© Limnologische Station, UZH
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Invasion der roten Pest wieder aktuell

  • Judith Schärer
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Bald erscheinen gewisse Seeufer wieder in einem mysteriösen Rot. Wenn sich das Wasser in den nächsten Wochen abkühlt, wird die Burgunderblutalge wie in vielen Wintern zuvor die Ränder von verschiedenen Schweizer Seen mit einem roten Teppich überziehen – nicht ohne Konsequenzen für das Ökosystem.

Das Blut der gefallenen Burgunder sei es, das den Murtensee derart rot färbe, waren sich die Anwohner sicher. Tausende Burgunder waren bei der Schlacht von Murten durch die Eidgenossen in den See getrieben worden. Die einfachste Erklärung für die roten Spuren, die jeweils im Herbst auf dem See trieben, war also ein Heraufdringen des Burgunderblutes aus der Tiefe. Dieser Sage verdankt die Blutburgunderalge ihren Namen und verunsichert seit 1826, als das Phänomen erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde, bis heute jene, welche sie entdecken.

Genau genommen ist die Burgunderblutalge (Planktothrix rubescens) keine Alge sondern ein Cyanobakterium. Diese sind allerdings ebenfalls zur Photosynthese fähig und nutzen neben dem Chlorophyll auch den Stoff Phykoerythrin zur Aufnahme von Licht. Dieser verleiht ihnen die typische rote Farbe, welche schon manchen Passanten irritierte. Sogar die Seepolizei vermutete schon einmal fälschlicherweise eine chemische Verunreinigung im Zürichsee und brachte eine Wasserprobe zur Abklärung ins Labor. Eine verständliche Reaktion, wenn man weiss, wie die rot-braunen, schleimigen Teppiche aussehen, welche die Alge auf der Wasseroberfläche bilden kann.

Alle Jahre wieder

Das Phänomen folgt einem typischen Jahresverlauf im See. Im Sommer ist das Wasser bis in eine Tiefe von 10-20 Metern durchmischt. Darunter befindet sich die Sprungschicht, die sich im Sauerstoffgehalt deutlich von der oberen durchmischten Schicht unterscheidet und aus kühlerem Wasser besteht. Im Frühling steigen die nur wenige Zehntelmillimeter kleinen Fäden dank selbst gebildeter Gasbläschen aus bis zu 70 Metern Tiefe auf und bilden im obersten Bereich der Sprungschicht während des Sommers einen dichten Bestand. Sobald es kälter wird, kühlt die obere durchmischte Schicht ab und nähert sich temperaturmässig der Sprungschicht an. Die Fäden der Burgunderblutalge dringen nun dank Gasblasen innerhalb ihrer Zellen bis an die Oberfläche und trüben das Wasser. Weht der Wind lange Zeit in eine Richtung, werden die an der Oberfläche treibenden Fäden an das Seeufer getrieben und färben dort die Wasseroberfläche purpurrot. Kühlt der See weiter ab, wird das Wasser, und mit ihm die Burgunderblutalge, immer tiefer durchmischt. Sinken die Algen ab, steigt der Wasserdruck und die Gasblasen werden zerdrückt. Dadurch sinken die Fäden auf den Grund und die Cyanobakterien sterben ab. Sind die Temperaturen zu mild, findet allerdings keine genug starke Durchmischung des Wassers statt und die Fäden bleiben weiter oben hängen. Dann steigen sie im nächsten Sommer wieder auf und die Entwicklung von vermehrter Blüte setzt wieder ein – mit jedem milden Winter stärker. Die Burgunderblutalge sei somit ein Phänomen der Klimaerwärmung, erklären Forscher der Limnologischen Station Kilchberg.

Trotz Giftstoff keine Gefahr für Menschen

Die Burgunderblutalge produziert eine komplexe Verbindung, welche für Menschen giftig sein und Leberkrebs auslösen kann. Grund zur Besorgnis gibt es allerdings nicht, der Stoff müsste in riesigen Mengen direkt eingenommen werden und in Trinkwasseranlagen wird er unschädlich gemacht. Auch beim Fischverzehr muss man sich keine Sorgen machen: Die Wasserbewohner meiden den Stoff ebenfalls und sind dadurch nicht belastet. Indirekt leiden aber auch die Fische unter der Algenplage: Kleinkrebse bilden ein essentielles Glied der Nahrungskette und für diese stellen die Burgunderblutalgen einen Killer dar. Allgemein ist das Ökosystem durch die „rote Pest“, wie sie auch genannt wird, stark gefordert. Im Zürichsee hat sie andere Algenarten grösstenteils verdrängt und in den Wintermonaten beträgt ihr Anteil dort fast 80 Prozent.

Undurchsichtiges Vorkommen

Im Zürichsee ist die Blutburgunderalge erstmals Ende des 19. Jahrhunderts in grösseren Mengen aufgetreten und erreichte in den 1940er Jahren einen Höhepunkt. Mitte der sechziger Jahre verschwand sie, seit Anfang der neunziger Jahre nimmt sie nun wieder zu. Das unregelmässige Vorkommen ist neben anderen Themen eine der Hauptfragen der Forschung um die Burgunderblutalge. Wie im Zürichsee wird sie im Genfersee, Hallwiler See, und Teilen des Vierwaldstättersees immer wieder beobachtet, im Bodensee hingegen nicht. Dass die Alge nicht vorkommt, kann verschiedene Gründe haben: Wenn das Wasser zu seicht ist, kann der Zyklus der Alge in der Tiefe gar nicht erst beginnen. Im Bodensee machen Forscher die Wellenbewegungen in der Sprungschicht verantwortlich für ein Fehlen der Alge. In gewissen Fällen ist es jedoch auch für die Forscher noch ein Geheimis, weshalb die Alge vorkommt oder nicht.

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