© AURA Emanuel Ammon / Pro Natura
© AURA Emanuel Ammon / Pro Natura

Grosses Verkehrsaufkommen bei Wildtieren, aber „Strassen“ fehlen

  • Mélanie Guillebeau
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Wildtierkorridore, die Wanderwege der Tiere, sind für Luchs, Wolf und Wild von grosser Bedeutung. Das Verbindungsnetz wird jedoch immer mehr durch den Bau von Strassen, Zuglinien und Häusern zerschnitten. Die Leidtragenden sind die Tiere, wie auch die jährlich 20’000 Wildunfälle auf unseren Strassen und Schienen zeigen.

Viele Tierarten legen im Laufe ihres Lebens weite Strecken zurück: Zugvögel trennen oft Tausende Kilometer zwischen ihrem Winterquartier und Brutplätzen, Lachse schwimmen kilometerweit flussaufwärts zur Eiablage und auch viele Wildtierarten nehmen lange Wanderungen auf sich, um an ihre Fortpflanzungsstätten zu gelangen. Abgesehen davon pendeln sie zwischen Schlaf- und Futterplatz sowie Sommer- und Winterlebensräumen oder erkunden unbekannte Regionen auf der Suche nach einem neuen Revier. Diese Wanderungen tragen massgebend zum genetischen Austausch und dem Fortbestand einer Art bei. Insbesondere kleine isolierte Populationen sind – wenn Ausweichmöglichkeiten fehlen – einem erhöhten Aussterberisiko ausgesetzt.

75 Prozent der Wildtierkorridore beeinträchtigt

Wildtiere bahnen sich ihren Weg durch die Natur entlang von Wildtierkorridoren. Dabei handelt es sich um angestammte, meist über mehrere Generationen verwendete und häufig frequentierte Wege zwischen Lebensrauminseln. Dazu zählen unter anderem „Waldbänder“ oder Wege mit Deckungsstrukturen, wie Hecken, die oft von Wildkatzen als Korridor verwendet werden.

Vernetzungssystem der Wildtiere: Die Schweiz besitzt ein dichtes Netz an regionalen und nationalen Wildtierkorridoren. | © swisstopo (BA120442)
Vernetzungssystem der Wildtiere: Die Schweiz besitzt ein dichtes Netz an regionalen (orange) und nationalen (grün) Wildtierkorridoren. | © swisstopo (BA120442)

Wenn Wildtierkorridore unüberwindbare Hindernisse enthalten, werden in der Folge Lebensräume fragmentiert und die Verbreitung der Tiere unterbunden. Nicht nur Bahngleise, Strassen oder Siedlungen haben diesen Effekt, sondern ebenso kanalisierte Gewässer mit steilen Ufern oder intensiv bewirtschaftete Agrarflächen. Wie Pro Natura berichtet ist diese Zerstückelung auch in der Schweiz ein Problem: Bei 75 Prozent der überregionalen Wildtierkorridore wird die Wanderung erschwert oder besteht kein Durchkommen.

„Alle 2.5 Minuten stirbt ein Reh auf Deutschlands Strassen“ – Deutscher Jagdverband (DJV) via Spiegel Online

Erfolgt die Trennung aufgrund von Strassen oder Zuglinien, besteht zusätzlich die Gefahr, dass Wildtiere von Fahrzeugen oder Zügen erfasst werden. Auf diese Weise ereignen sich in der Schweiz jährlich rund 20’000 Wildunfälle. Das ist tragisch für die Beteiligten und zieht zudem Kosten von schätzungsweise 40 bis 50 Millionen Schweizer Franken mit sich.

Strassen und Schienen stellen für Wildtiere lebensbedrohliche Hindernisse dar, die insbesondere im Herbst viele Opfer fordern. | © Jan Guerke / Pro Natura
Strassen und Schienen stellen für Wildtiere lebensbedrohliche Hindernisse dar, die insbesondere im Herbst viele Opfer fordern. | © Jan Guerke / Pro Natura

„Grünbrücken“ – Brücken für Wildtiere

Die zunehmende Zerstückelung der Lebensräume sollte folglich zwingend aufgehalten oder wenn möglich rückgängig gemacht werden. Dies ist zum Beispiel durch die Errichtung einer „Grünbrücke“ möglich, die Gebiete verbindet, welche bisher durch eine Strasse zerschnitten wurden. Einziges Manko ist, dass der Bau einer „Grünbrücke“ durchschnittlich fünf Millionen Schweizer Franken kostet. Die Frage ist aber, was uns die biologische Vielfalt wert ist und ob sich deshalb diese Investition nicht auszahlt? Ausserdem wird für den Bau der darunterliegenden Autobahn deutlich mehr Geld in die Hand genommen.

Grünbrücken gewährleisten die Vernetzung von Lebensräumen entlang einer Strasse. | © BUND Bundesverband [CC-BY-SA-2.0], via flickr.com
„Grünbrücken“ gewährleisten die Vernetzung von Lebensräumen, die durch eine Strasse getrennt sind. | © BUND Bundesverband [CC-BY-SA-2.0], via flickr.com

Und oft geht vergessen, dass nicht nur Wildtiere und andere grosse Säugetiere von solchen Massnahmen profitieren. Auch Igel, Frösche, Insekten und Pflanzen sind auf Bewegungsachsen für ihre Verbreitung angewiesen.

 Pro Natura fordert mit ihrer Kampagne „Freie Bahn für Wildtiere!“, dass beeinträchtigte oder unterbrochene Wildtierkorridore und Bewe­gungsachsen wieder durchgängig gemacht werden. Bei der Planung und beim Bau von Infrastrukturen müssen wir konsequent Rücksicht auf die Mobilitätsbedürfnisse der Wildtiere nehmen, um eine weitere Zerschneidung ihrer Lebensräume zu verhindern.

2 Kommentare

  • Ike Undine

    Auf die Natur nimmt kaum mehr jemand Rücksicht. Meine Freundin wohnt in Fahrweid, dort ist ein kleines Waldstück, wo sich viele Rehe und andere Wildtiere aufhalten. Jetzt will man dort eine Umgehungsstraße bauen. Es ist wirklich traurig, immer mehr Autos werdem im Kanton zugelassen und wohin damit ?? Die Natur wird sich rächen, soviel ist sicher und wenn man in Länder wie Afrika blickt, ist dies bereits geschehen. Nur trifft es da wieder mal die falschen Leute..

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  • Dominik Scheibler

    Dieses Thema ist von grosser Bedeutung. Es kann aber nur auf dem politischen Weg auf der Ebene Kanton oder Bund eine Verbesserung erreicht werden. Die Gemeinden haben weder das Geld noch denn Willen hier vor dem Kanton/Bund aktiv zu werden (persönliche Erfahrung aus dem Zürcher Oberland). Tragischerweise unterstütz zum Teil nicht mal die Jägerschaft dieses Anliegen. Gibt es zuviele Wildunfälle, wird einfach mehr abgeballert am Wildtierkorridor…

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