Invasive Arten Senckenberg

Grösseres Invasionsrisiko in belasteten Gewässern

  • Corinna von Kürthy

Die ursprünglich nur in Ostchina beheimatete Wollhandkrabbe fühlt sich inzwischen auch in Europa wohl. Die Wohlhandkrabbe und die meisten anderen aquatischen Zuwanderer gelangen im Ballastwasser großer Schiffe als „blinde Passagiere“ in fremde Gewässer.

„Es ist anzunehmen, dass die vielen invasiven Arten in den kommenden Jahren in den Flüssen und Bächen Europas noch zunehmen werden“, meint Dr. Stefan Stoll vom Senckenberg Forschungsinstitut in Gelnhausen, Deutschland. Der Wissen- schaftler und sein Team haben fast 1000 Probenorte in Flüssen und Bächen auf das Risiko einer Invasion durch fremde Arten untersucht. „Wir haben herausgefunden, dass insbesondere belastete Gewässer ein erhöhtes Invasionsrisiko haben“, ergänzt Stoll. „Die von uns untersuchten invasiven Arten – Schnecken, Muscheln, Flohkrebse und Asseln – verhalten sich alle sehr ähnlich.“ Besonders an Orten mit erhöhter Salzbelastung, geringerer Sauerstoffsättigung und erhöhter Temperatur scheinen sich die vier verschiedenen Tiergruppen wohlzufühlen.

Aber warum scheint es den invasiven Arten in verschmutztem Wasser zu gefallen, während die Verschmutzungen bei der heimischen Fauna recht unbeliebt ist? „Weil sie es können“, sagt Dr. Stefan Stoll. „Durch die Art ihrer Verschleppung sind die Tiere ein extremes Milieu gewöhnt.“ In die riesigen Balastwassertanks der Schiffe, durch die viele aquatische Tiere „verschleppt“ werden, wird abwechselnd Süss- und Salzwasser gefüllt, die Temperatur schwankt häufig und der Sauerstoff kann oft knapp werden. Diese Bedingungen überleben nur besonders stresstolerante Arten unter den blinden Passagieren. Daher kommen viele invasive Arten auch besser mit den Bedingungen in teilweise verschmutzten Gewässern klar, als die heimischen Arten.

„Die Zunahme des Schiffsfrachtverkehrs wird längerfristig auch zu vermehrten Invasionen führen“, erläutert Stoll. Im viel befahrenen Rhein leben heute bereits allein über 45 Arten wirbelloser Einwanderer. Heimische Arten haben ein doppeltes Nachsehen: Einerseits durch die Belastung der Gewässer und anderseits dadurch, dass Invasive Arten die heimischen, seltenen Arten verdrängen.

Die Ausbreitung invasiver Arten hat aber nicht nur massive Auswirkungen auf die Artenvielfalt, sondern kann zusätzlich auch noch enorm hohe Kosten verursachen. Angefangen bei den von Wollhandkrabben durchlöcherten Deichen über Zebramuscheln, die Filter verstopfen bis zu Grundeln, die als Laichräuber zum Rückgang einheimischer Fischarten und Einbußen in der Fischerei beitragen.

„Die Erkenntnis, dass die Gewässerbelastung in Europa das Invasionsrisiko erhöht, zeigt uns aber auch im Umkehrschluss, dass eine Reduzierung der Gewässerbelastung und eine Renaturierung von Gewässern Vorsorgemaßnahmen sind, die das Invasionsrisiko senken“, fasst Stoll zusammen.

Bild: ©Ulrich Heitkamp

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