Eine Studie untersuchte erstmals wo es in der Schweiz noch Wildnis gibt, welche Ängste mit Wildnis verbunden sind und was deren Potential ist. © Bruno Augsburger.
Eine Studie untersuchte erstmals wo es in der Schweiz noch Wildnis gibt, welche Ängste mit Wildnis verbunden sind und was deren Potential ist. © Bruno Augsburger.

In der Höhe ist’s noch wild                   

  • Redaktion Naturschutz
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Eine Studie belegt erstmals: Es gibt in der Schweiz vor allem im Hochgebirge noch Räume mit hoher Wildnisqualität. Interviews zeigen zudem: Lokale Bevölkerung und kantonale Fachpersonen sind nicht grundsätzlich gegen Wildnis, es bestehen aber Ängste und Vorbehalte.

Geschrieben von Sebastian Moos

Wildnis ist ein Naturraum ohne nennenswerte Infrastruktur und menschliche Einwirkung, in dem sich die Natur frei entwickeln kann. Wildnis kommt besonders in einer stark vom Menschen überprägten Welt grosse Bedeutung zu, sowohl für die Natur als auch als Erfahrungsraum für die Menschen. Der Druck auf Wildnis ist auch in der Schweiz gross: Insbesondere die Infrastruktur für Tourismus und Energiegewinnung gefährdet die letzten unberührten Gebiete. Zudem ist Wildnis in der Schweiz als Konzept im Naturschutz wenig verankert und geschützt. Trotzdem entwickeln sich aufgrund der Landnutzungsaufgabe gewisse Täler in Richtung Wildnis, insbesondere in den Voralpen und im Süden.

Enge Bindung der Bevölkerung zur Umwelt

Der Wissensstand zu Wildnis in der Schweiz ist dürftig. Die Alpenschutzorganisation Mountain Wilderness Schweiz und die Eidg. Forschungsanstalt WSL haben daher zusammen mit Unterstützung der Bristol-Stiftung die Studie «Das Potenzial von Wildnis in der Schweiz» erarbeitet. Die Ziele: Die Flächen in der Schweiz mit hoher Wildnisqualität verorten und Argumente für und wider Wildnis der lokalen Bevölkerung in einem potenziellen Wildnisgebiet sowie von Fachpersonen aus Kantonen mit hohem Wildnispotenzial sammeln. Die Resultate werden an einer Tagung am 30. Oktober vorgestellt.

Für den sozialwissenschaftlichen Ansatz wurde als Fallbeispiel das Maderanertal gewählt. Qualitative Interviews haben eine enge Bindung der lokalen Bevölkerung zur physischen Umwelt aufgezeigt. Diese Bindung wirkt sich auch auf die Betrachtung von Wildnis aus. Es konnten sieben Argumentationsmuster herausgearbeitet werden, die sich bezüglich Einstellung zu freier Naturentwicklung unterscheiden. Bei der Mehrzahl der Argumentationsmuster ist das Verständnis von Wildnis und freier Naturentwicklung so gelagert, dass nicht auf die Nutzung natürlicher Ressourcen verzichtet werden muss. Die meisten kantonalen Fachpersonen wiederum sind in hohem Masse der Ansicht, dass es in der Schweiz unberührte Gebiete braucht. Auf ihren eigenen Kanton bezogen ist diese Aussage jedoch weit weniger eindeutig.

Die sieben Argumentationsmuster, die anhand von Interviews mit Einwohnerinnen und Einwohnern des Maderanertals im Kanton Uri herausgearbeitet wurden. Die Argumentationsmuster Mensch-Natur sind eingeteilt nach Hauptthema des Umgangs mit der Natur, Naturverständnis, Hierarchie von Mensch und Natur und Klassifikation (Charakter der Mensch-Natur Beziehung).
Die sieben Argumentationsmuster, die anhand von Interviews mit Einwohnerinnen und Einwohnern des Maderanertals herausgearbeitet wurden.

Wildnis vor allem im Hochgebirge

Die Wildnisqualität der Schweiz wurde mit den vier Kriterien «Natürlichkeit», «Menschliche Einflüsse», «Abgeschiedenheit» und «Rauheit der Topographie» quantifiziert und im GIS modelliert. Um auch die zukünftige Wildnisentwicklung abschätzen zu können, wurde zusätzlich ein Extensivierungswert errechnet. Rund 17% der Schweizer Landesfläche haben hohe bis höchste Wildnisqualität bewahrt. Diese Flächen liegen vor allem in den Alpen, besonders im Hochgebirge. Flächen mit Wildnispotenzial aufgrund von Nutzungsextensivierung in den letzten Jahrzehnten konzentrieren sich ebenfalls auf die Alpen und Voralpen, insbesondere auf die südlichen Täler.

Die Flächen hoher und höchster Wildnisqualität liegen in der Schweiz vor allem im Hochgebirge und im Bereich der Gletscher. Diese Gebiete sind oft auch wertvolle Naturerfahrungsräume für Menschen, hier die Sicht auf den Unteren Grindelwaldgletscher © Bruno Augsburger.
Die Flächen hoher und höchster Wildnisqualität liegen in der Schweiz vor allem im Hochgebirge und im Bereich der Gletscher. Diese Gebiete sind oft auch wertvolle Naturerfahrungsräume für Menschen, hier die Sicht auf den Unteren Grindelwaldgletscher. © Bruno Augsburger.

Wildnis hat vor allem dort eine Chance, wo das landschaftsökologische Potenzial (Wildnisqualität und Extensivierung) mit dem gesellschaftlichen Potenzial (Akzeptanz, rechtliche und politische Grundlagen) überlappt. Eine breite Sensibilisierung für die Bedeutung von Wildnis und der Einbezug der lokalen Bevölkerung sind daher wichtig, um langfristig Wildnis in der Schweiz zu fördern. Es gilt insbesondere Räume hoher und höchster Wildnisqualität zu erhalten. Bestehende Instrumente der freien Naturentwicklung, zum Beispiel Waldreservate, sollten ausgebaut werden.

Einsatz für Wildnis in der Schweiz

Mountain Wilderness Schweiz setzt sich mit der Kampagne Wildnis Schweiz weiter für Erhalt und Förderung von Wildnis in der Schweiz ein. Eine Wildnis-Strategie für die Schweiz ist in Erarbeitung Diese zeigt auf, wie Wildnis künftig geschützt werden könnte. Die Wildnis-Studie wird Anfang 2019 in der Bristol-Schriftenreihe des Haupt Verlags erscheinen.

Die Studie «Das Potenzial von Wildnis in der Schweiz» wird an der Tagung «Wildnis finden und fördern» vom 30. Oktober 2018 im Schwerzisaal in Langnau a.A. (beim Sihlwald) vorgestellt. Zudem wird die Wildnis-Strategie Schweiz diskutiert. Anschliessend an die Tagung bietet eine Wildnis-Exkursion durch den Naturerlebnispark Zürich Sihlwald am 31. Oktober Einblicke in eines der vorbildlichsten Wildnisgebiete der Schweiz.

Verlängerte Anmeldung bis 15. Okt. 2018

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