Hungerblümchen

Klettern beeinflusst die Vegetation

  • Stefanie Pfefferli
  • -

Kletterer gelten als naturverbunden. Unproblematisch ist die Ausübung ihrer Sportart für die Natur jedoch nicht. Wie Wissenschaftler der Universität Regensburg nachweisen konnten, hat das Klettern negative Folgen für die  Verbreitung und die genetische Struktur von seltenen Pflanzen in Bergregionen.

Klettern ist eine Sportart, welche auf der ganzen Welt beständig zu nimmt. Dadurch steigt aber auch der Druck auf die Vegetation gerade in solchen Gebieten, die sich bei Kletterern grosser Beliebtheit erfreuen.Dies gilt auch für die Gebiete nördlicher Franken-Jura und die Schwäbische Alb, die beide zu den bedeutendsten Kletter-Regionen Deutschlands zählen. Genau diese Gebiete gehören zu den Hauptverbreitungsgebieten des seltenen gelben Hungerblümchens (Draba aizoides), welches Kalksteinfelsen wächst. Um herauszufinden, ob das Klettern einen Einfluss auf die Verbreitung und die genetische Struktur der seltenen Pflanze hat, verglichen Wissenschaftler die Pflanzenpopulationen auf insgesamt 16 Felsen, von denen acht beklettert werden, während die anderen acht bislang davon unberührt geblieben sind.

Die Pflanzenpopulationen auf den beiden Felstypen haben sich deutlich voneinander unterschieden. So sind die Pflanzen auf den Kletterfelsen kleiner und weniger zahlreich als ihre Artgenossen auf den nicht bekletterten Felsen. Darüber hinaus konnten die Regensburger Forscher auch Auswirkungen des Kletterns auf die genetische Struktur der Populationen feststellen, denn die genetischen Unterschiede zwischen der oberen und der unteren Hälfte der Populationen waren auf den bekletterten Felsen signifikant niedriger – eine Veränderung, die auf die Ausbreitung von Samen und Pflanzenteilen durch Klettern zurückzuführen ist. Die mechanischen Belastungen durch das Klettern führen zu Veränderungen der Populationsstruktur. Zwar fördern Bergsteiger durch ihre Auf- und Abstiege die Verteilung der Pflanzensamen. Es ist jedoch nicht auszuschliessen, dass die von den Forschern beobachteten genetischen Veränderungen langfristig die Fähigkeit der Pflanzen, in ihrer ursprünglichen Umgebung zu überleben, beeinträchtigen könnten.
Aufgrund ihrer relativen Unzugänglichkeit gehören die Felsmassive vor allem der Mittelgebirge zu den wenigen Ökosystemen, die in den letzten Jahrhunderten nur bedingt durch den Menschen in ihrer Entwicklung gestört wurden. Sie beheimaten zumeist eine grosse Bandbreite seltener und gefährdeter Pflanzenarten. In Gebieten, die bei Kletterern besonders beliebt sind, ist es deshalb dringend erforderlich, unberührte Felsen zu erhalten, auf denen sich die einzelnen Pflanzenarten ohne äussere Einflüsse entwickeln können, fordern die Forscher.

Weitere Informationen

Bild: Tiegerente (Wikimedia Commons)

Beitrag kommentieren