Pestizide werden auch in solchen Schweizer Ländern in giftigen Mengen verspritzt.
Holzlager im Wald werden oft mit hochgiftigen Insektiziden bespritzt. © 8moments, via pixabay

Im Schweizer Wald wird hochgiftiges Insektizid gespritzt

  • Stefanie Wermelinger
  • 18

Im Schweizer Wald wurden 2018 rund 700 Kilogramm hochtoxische Insektizide auf gefällte Stämme gespritzt. Müsste der Wald nicht als Holzlager herhalten, wäre der Gifteinsatz unnötig, wie das Beispiel Glarus zeigt.

Der Borkenkäfer liebt ungeschältes, geschlagenes Holz und kann es befallen. Dagegen spritzen besonders jetzt im Frühling viele Forstbetriebe die äusserst giftigen Insektenmittel der Cypermethrine, wie die Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (AefU) berichten. Die dabei verwendete Menge Gift kennt der Bund nicht.

Die AefU erstellten deshalb auf Basis einer Umfrage bei den 25 kantonalen Waldbeauftragten eine Hochrechnung. Etwa 700 Kilogramm hochtoxische Insektizide wurden 2018 im Schweizer Wald auf gefällte Baumstämme gespritzt. Im Wald landen somit rund zwölf Prozent der gesamten Cypermethrin-Menge, die in der Schweiz verkauft wurde.

Sogar verbotene Insektizide im Wald verspritzt

Die AefU Recherchen zeigen auch: Im Schweizer Wald wurden 2018 sogar bereits verbotene Insektengifte ausgebracht. Im Aargauer Wald landeten 2018 vier Spritzmittel auf den Baumstämmen, die seit Juli 2017 nicht mehr zulässig sind. Zwei davon enthalten das extrem toxische Chlorpyrifos. Auch Holzlager im Berner Wald kriegten 2018 ein Chlorpyrifos-Produkt sowie zwei weitere verbotene Insektizide ab. In den Kantonen Fribourg, Luzern und Zug kam je ein verbotenes Mittel zur Anwendung.

Zwar hält das Schweizer Waldgesetz fest: «Im Wald dürfen keine umweltgefährdenden Stoffe verwendet werden» (Art. 18 WaG). Ausnahmen sind möglich, doch diese scheinen eher die Regel zu sein. Denn 22 der 25 kantonalen Forstämter bewilligten 2018 den Einsatz hochgiftiger Insektizide, um im Wald gefällte Baumstämme zu «imprägnieren».

FSC-Label schützt den Wald nicht vor Insektiziden

Erstaunlicherweise erlaubt auch das Holzlabel FSC1 Schweiz den Einsatz der hochgiftigen Cypermethrin-Insektenmittel. In der Schweiz «würden die Waldbesitzer ohne die Ausnahmeregelung für Cypermethrin bei FSC aussteigen». Würde das Holz «entrindet oder permanent abgeführt, dann wäre der Einsatz von Cypermethrin nicht notwendig», erklärt Hubertus Schmidtke, Geschäftsführer des Vereins FSC Schweiz. Ab diesem Sommer will FSC Schweiz Cypermethrin möglicherweise nicht mehr akzeptieren. Das stünde dem Label gut an.

Glarner Wald ohne Gift

Was FSC Schweiz erst plant, gilt im Kanton Glarus seit mindestens fünf Jahren. Sie hätten damals beschlossen, im Wald keine Insektizide mehr einzusetzen, sagt Maurus Frei, Leiter der Glarner Fachstelle Wald. Dafür muss im Glarnerland das meiste Holz sofort aus dem Wald geschafft werden. Gelinge das, seien die Insektizide überflüssig. Das sei eine organisatorische Frage und habe auch 2018 trotz Sturm «Burglind» geklappt.

Bumerang für das Öko-Image von Schweizer Holz

Die meisten Kantone, wie auch das Bundesamt für Umwelt BAFU, rechtfertigen den Insektizideinsatz bei den geernteten Stämmen damit, dass die Schweizer Wald- und Holzwirtschaft konkurrenzfähig bleiben müsse. Diese Billigung von Insektengift bei der Holzernte könnte sich aber als Bumerang herausstellen für das ökologische Image des Schweizer Holzes, auf das sich die Branche beruft.

Die AefU fordern deshalb ein Verbot des Insektizid-Einsatzes im gesamten Schweizer Wald. Das Beispiel Glarus zeigt: Es geht auch ohne Gift.

Die Insektizide Cypermethrin und Chlorpyrifos

Cypermethrine gelten als für den Menschen sehr giftig, reizend und organschädigend. Einige stehen im Verdacht, wie Hormone zu wirken und Krebs auszulösen. Alle Cypermethrine sind zudem starke Fischgifte. Sie stellen eine grosse Gefahr für naheliegende Gewässer dar. Zeta-Cypermethrin ist ausserdem giftig für Bienen.

Chlorpyrifos gilt ebenfalls als sehr giftig sowie reizend und steht im Verdacht, hormonaktiv zu sein sowie die Entwicklung des Gehirns bei Kindern zu beeinträchtigen. Auch Chlorpyrifos ist ein starkes Fischgift und zudem toxisch für Vögel.

18 Kommentare

  • Michael Gautschi

    Als Vertreter der Holzindustrie möchte ich dazu Folgendes sagen: die Wald- und Holzwirtschaft ist sich der Risiken von Pflanzenschutzmitteln bewusst. Das Ausbringen von PSM ist deshalb grundsätzlich verboten, die Ausnahmen sind genau geregelt. Das ist gut so. Niemand spritzt Holzpolter zum Vergnügen und ohne Not, zumal die Anwendung auch mit hohen Kosten verbunden ist. Die beste Methode ist sicher, das Holz nach der Ernte oder nach dem Windwurf so schnell wie möglich aus dem Wald zu bringen und frisch zu verarbeiten. Die Problematik jedoch besteht darin, dass nach grossen Sturmereignissen das Holz nicht genug schnell abtransportiert werden kann, so dass das wertvolle Holz von Pilzen und Insekten nicht befallen wird. Für die betroffenen Waldbesitzer und Holzverarbeiter kann der Werterhalt eine existenzielle Frage sein. Alternative Holzbehandlungsmethoden haben sich leider nicht bewährt, so z.B. die mit Wirkstoff behandelten Netze. Fakt ist, dass die Menge der ausgebrachten PSM in den letzten Jahren stetig zurückgegangen ist, und zudem die für Bienen schädlichen Produkte aus dem Verkehr gezogen worden sind. Ganz auf Null bringen wir es leider im Moment noch nicht, gerade in Jahren mit viel Sturm- und Käferholz. Die im Wald ausgebrachte Menge PSM ist jedoch auf die Waldfläche bezogen äusserst gering. Beim verbauten Holz sind PSM ohnehin nicht mehr nachweisbar. Die Verwendung von Holz aus kontrollierter Schweizer Herkunft hat auf jeden Fall enorme ökologische Vorteile, die Plantagen- und Kahlschlagwirtschaft aus Osteuropa und in tropischen Ländern lässt grüssen.

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  • Lothar Streicher

    also auch nichts mehr mit gesunder Waldluft. Jeder Holzstapel ein Sondermüllberg. Frage mich wie das im Aargau gehandhabt wird.
    Das mit den Sondergenehmigungen für alles und jeden bedeutet nur eine Gesetzesaufweichung und Sonderrechte für den der ZAhlt.

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  • Anita Diehl

    In der Rundschau SRF diese Woche wurde auch darüber berichtet und es scheint ja vorallem Bauholz zu sein. Das Gift haben wir nachher in den Wohnräumen und die Rinden werden im Wald liegen gelassen. Ja Cecile, wir haben schon lange vergessen, dass wir ein Teil der unvergifteten Natur wären.

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  • Cécile Hochstrasser

    Ob das nur in Ausnahmefälle gemacht wird, können wir nicht kontrollieren und wissen die wahre Gründe auch nicht. Das Vertrauen in den Behörden wurde so oft missbraucht dass man nicht mehr glauben kann was wahr ist. Wenn man in den Medien liest und hört, hat man das Gefühl dass überall ganz normal geschummelt und gefälscht wird. Wir Menschen zerstören die Natur weil wir glauben dass mit Geld alles erreichbar ist. Wir haben sogar vergessen dass wir ein Teil dieser Natur sind und zerstören uns selbst.

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  • Anita Diehl

    Es ist einfach traurig was im Namen der Wirtschaftlichkeit alles erlaubt ist und unsere Umwelt nun auch noch im Wald zerstört. Sind diese Bäume irgendwie gekennzeichnet und werden sie auch für Schnitzel verwendet und was passiert wenn dieses giftige Holz verbrannt wird?

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  • Igor

    Wieder einmal ein Bericht, der die wesentlichen Details auslässt. Schade.

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    • Mano

      Was wären denn die wesentlichen Details, die ausgelassen wurden?

  • Sandra Waldvogel

    Ich finde es bedenklich, wie sorglos mit solch Chemikalien um sich gespritzt wird. Gerade wenn man schon weiss, dass Bienen, Insekten und andere Tiere darunter leiden. Im Gegensatz von Hr. Huesler, sehe ich immer weniger Tiere. Selten mal ein Eichhörnchen, Blindschleichen, Salamander etc. hab ich schon lange nicht mehr gesehen. Aber auch Insekten wie Bienen, Schmetterlinge werden immer seltener und dies obwohl wir in der Nähe Naturschutzgebiete haben. Früher hab ich auch mal Grünspechte gesehen, seit einem Jahr keinen mehr.
    Ich bin froh, dass wenigsten Glarus so intelligent ist und auf diese Pestizide verzichtet und hoffe das baldmöglichst andere Kantone – besser noch die ganze Schweiz – folgen!

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  • Andrea Wunderlin

    Dass es ohne Gift funktioniert, zeigt das Beispiel Glarus. Schlechtes mit noch schlechterem zu vergleichen (Gift im Garten), macht auch im Naturschutz keinen Sinn. Wir ALLE sind aufgefordert, auf Pestizide, Herbizide usw. zu verzichten. Alte Gewohnheiten ändern und neue Lösungen suchen ist nicht bequem, aber dringend nötig.

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  • Gansner

    In Graubünden also auch?

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    • Susanne Rösli

      Leider ja! Nach den Sturmschäden vom letzten Herbst wird bei uns auf
      1500 m.ü.M. das liegen gebliebene Holz jetzt im Frühjahr wenn der Schnee weg ist mit Insektizid besprüht :-(

  • Andreas Minder

    Danke für den fundierten Beitrag. Ich schätze es sehr wenn jemand aus der Praxis dazu Stellung nimmt erweitert es doch den möchtegern Naturschützer eventuel ihren Gedankenhorizond.

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  • W. Huesler

    Auf eine Pestizidanwendungen ist wenn immer möglich zu verzichten. Ich kenne kaum eine Branche wie die Forstwirtschaft, welche derart zurückhaltend mit der Anwendung von Umweltgiften umgeht. Pestizide werden nur in Ausnahmefällen angewendet und wenn, dann zur Werterhaltung von geschlagenem Rundholz. Gespritzt werden die Polter Sägerundholz, welche von den Weiterverarbeitern nicht sofort abgeführt werden können. Gespritzt werden darf weder in der Nähe von Gewässern noch in Grundwasserschutzzonen und die Anwender schauen penibel auf die Witterungsverhältnisse. 2018 war, aufgrund der Sturm- und Witterungsverhältnisse, ein Ausnahmejahr und darf nicht als Vergleichsjahr betrachtet werden. In einem Normaljahr sind die Mengen bedeutend kleiner, vielfach kann gänzlich darauf verzichtet werden. Man(n Frau) rechne: 700 l auf >1.27 Mio ha resp. >12’700’000’000m3, in einem Ausnahmejahr. Vergleiche wären angebracht. Alleine die Mengen welche im Hausgarten ausgebracht werden, sind um das x-fache grösser. Es grüssen die Gartencenter. Aus meinen Beobachtungen verdient die Forstwirtschaft ein Kränzchen. Gemäss Biodiversitätsbericht des Bundes ist es einzig der Lebensraum Wald, welcher über die letzten Jahre nicht verloren, sondern zugelegt hat. Ich beobachte wieder regelmässig den Schwarzspecht, den Baummarder, den Iltis, die Ringelnatter, etc. in unseren Wäldern. Sturm Lothar hat nich nur das Waldbild verändert, auch die Forstwirtschaft hat ihre Lehren daraus gezogen. So sind über die letzten Jahre zahlreiche Biotopen u. Kleinstrukturen gerade in den Wäldern des Mittellandes entstanden die nun sichtbar Wirkung zeigen.

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    • Martin Forter

      Es handelt sich um 700 Kilogramm Insektizid-Wirkstoff, die gemäss Umfrage und Hochrechnung im Schweizer Wald 2018 ausgebracht worden sind. Der Wirkstoffgehalt ist je Insekten-Mittel verschieden, oft aber 1:10 verdünnt (Konzentrat). Auch die Verdünnung des Konzentrats zur Spritzbrühe variiert je nach Insektenmittel. Meist wird das Konzentrat aber 1:1’000 verdünnt. Das ergibt Insektizid-Spitzbrühe in einer über den Daumen gepeilten Grössenordnung von 7’000’000 = 7 Mio. Litern, die 2018 im Schweizer Nutzwald ausgebracht worden sind (ausser in den Kantonen Glarus, Wallis und Tessin).

    • Andreas Diethelm

      Ihre Erläuterungen betreffen zum grössten Teil behördlich verfügte Einschränkungen, deren Einhaltung nichts als Bedingung für die ausnahmsweise Bewilligung der Anwendung von Insektenvertilgungsmittel im Wald ist, also keineswegs eine besondere Zurückhaltung der Forstwirtschaft belegt. Das Zeigen auf die Hausgärten und der Bericht von der Beobachtung von Schwarzspecht, Baummarder, Iltis und Ringelnatter, ändert nichts am Straftatbestand, dass die Waldwirtschaft Mittel einsetzt, die gemäss Eidg. Pflanzenschutzmittel-Verzeichnis, Stand: Dezember 2018, nicht zugelassen sind. Ja, ein schwerer Sturm bringt Licht in den Wald und schafft damit neue Lebensräume. Wollen Sie suggerieren, das sei ein Verdienst der Waldwirtschaft, sie habe Lothar gemanaged? Was hat die Waldwirtschaft denn für Lehren gezogen?

  • Ghemara Lintner

    Danke für die Orientierung! Ich werde mal beobachten und nachfragen wie das in meinem nächsten Lieblingswald so gehandhabt wird.

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