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OECD-Bericht: Höchste Zeit zu handeln!

  • Julia Hatzl
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Nach dem kürzlich veröffentlichten OECD-Bericht zu den Defiziten im Schweizer Naturschutz kommt der Aufruf an die Politik. Die Umweltorganisationen fordern zu sofortigem Handeln auf. 

Pro Natura fordert von Bundesrätin Leuthard eine konsequentere Politik zum Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen in der Schweiz. BirdLife Schweiz verlangt, dass die Schweiz nun endlich deutlich mehr tut für ihre Biodiversität. Programmdirektor des WWF Schweiz fordert die Politiker auf, jetzt wirkungsvolle Massnahmen einzuleiten und die notwendigen Gelder für ihre Umsetzung bereitzustellen.

Schlusslicht in Thema Schutzgebiete und Biodiversität

Die Schweiz hat einen der höchsten Anteile an gefährdeten Arten und Lebensräume aller 34 der Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit OECD. Das Land, das sich fälschlicherweise immer noch als Musterknabe im Naturschutz sieht, hat zudem europaweit einen der kleinsten Anteile an Schutzgebieten, nur 6,2 Prozent der Landesfläche stehen unter Naturschutz. In den letzten 103 Jahren hat es die Schweiz nicht geschafft, einen einzigen weiteren Nationalpark zu schaffen.

«Die OECD ist klar und deutlich: Die Fläche und die Qualität der Schweizer Schutzgebiete sind ungenügend. Zudem sind die Schutzgebiete zu wenig vernetzt. Das Schweizer Parlament will aber die Situation weiter verschlechtern und mit der Unterstützung der parlamentarischen Initiative Eder noch mehr Bauprojekte in Schutzgebieten zulassen. Das ist beschämend.», so Ion Karagounis, Programmdirektor WWF Schweiz.

Besonders deutlich wird die OECD, wenn es in der reichen Schweiz ums Geld geht: Die aktuellen finanziellen Mittel bleiben ungenügend, um den dringenden Schutz und die Wiederherstellung von wichtigen Lebensräumen angehen zu können. Die Roten Listen gefährdeter und bedrohter Arten sind länger als in den Nachbarländern – 36 Prozent der untersuchten Arten in der Schweiz sind gefährdet und deren Fördermassnahmen müssen dringend erhöht werden. Die Biodiversität ist unsere Lebensgrundlage und erbringt lebensnotwendige Ökosystemleistungen. Im Zuge des Klimawandels werden artenreiche Lebensgemeinschaften noch eine weit höhere Rolle bekommen.

Werner Müller, Geschäftsführer von BirdLife Schweiz, betont:

«Wenn die Schweiz zwar eine grosse biologische Vielfalt aufweist, diese aber stärker bedroht ist als in anderen Industrieländern, dann muss das Land deutlich mehr tun als bisher.»

Aus Sicht der OECD wird im Alpen- und Tourismusland Schweiz auch zu wenig im Bereich Tourismus und Biodiversität getan. Andere Länder, denen weit weniger finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, würden mehr in störungsfreie Gebiete und in funktionierende Wildtierkorridore investieren.

Gewässer und Feuchtgebiete unter Druck

Die meisten Fliessgewässer wurden im vergangenen Jahrhundert ihrer natürlichen Dynamik beraubt, verbaut und leiden unter Pestizid- und Nährstoffeintrag. Das hat Folgen: Acht Fischarten sind bereits ausgestorben. Von den übrigen sind 70 Prozent gefährdet oder bedroht. Ähnlich sieht es im Bereich Moor aus: Trotz verfassungsmässigem und gesetzlichem Schutz verringert sich die Fläche der Moore der Schweiz, und deren Zustand verschlechtert sich. Rund 90 Prozent der ursprünglichen Moorfläche ist bereits verloren und somit wunderschöne Landschaften und überlebenswichtige Ökosysteme für seltene Pflanzen wie dem Sonnentau.

«Bäche und Flüsse als Adern der Biodiversität brauchen wieder mehr Platz, um frei fliessen zu können. Das geltende Gewässerschutzgesetz schreibt dies vor. Es muss umgesetzt werden», fordert Friedrich Wulf von Pro Natura.

Der gleichen Meinung ist auch der WWF Schweiz «Die Schweizer Flüsse sind stark verbaut und übernutzt. Das geht einher mit schwerwiegenden Folgen für die heimische Biodiversität. In unseren Gewässern nimmt sie stetig ab. Der OECD-Bericht hebt bestehende Missstände richtigerweise hervor. Bemängelt werden zum Beispiel die ungenügende Umsetzung bezüglich der Restwassermengen»

Schweizer Landwirtschaft schadet der Umwelt

«Der OECD-Bericht bestätigt, dass die Schweizer Landwirtschaft grosse Umweltprobleme verursacht. Der überdurchschnittlich hohe Pestizideinsatz und die Stickstoffüberschüsse durch Futtermittelimporte sind nur die offensichtlichsten Mängel. Striktere Zulassungskriterien für Pestizide und eine ökologischere Ausrichtung der Direktzahlungen in der Landwirtschaft sind notwendige erste Schritte. Ich werfe gerne die Frage auf: Wann handeln Bundesrat und Parlament endlich?», Karagounis vom WWF Schweiz.

Aktionsplan bei Weitem ungenügend

Zwar beschloss die Schweiz einen Aktionsplan Biodiversität, aber dieser wird den Kriterien, die die OECD verlangt bei Weitem nicht gerecht. Nötig sind quantitative Ziele, klare Indikatoren, Verantwortlichkeiten und finanzielle Mittel. Diese Punkte werden auch klar im OECD-Bericht genannt. Der bundesrätliche Aktionsplan enthält praktisch nichts von all dem.

«Auch wenn im Aktionsplan des Bundesrates zu wenige und viel zu allgemeine Massnahmen genannt sind, müssen diese als erster Schritt nun sofort und mit genügend Mitteln umgesetzt werden», sagt Werner Müller. In einem zweiten Schritt muss sich die Schweiz einen neuen Aktionsplan geben, der den Gefährdungen der Schweizer Biodiversität gerecht wird und der die Rügen der OECD aufnimmt.

Bundes- und Kantonsbehörden sollen endlich den Schutz der natürlichen Grundlagen ernst nehmen und konsequent für deren Erhalt einstehen. Das bedeutet, dass die existierenden Umwelt- und Naturschutzgesetze konsequent vollzogen sowie die kürzlich vom Bundesrat präsentierten Aktionspläne für die Biodiversität und zur Reduzierung der Pestizidbelastung umgesetzt werden.

1 Kommentar

  • Dominik Scheibler

    Die Umweltorganisationen sollten sich aber auch selber bei der Nase nehmen betreffend Kommunikation. Das Fehlbild des Musterknaben Schweiz in Sachen Naturschutz kommt auch daher zustande, dass man in öffentlichen und internen Kampagnen kein Klartext spricht. Den Mitgliedern wird eher die heile Welt der „eigenen wunderbaren Schutzgebieten“ vor Augen geführt als dass man ein klares Argumentarium für die Forderung nach einem besseren Naturschutz vermittelt. Eine Veränderung der öffentlichen Meinung bedarf der Vermittlung einer gewissen emotinalen Betroffenheit. Dies bewirkt dann auch den Willen dafür zu kämpfen.

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