© Frank Hagedorn, WSL
© Frank Hagedorn, WSL

Im Ural steigt die Waldgrenze – dank einer dickeren Schneedecke

  • Roman Vonwil
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Vier bis acht Meter pro Jahrzehnt ist die Waldgrenze im Ural in den vergangenen 50 Jahren nach oben gestiegen. Ursache sind, nicht wie bisher angenommen steigende Sommertemperaturen, sondern zunehmende Winterniederschläge. Dies zeigt eine Studie der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL in Zusammenarbeit mit russischen Kollegen.

Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL hat in Zusammenarbeit mit dem Institut für Pflanzen- und Tierökologie in Ekaterinburg die Waldgrenze im Ural erstmals umfassend untersucht. Sie analysierten 450 historische und aktuelle Landschaftsfotos sowie das Alter von 11‘100 Bäumen. Die Auswertung der Daten belegt erstmals für ein sehr weitläufiges Gebiet, dass sich die Waldgrenze im Lauf der letzten rund 50 Jahre um vier bis acht Meter pro Jahrzehnt in Richtung Gipfel verschoben hat. Die Ausbreitung ist zudem fortlaufend, denn zahlreiche Keimlinge bedecken den Boden oberhalb der aktuellen Waldgrenze.

© Stepan Shiyatov, Institut für Pflanzen- und Tierökologie, Ekaterinburg
© Stepan Shiyatov, Institut für Pflanzen- und Tierökologie, Ekaterinburg

Für die Tundra, die im Ural die Flächen oberhalb des Waldes bedeckt, wird der Platz hingegen knapp. In den meisten Bergen im Süd- und Nord-Ural wird sie wahrscheinlich sogar ganz verschwinden, denn schon heute reicht die Waldgrenze bis knapp unter die höchsten Gipfel. Wo noch vor einigen Jahrzehnten offene Tundra das Landschaftsbild prägte, haben sich heute junge Wälder etabliert.

Bisher ist die Wissenschaft davon ausgegangen, dass die Ausbreitung des Waldes in höhere Regionen die Folge steigender Sommertemperaturen ist. Eine Analyse der lokalen Klimaparameter zeigte jedoch, dass sich die Sommertemperatur im Ural im 20. Jahrhundert kaum verändert hat. Im Winter hingegen sind die Temperaturen und der Niederschlag beträchtlich angestiegen. Der Niederschlag hat sich mancherorts sogar verdoppelt, zum Beispiel am Polarkreis.

Die Forschenden gehen deswegen davon aus, dass die veränderten Winterbedingungen, insbesondere der vermehrte Schneefall, zur Verschiebung der Waldgrenze im Ural geführt haben. Die dicke Schneedecke schützt junge Bäume vor Frost, vor starken Stürmen und vor Schäden durch verblasene Schneekristalle. Zudem ist Schnee eine gute Isolationsschicht, unter der der Boden weniger stark auskühlt. Davon profitieren die Feinwurzeln und die Nährstoffnachlieferung im Boden, was wiederum die Bäume besser gedeihen lässt. Wie sich der Anstieg der Waldgrenze auf verschiedene Ökosystemfunktionen auswirkt, wie z.B. die Kohlenstoffspeicherung, die Biodiversität und die Nährstoffkreisläufe, untersuchen die Wissenschaftler der WSL derzeit gemeinsam mit russischen, deutschen und spanischen Partnern in einem EU-Projekt.

Für die Schweiz sind die Ergebnisse von Interesse, da sich auch hier die Waldgrenze nach oben verschiebt. Eine Untersuchung des Zusammenhangs mit dem Klimawandel ist hier jedoch kaum möglich, da neben dem Klimawandel auch die Wiederbewaldung von nicht mehr genutzten Weiden die Waldgrenze nach oben wandern lässt. Der abgelegene Ural eignet sich dagegen sehr gut, um klimabedingte Verschiebungen der natürlichen Waldgrenze zu erforschen, da er im Gegensatz zu den Alpen kaum von Menschen beeinflusst ist.

1 Kommentar

  • Beat Vonwil

    …die verschiedenen Auswirkungen des Klimawandels werden uns in Zukunft noch häufig überraschen. Abhängig von der Sichtweise wirkt sich auch mal etwas positiv aus. Dies darf uns aber nicht verlocken, das Problem „Klimawandel“ zu verharmlosen.

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