© raincarnation40 [CC-BY-SA-2.0], via pixabay.com
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Mehr Wölfe für Graubünden              

  • Julia Hatzl
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«Des einen Leid ist des anderen Freud», so lautet ein altes Sprichwort. Im Bezug auf den Wolf ist es ausserordentlich treffend. Landwirte, Jäger und viele Privatpersonen sehen den Wolf als Feind. Aus Sicht des Naturschutzes, der Wolfsfreunde, der Biologen und auch der Forstwirtschaft hat der Wolf diese Rolle nicht verdient.

Das Amt für Wald in Graubünden vertritt in seinem neuen Waldentwicklungsplan 2018+ klar die Einstellung, dass Grossraubtiere aus forstlicher Sicht willkommen sind und die Ausbreitung in von Grossraubtieren noch nicht besetzte Gebiete im Kanton wohlwollend gesehen wird. «Für den Wald ist das Wolfsrudel sicher positiv», so das Fazit von vorderster Front.

60 Prozent der Bündner Wälder übernehmen Schutzwaldfunktion. Das bedeutet, dass sie eine wichtige Funktion zum Schutz vor Murabgängen, Lawinen und Steinschlägen erfüllen. Ohne gesunde, starke junge Bäume kann ein Wald seine Schutzfunktion nicht mehr warnehmen. Leiter des Amtes für Wald und Naturgefahren, Kantonsförster Reto Hefti, kritisiert schon jetzt den Zustand der Waldverjüngung: «Wir haben Zustände, die langfristig nicht tolerierbar sind. 21 Prozent des Schutzwaldes haben Verjüngungsprobleme wegen Verbiss. Die Schutzfunktion des Waldes könnte nachhaltig gestört werden». Der Verbiss wird massgeblich durch die Anzahl an Hirschen, Rehen und Gämsen, sogenanntem Schalenwild, verursacht. Je mehr Schalenwild in den Wäldern lebt, desto mehr Jungbäume werden beschädigt. Und diese Zahl ist in der Schweiz unnatürlich hoch. Der Grund dafür ist einfach: Bis auf den Menschen sind alle natürlichen Feinde verschwunden und die Tiere konnten sich beinahe unkontrolliert vermehren. Seit der Rückkehr des Wolfes in die Schweiz lässt sich jedoch eine faszinierende Entwicklung beobachten: Dort wo der Wolf ist, ist der Wald gesünder.

Was, wenn die Fleischfresser in einem System fehlen?

Grosse Fleischfresser, sogenannte Alpha-Prädatoren, übernehmen eine unverzichtbare Schlüsselfunktion in einem gesunden Ökosystem. Trotz ihrer geringen Anzahl im Vergleich zu der Zahl der Pflanzenfresser sind sie dafür verantwortlich, dass das Gleichgewicht zwischen Vegetation und Pflanzenfresser erhalten bleibt. Fehlen Alpha-Prädatoren in Ökosystemen, so bricht das gesamte Gleichgewicht zusammen. Pflanzenfresser vermehren sich unkontrolliert, Krankheiten und Infektionsraten steigen an, die Vegetation kann sich nicht mehr schnell genug regenerieren. Erosionen, Biodiversitätsverlust und Verarmung sind die Folge.

Durch zu wenig Jungwuchs kann der Wald Hänge nicht mehr stabilisieren und es kommt zu Hangrutschungen @ 1849422 [CC-BY-SA-2.0], via pixabay.com
Durch zu wenig Jungwuchs kann der Wald Hänge nicht mehr stabilisieren und es kommt zu Hangrutschungen @ 1849422 [CC-BY-SA-2.0], via pixabay.com

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren Gams, Reh und Rothirsch in der Schweiz so gut wie ausgerottet. Ein halbes Jahrhundert später verschwand auch der Wolf. Durch Fördermassnahmen und Schutz begannen sich die Wildpopulationen rasant zu erholen und auch der Wolf kehrte im 20. Jahrhundert zurück. Allein zwischen 2000 und 2017 stieg der Hirschbestand im Frühling in Graubünden von ca. 12 600 Tieren auf 16 500 Tiere. Dies ist beachtlich, bedenkt man, dass nicht einmal 200 Jahre zuvor der Hirsch in der Schweiz als ausgerottet galt.

Die Anwesenheit des Wolfes hat nicht nur eine direkte Auswirkung auf die Anzahl seiner Beutetiere. So reisst das aus 10 Tieren bestehende Calandarudel rund 300 Hirsche, Rehe und Gämsen pro Jahr. Noch viel wichtiger ist die indirekte Verhaltensänderung, die der Wolf in den Beutetieren hervorruft. Das Wild bewegt sich im Allgemeinen mehr und meidet bestimmte Regionen.

Der Wolf als Wald- und Ökosystemingenieur

Durch die heutige, unnatürlich hohe Populationsdichte von Rotwild, Reh und Gämse herrscht in Schweizer Wäldern ein enormer Druck auf die Bäume. Alle drei Arten, Hirsch, Reh und Gams, gehören zu den sogenannten Laubfressern. Das bedeutet, dass sie sich grossteils von Blättern, aber auch junger Rinde, und weniger von Gras ernähren. Kaum ein Setzling wird von den hungrigen Pflanzenfressern verschont. In den letzten Jahren konnten in vielen Wäldern kaum mehr Jungbäume gezählt werden, mit drastischen Auswirkungen auf die Biodiversität, Waldverjüngung und Waldgesundheit.

Verbissspuren an einer Vogelbeere @ Hajotthu [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons
Verbissspuren an einer Vogelbeere @ Hajotthu [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons

Die Anwesenheit des Wolfes am Calanda hat zur Folge, dass der durch das Wild verursachte Druck auf manche Teile des Waldes verringert wird, wodurch sich in diesen Bereichen die Vegetation wieder erholen kann und sich Jungbäume etablieren können. Dieser Trend könne schon jetzt beobachtet werden, bemerkt Mattiu Cathomen, Revierförster in Tamins, und ergänzt «Die Zahl der jungen Weisstannen im Alter von zwei bis fünf Jahren hat stark zugenommen.»

Wölfe bewirken eine drastische Verhaltensänderung in den Beutetieren © Cloudtail [CC-BY-SA-3.0], via flickr
Wölfe bewirken eine drastische Verhaltensänderung in den Beutetieren © Cloudtail [CC-BY-SA-3.0], via flickr

Calandawald als verlgeichbares Beispiel zum Yellowstone Nationalpark?

Die Entwicklungen im Calanda scheinen nach der Rückkehr des Wolfs die gleiche Richtung zu nehmen wie im Yellowstone Nationalpark in den USA. Der Wald wird jünger und gesünder. Sowohl zum Einfluss von Wölfen auf wildlebende Huftiere als auch zum Einfluss von Huftieren auf die Verjüngung des Waldes gebe es viele ausländische Studien, sagt Andrea Kupferschmid von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). «Nur wenigen ist es bisher aber gelungen, die beiden Wirkmechanismen zu verknüpfen und Aussagen darüber zu machen, wie sich Grossraubtiere auf die Waldentwicklung auswirken.» Ein Beispiel dafür ist der Yellowstone Nationalpark. Die Veränderungen der gesamten Flora und Fauna wurde nach der Wiederansiedlung des Wolfes 1995 genau dokumentiert. Es zeigte sich, dass durch die erneute Anwesenheit des Wolfes das ganze Ökosystem eine Reihe von Veränderungen durchlief.

© Christian Kaiser, via youtube.com

 

Was der Wolf veränderte

  • Die Population des amerikanischen Rothirsches (Wapiti) ging zurück
  • Die Wapitis mieden bestimmte, unübersichtliche Bereiche
  • Durch deren Abwesenheit in einigen Bereichen konnte sich die Vegetation erholen und die Waldfläche sich ausdehnen.
  • Durch eine infolgedessen abwechslungsreichere Landschaft wurden neue Lebensräume für viele Tierarten geschaffen. Die Zahl der Biber, diverser Vogelarten, Amphibien, Reptilien, Dachse, Hasen und noch vieler weiterer Arten stieg an. Es wanderten sogar einst verlorene Arten wieder ein.
  • Das ganze Gebiet wurde weniger anfällig für Erosion, Hangrutschungen und Überschwemmungen.

Dies sind nur einige der zahlreichen positiven Folgen, die die Wiedereinbürgerung des Wolfes nach sich zog. Doug Smith, Wildtierbiologe und Verantwortlicher für das «Yellowstone Wolf Project» beschrieb die beobachteten Geschehnisse im Yellowstone Park mit folgenden Worten: «Es ist, als ob man einen Kieselstein einen Berghang hinuntergeworfen hat, auf dem genau die richtigen Bedingungen geherrscht haben, sodass der Kieselstein eine ganze Lawine an Veränderungen bewirken konnte.» Das Gleichgewicht des Ökosystems begann sich wieder einzupendeln.

Nehmen wir Yellowstone als Vorbild so lässt sich mit grosser Neugier und Begeisterung in eine Zukunft der Schweiz mit dem Wolf blicken. Noch befindet sich die Situation am Calanda in den Kinderschuhen. Das Ökosystem Wald reagiert und regeneriert sich nur langsam. Doch schon jetzt ist eines klar: Der Wolf ist gut für den Wald.

Wolf und Hirsch im Klimawandel

Wissenschaftler im Yellowstone Nationalpark belegten in einer Studie, dass der primäre Mortalitäsgrund bei Elchen in wärmeren Wintern der Wolf ist. Hingegen war in kalten, harten Wintern die Schneehöhe der massgebliche Grund. Für die Schweiz ist dies deshalb von spezieller Bedeutung, weil bedingt durch die Klimaerwärmung auch die Dauer und Dicke der Schneedecke sinken wird. Bei Abwesenheit des Wolfes bedeutet dies, dass die Zahl der Hirsche, Rehe und Gämsen weiter ansteigen könnte und die vielen Schutzwälder ihre Funktion verlieren könnten.

Weiterführende Informationen zum Thema Wolf und seinem Einfluss auf Ökosysteme finden Sie auf der Website von CHWOLF.

6 Kommentare

  • Ott

    Vorsicht mit der Kommunikation! „Die“ Jäger sehen den Wolf nicht als Feind! Vielleicht „einige“ oder „viele“ Jäger. Mit solchen Verallgemeinerungen vergeben die Wolfsfreunde unnötig Goodwill unter uns Jägern!
    Viele von uns stehen dem Wolf nämlich einigermassen wohlwollend oder mindestens neutral gegenüber.

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    • Julia Hatzl

      Sehr geehrter Herr Ott

      Vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Das ist eine sehr gute Anregung und natürlich haben Sie vollkommen recht. Es darf nicht das Bild erweckt werden, dass alle in einen Topf geschmissen werden. Ich habe die Wortwahl angepasst.

      Freundliche Grüsse

  • Frank Topp

    Das Verständniss der Beziehungen zwischen Beutegreifer und Beute ist noch nicht allzu groß. Die Veränderungen im YNP gehen einer anderen Studie nach nicht auf die Wölfe zurück, sondern auf die Ernährungsumstellung der Bären im Frühjahr. Das Ausbleiben einer bestimmten Forellenart als Nahrung, führte zur Dezimierung des Hirschnachwuchses und den beschriebenen Veränderungen. Die Ansiedlung der Wölfe fällt reinzufällig in diesen Zeitraum, ist aber nicht alleine für die Veränderungen verantwortlich.

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  • Guido Walker

    Warum schreibt ihr nicht dass nach anfänglich wenigen Wölfen im Yellowstone Nationalpark eine Plage geworden ist?

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    • Julia Hatzl

      Sehr geehrter Herr Walker
      Die Wolfspopulation im Yellowstone Park hat sich sehr gut erholt und die Zahl der Wölfe betrug Ende 2016 108 Individuen, in 11 Rudel aufgeteilt. 1995 wurden 14 Individuen wiederangesiedelt. Den jährlichen Bericht zur Wolfsentwicklung finden Sie unter https://www.nps.gov/yell/upload/Wolf_Report_2016.pdf. Darin sind auch die Populationsentwicklungen der Elche und Bisons angeführt.
      Trotz des Anstiegs der Wolfspopulation kann von keiner Plage gesprochen werden. Auch finde ich keine Quellen, die auf eine Wolfsplage hinweisen würden.

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