mit MM WSL 30.11.16
Schicksalsgemeinschaft: Die Weichwanze (Macrotylus paykulli) lebt vom Pflanzensaft des Hauhechels (Ononis repens). Wird das Kraut durch Grasarten mit höherem Futterwert ersetzt, verschwindet die Wanze mit ihm. | © Lars Skipper

Intensivierung der Landwirtschaft führt überall zu denselben Arten

  • Cécile Villiger
  • -

Wo Menschen Grünlandflächen intensiver bewirtschaften, nimmt nicht nur die Artenvielfalt ab, sondern die Landschaft wird eintöniger und schliesslich bleiben überall die gleichen Arten übrig. Die Vereinheitlichung gefährdet natürliche Dienstleistungen wie die Bodenbildung für die Nahrungsproduktion oder die natürliche Schädlingsbekämpfung. Dies belegt eine neue Studie mit Mitwirkung der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL.

Das Forscherkonsortium unter Leitung der Technischen Universität München (TUM) hat erstmals die Konsequenzen intensiverer Landnutzung über die verschiedensten Artengruppen hinweg auf einer grossen räumlichen Skala untersucht. Die Daten werden seit 2008 im Rahmen eines deutschen Schwerpunktprojektes auf 150 Grünlandflächen erhoben. „Es sind die wohl umfassendsten ökologischen Freilandversuchsflächen in Europa“, sagt Wolfgang Weisser, Professor für Terrestrische Ökologie an der TUM.

Mehr als 4000 Arten untersucht

Die Versuchsflächen, die in zwei Biosphärenreservaten sowie einem Nationalpark in Deutschland liegen, unterscheiden sich in Klima, Geologie sowie Topografie. Alle werden aber von Landwirten in einer für Europa typischen Weise bewirtschaftet. Mehr als 4000 Arten haben die Wissenschaftler mit einem neuartigen statistischen Verfahren analysiert, mit dem sie die Auswirkungen von Grasschnitt, Düngung und Beweidung auf die Ähnlichkeit der Arten auf verschiedenen Flächen verfolgen können.

Erstmals berücksichtigten die Forschenden auch Bodenorganismen wie Bakterien, Pilze und Tausendfüssler – damit sind alle Artengruppen entlang der Nahrungskette vertreten. Bisher waren in vergleichbaren Studien nur einzelne Artengruppen wie Vögel innerhalb eines Lebensraumes und nur auf einer bestimmten Fläche untersucht worden. Mit ihrem einzigartigen Datensatz konnten die Forschenden zum ersten Mal statistisch belegen, dass durch die Intensivierung alle Wiesen eine nahezu gleiche Artenzusammensetzung aufweisen und nur noch Lebensraum für einige wenige Arten bieten.

Eintöniger schon bei moderater Nutzung

Dabei war es egal ob Grünlandflächen moderat oder intensiv bewirtschaftet wurden, also ob zum Beispiel Gras zwei oder viermal pro Jahr geschnitten wurde. „Schon bei einer moderaten Bewirtschaftung von Grünland reduzieren sich die Artengemeinschaften überregional auf die gleichen, wenig anspruchsvollen Generalisten“, sagt der Erstautor Martin Gossner, der mittlerweile an der WSL arbeitet. „Eine weitere Nutzungsintensivierung verstärkt die Artenangleichung kaum noch.“

Den Grund dafür illustriert das Beispiel des Kriechenden Hauhechels (Ononis repens), einer Wirtspflanze der Weichwanze (Macrotylus paykulli). Diese saugt den Saft aus der Pflanze und frisst gelegentlich auch Insekten, die an den Drüsenhaaren der Pflanze kleben bleiben. Wird der Hauhechel durch gewöhnliche Grasarten mit hohem Futterwert ersetzt, entzieht dies der Wanze die Lebensgrundlage und so sterben beide letztendlich aus. Dieses Beispiel zeigt, warum viele Tier- und Pflanzenarten bereits bei geringer Intensivierung der Wiesen- und Weidennutzung verschwinden.

Es bleiben nur noch jene Allrounder-Arten übrig, die keine allzu grossen Ansprüche an spezielle Futterpflanzen und Umweltbedingungen stellen. Damit wird die Landschaft eintönig, sehr unterschiedliche Blumenwiesen, die wiederum unterschiedlichsten Insekten Nahrung und Lebensraum boten, weichen homogenen Einheitswiesen. „Hauptgrund für diese sogenannte Biotische Homogenisierung ist die Intensivierung der Mahd“, sagt Professor Eric Allan von der Universität Bern, Letztautor der Studie.

Zum Schutz der Artenvielfalt wären extensiv bewirtschaftete Grünlandflächen unerlässlich, erklärt Gossner. Nur wenn möglichst viele Arten über grössere Flächen hinweg den für sie speziell notwendigen Lebensraum finden, funktioniert die natürliche Schädlingsbekämpfung oder die Bodenbildung. Und dies kommt direkt dem Wohl des Menschen zu Gute.

Beitrag kommentieren