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Klimaschutz im Alpenraum

  • Gavino Strebel
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see_2009_05_29Die Alpen im Klima-Check: Ein Team von WissenschaftlerInnen unterschiedlicher Disziplinen zeigt, wie intelligenter Klimaschutz aussehen könnte. Ihre Erkenntnisse fliessen ein in das Projekt cc.alps der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA. Daraus folgert die Organisation: Schon heute müssten sich die Alpenstaaten auf die Folgen der Erderwärmung einstellen – aber nur mit Massnahmen, die Natur und Mensch mehr nützen als schaden.

Eine Dachorganisation von fünf Millionen Naturschützenden will Berge versetzen. Sie hat sich nichts weniger vorgenommen, als die Alpen nach Kopenhagen zu bringen. Dort, im dänischen Flachland, versammeln sich in Dezember PolitikerInnen aus aller Welt, um ein neues Abkommen zur Verminderung der Erderwärmung zu verabschieden. Die Internationale Alpenschutzkommission CIPRA, Dach von über 100 Umweltorganisationen in sieben Alpenstaaten, will den Delegierten zeigen, dass die Auswirkungen des Klimawandels im europäischen Hochgebirge besonders schnell und drastisch spürbar werden. Sie fordert die UmweltministerInnen der Alpenstaaten in einem Schreiben dazu auf, die Alpen in Kopenhagen einzubringen als Teil des Problems und Teil der Lösung. Zugleich möchte die CIPRA die Bevölkerung aller Alpenländer für die Klimaproblematik in den Alpen sensibilisieren – nicht ohne auch Lösungsvorschläge zu unterbreiten.

Dominik Siegrist, Präsident von CIPRA International, weist auf das galoppierende Tempo alpiner Landschaftsveränderungen hin: «Die Alarmsignale sind mittlerweile auch für den grössten Skeptiker nicht mehr zu übersehen. Gletscher schmelzen ab so schnell wie kaum zuvor in der Geschichte, der Permafrost beginnt zu tauen, extreme Stürme und Trockenperioden nehmen zu.» Die Veränderung der Berglandschaft verlaufe in einer Geschwindigkeit, an die sich viele Tier- und Pflanzenarten nicht anpassen können. Nahezu jede zweite Pflanzenart in den Alpen ist laut Siegrist bis zum Jahr 2100 vom Aussterben bedroht. Es sei mehr als fraglich, ob das Ziel, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, überhaupt noch erreichbar sei. Seine Organisation fordert die Delegierten der Kopenhagener Konferenz auf, die Finanzierung der erforderlichen Klimamassnahmen verbindlich zu regeln. Diese Investitionen lohnten nicht nur für Natur und Umwelt. In vielen Branchen wie Energieversorgung, Naturschutz und Verkehr könnten auch zahlreiche neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

Ein weiteres Beispiel ist der Bereich Bauen und Wohnen, wo der Ausstoss des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) laut Siegrist kurzfristig und in grossem Ausmass vermindert werden kann. Nationale Regierungen und die Europäische Union, so die Forderung der CIPRA, sollen zudem umfangreiche Förderprogramme für den Ausbau des Öffentlichen Verkehrs verabschieden und für die Renaturierung von Mooren und Wäldern, die viel CO2 binden. «Kopenhagen muss zu einer Wendemarke hin zu einem proaktiven Klimaschutz werden», hofft der Präsident. Gerade weil die Alpenländer besonders stark unter der Erderwärmung leiden, sollen sie zu einem Modell für vorausschauende Klima- und Umweltpolitik werden. Dafür engagiert sich die CIPRA mit ihrem Projekt cc.alps, das sie vor zwei Jahren gestartet hat. Als internationale Dachorganisation eignet sie sich besonders, um ein solches internationales Projekt zu stemmen. Sie bündelt die Expertise von WissenschaftlerInnen vieler Disziplinen. Das gemeinsame Ziel sei, «Klimaschutz einen Schritt weiter zu denken», wie Geschäftsführer Andreas Götz erklärt, der vom liechtensteinischen Schaan aus die fachübergreifende Recherchen koordiniert. Seine Organisation lässt alpenweit erforschen, welche ökologischen oder sozialen Folgen Klimamassnahmen haben. In so unterschiedlichen Bereichen wie Verkehr, Tourismus, regionale Wirtschaft, Naturschutz, Raumplanung oder Energieversorgung listen die WissenschaftlerInnen auf, wie sich die Alpenstaaten jetzt schon auf die Folgen des Klimawandels vorbereiten können. «Wir beobachten derzeit viel schädlichen Aktionismus», sagt Götz. Die Politiker wollten schnell handeln und richteten dabei oftmals mehr Schaden als Nutzen an. Der Klima- Check der CIPRA prangert aber nicht nur die Irrungen einer kurzatmigen Politik an, sondern stellt auch gelungene nachhaltige Modelle heraus. Gemeinden und Unternehmen, die sich vorbildlich engagieren, werden zur Nachahmung empfohlen.

Vordergründig ist beispielsweise die Umstellung von Heizungen auf Holz ein Fortschritt. Schliesslich handelt es sich um einen nachwachsenden, natürlichen Brennstoff. Doch der Trend zur Pelletheizung hat einen Haken. «Es macht keinen Sinn, ganze Wälder durch die Schornsteine schlecht isolierter Häuser zu pusten», warnt Andreas Götz. Er nennt alarmierende Zahlen. Während der Energieverbrauch in der Industrie seit langem stagniert, hat er sich in den privaten Haushalten seit den 1970er Jahren verdoppelt. Die meiste Energie wird für Raumwärme verbraucht – vor allem aber verschwendet. Denn in den Alpen handelt es sich bei der Mehrheit der Gebäude um sanierungsbedürftige Strom- und Ölfresser. Mit besserer Abdichtung und der Umstellung auf erneuerbare Energieträger liesse sich ihr Verbrauch relativ einfach um bis zu 90 Prozent senken. «Es macht nur Sinn, auf Holz zum Heizen umzustellen», so Götz, «wenn die Häuser gleichzeitig klimamodernisiert werden.»

copy6_of_staumauer_formazzacopyrightciprainternationalKlimaschutz trägt neue Konflikte ins Hochgebirge. So ist Wasserkraft eine klimaneutrale Energieform, die in den Alpen reichlich verfügbar ist. Was liegt näher, als noch mehr Hydrokraftwerke zu bauen, um den wachsenden Strombedarf zu decken? Die Schattenseite besteht jedoch in der Zerstörung natürlicher Landschaften durch neue Anlagen. WissenschaftlerInnen haben für das Projekt cc.alps ausgerechnet, dass mit Modernisierungen die Leistung bestehender Kraftwerke kurzfristig um den Faktor 4 gesteigert werden kann. Deshalb gelte auch hier die Devise «besser statt neu». Beim Problem Hochwasser zeigt die CIPRA Wege auf, wie sich Klimafolgen ohne Widerspruch zum Naturschutz bewältigen lassen. ExpertInnen erwarten eine Zunahme schwerer Hochwasser in den Alpen – eine der gefährlichen Konsequenzen globaler Erwärmung. Um Dörfer und Städte vor den Sturzfluten zu schützen, wird immer wieder der Ausbau der Flüsse gefordert, sprich: die Betonierung ihrer Ufer und Betten. «Völlig falsch», sagt Mario Broggi. Er ist Koordinator Alpen der MAVA-Stiftung für Natur, die cc.alps finanziell unterstützt. Ein moderner Hochwasserschutz, sieht in den Augen von Broggi anders aus: Den Flüssen wird beidseitig mehr Rückhalteflächen reserviert, damit das Wasser in extremen Wettersituationen nicht sturzbachartig talwärts fliesst. «Mehr Platz für die Alpenflüsse bedeutet mehr Raum für natürliche Landschaft», betont der Ökologe und Förster. Eine solche Bewältigung von Klimafolgen diene sogar dem Naturschutz.

Die CIPRA fordert von der internationalen Staatengemeinschaft, den Klimaschutz weit energischer und schneller als bisher umsetzen. Das gelte für den Grossraum der Alpen mit seiner besonderen Empfindlichkeit für klimatische Veränderungen, aber auch international. Die «Bremser» USA und China müssten endlich zusammen mit den anderen reformwilligen Staaten auf Klimakurs einzuschwenken. Kopenhagen sei eine der letzten Gelegenheiten, «um den Schaden für die gesamte Menschheit zumindest zu begrenzen».

Die CIPRA-Forderungen zum Klimaschutz

Beispielhafte Klima-Massnahmen

Projekt cc.alps der CIPRA

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