AKW Gösgen Kernkraftwerk

Genug Widerstand – sicher?

  • Nora Kieselbach
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Wie das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI mitteilt, sind alle fünf Schweizer Kernkraftwerke genügend gegen ein extremes Erdbeben gesichert und können somit in Betrieb bleiben. Die Frage der Sicherheit stellte sich insbesondere beim KKW Mühleberg, welches nur 1,5 Kilometer unterhalb des Wohlensee-Staudamms liegt.

Beim umstrittenen KKW Mühleberg konnte der Nachweis erbracht werden, dass die Stauanlagen am Wohlensee einem extremen Erdbeben, wie es in 10‘000 Jahren höchstens einmal vorkommt, standhalten würde. ENSI-Direktor Hans Wanner: „Die Schweizer Kernkraftwerke sind auf einem hohen Sicherheitsstand – auch im internationalen Vergleich.“ Dies ist auch das Resultat der Politik der laufenden Nachrüstungen. „Beispielsweise hätten die älteren KKW den Nachweis ohne die gebunkerten Notstandssysteme, die in den 80er- und 90er-Jahren nachgerüstet wurden, nicht geschafft“, hält Hans Wanner fest.

Einzig das Kernkraftwerk Gösgen (KKG) hatte dem ENSI Ende März 2012 einen qualitativ teilweise mangelhaften Erdbebennachweis eingereicht. Das ENSI musste deshalb mehrmals Nachforderungen stellen und zusätzlich eigene Berechnungen durchführen. Leider kein Einzelfall, denn bereits im Rahmen der Periodischen Sicherheitsüberprüfung 2008 (PSÜ 2008) und dem Nachweis der Beherrschung des 10‘000-jährlichen Hochwassers 2011 wurden vom KKG Analysen eingereicht, welche unvollständig dokumentiert und/oder von ungenügender technischer Qualität waren.

Das Kernkraftwerk Gösgen muss deshalb bis zum 30. September 2012 vervollständigende Analysen zu den Themen Kernkühlung und Erdbebenfestigkeit der Brennelementlagerbecken einreichen. Dabei geht es insbesondere um den Nachweis zu einem erdbebenbedingten Hochwasser, indem die Auswirkungen des Versagens der flussaufwärts im relevanten Umreis des KKG gelegenen Stauanlagen betrachtet werden müssen.

Aber auch die anderen Schweizer Kernkraftwerke habe Hausaufgaben erhalten: so müssen beispielsweise die Kernkraftwerke Leibstadt und Mühleberg den Nachweis nachliefern, dass das Brennelementabheben und seitliche Versetzen beim 10‘000-jährlichen Erdbeben ausgeschlossen werden kann. Das Kernkraftwerk Mühleberg wurde ausserdem dazu angehalten, die Berechnungen der Erdbebensicherheit für Stauanlagen im Einflussbereich des Kraftwerks zu vervollständigen. Und das Kernkraftwerk Beznau soll bis zum 30. September 2012 überprüfen, ob kurzfristig realisierbare Massnahmen zur Verhinderung einer unzulässigen Füllstandsabsenkung durch Saughebewirkung in einer bestimmten Betriebssituation beim Brennelementlagerbecken ergriffen werden können.

Die aktuellen Erdbebennachweise haben ausserdem nur eine vorübergehende Gültigkeit. Sie basieren auf einer Zwischenberechnung des Projektes Pegasos vom Mai 2011. Nach Abschluss des Projekts wird die Erdbebengefährdung für jeden Standort neu festgelegt. Ausserdem müssen nach bedeutenden Ereignissen, die auf der internationalen Störfall-Bewertungsskala die Stufe 2 oder höher erreichen, die Ausserbetriebnahmekriterien neu überprüft werden – so geschehen am 18. März 2011, eine Woche nach dem verheerenden Erdbeben in Japan, als das ENSI eine allgemeine Überprüfung anordnete.

Die Schweizerische Energie-Stifung SES spricht in einer aktuellen Medienmitteilung hingegen von einem „sicher rechnen“ der Schweizer AKWs: Was laut Erdbebenstudie Pegasos noch als unsicher galt, wird heute wieder als sicher bezeichnet. SES hegt deshalb Zweifel am heutigen Erdbeben-Blanko-Check und fordert das ENSI auf, die AKW an die Erdbebensicherheit laut Pegasos anzupassen – und nicht umgekehrt Pegasos auf die Bedürfnisse der AKW-Betreiber hinzurechnen.

Weitere Informationen

Eidgenössisches Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI

Bild: Ch-info.ch (Wikimedia Commons)

 

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