Jordi Bascompte und weitere Forscher diese Zusammenhänge nun erstmals in grossem Massstab untersucht. Für ihre Studie befragten sie 57 indigene Gemeinschaften im Amazonasbecken, in den Anden und in der Chocó-Region zu ihrem Wissen über Palmen. Die verschiedenen Palmenarten und ihre Nutzung stellten die Forschenden anschliessend in grafischer Form als Netzwerk dar. Daraus konnten sie dann ablesen, wie das Wissen der indigenen Gemeinschaften lokal und regional miteinander verknüpft ist.

Jede Gemeinschaft kannte durchschnittlich etwa 18 Palmenarten und 36 verschiedene Verwendungsmöglichkeiten: So werden beispielsweise die Früchte gegessen, getrocknete Blätter zu Hängematten gewoben und gespaltene Stämme als Hüttenboden verlegt. Es zeigte sich, dass sich die Kenntnisse der verschiedenen Gemeinschaften nur mässig überschnitten, selbst wenn es sich um die gleiche Palmenart handelte.

Schon kleiner Wissensverlust hat Konsequenzen

Anhand von Simulationen analysierten die Wissenschaftler dann, was passiert, wenn einzelne Arten oder das Wissen um eine bestimmte Verwendungsweise verloren gehen. Dabei stellten sie fest, dass das Netzwerk sehr fragil ist und schon der Verlust von wenigen Komponenten eine grosse Auswirkung auf das gesamte System haben kann: «Dabei spielt die kulturelle Diversität eine genauso wichtige Rolle wie die biologische», so Bascompte. «Besonders der gleichzeitige Verlust von Pflanzenarten und kulturellem Erbe führt zu einer viel schnelleren Auflösung des indigenen Wissensnetzwerks.»

Kulturelle und biologische Faktoren sind wichtig

Bascompte und seine Kollegen ziehen daraus den Schluss, dass den kulturellen Faktoren bisher zu wenig Beachtung geschenkt wurde: «Normalerweise liegt der Fokus eher auf dem Aussterben von Pflanzenarten. Aber das unersetzliche Wissen, das nach und nach aus indigenen Gemeinschaften verschwindet, ist genauso wichtig für den Dienst, den ein Ökosystem leistet.»

Die Studie unterstreicht ebenfalls, wie wertvoll eine transdisziplinäre Zusammenarbeit von Ökologie und Sozialwissenschaft ist: «Der dadurch hergestellte Zusammenhang zwischen biologischer und kultureller Diversität kann dabei helfen, die Widerstandsfähigkeit der indigenen Gemeinschaften im Angesicht des globalen Wandels zu stärken.»

Die vollständige Studie «Indigenous knowledge networks in the face of global change» finden Sie hier.

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