© Lycaon  [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons
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Fremdlinge im Bodensee weiterhin auf Vormarsch

  • Judith Schärer
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Der Bodensee steckt mitten in einer grundlegenden ökologischen Umwälzung, beinahe jedes Jahr werden neu eingewanderte Arten entdeckt. Die so genannten Neozoen haben teilweise einen erheblichen Einfluss auf die heimischen Bewohner des Sees. Die langfristigen ökologischen Konsequenzen sind nicht vorhersagbar.

Seit Längerem wird die Entwicklung der Artenzusammensetzung im Bodensee mit Sorge beobachtet (siehe auch Artikel aus dem Jahre 2008). In den letzten Jahren hat dort die Ausbreitung aquatischer Neozoen (wasserlebende, nicht heimische Tierarten) drastisch zugenommen. Die Verbreitung der fremden Arten geschieht über die Schifffahrt, über Wassersportgeräte, Taucheranzüge oder Freilassungen durch Aquarien-Besitzer.

Krebse als Vorreiter

Letztes Jahr wurde zum ersten Mal ein Grosskrebsmonitoring durchgeführt. Wie erwartet wurde der bereits schon länger beobachtete Kamberkrebs (Orconectes limosus), welcher als invasive fremde Art gilt, in allen Seeteilen nachgewiesen. Dieser stellt nun neben dem seit längerem beobachteten Signalkrebs (Pacifastacus leniusculus) ein Problem für die einheimischen Arten dar. Beide Arten sind Überträger der Krebspest und bedrohen damit die heimischen Arten, welche gegen die Krankheit nicht immun sind. Zudem sind einzelne Funde der aus Asien stammenden Wollhandkrabbe (Eriocheir sinensis) bekannt. Im Herbst 2012 bemerkte ein Bürger ein Tier viele Kilometer vom nächsten Gewässer entfernt in einem Gebüsch und vermutete eine riesige Spinne. Ein Spezialist der Kantonspolizei Zürich erkannte die Wollhandkrabbe dann und versorgte sie. Dies war jedoch nicht der erste Fund, schon in den Jahren davor traten immer wieder Wollhandkrabben am Bodensee auf.

Neben eingewanderten Krabben gibt es auch viele andere Arten, welche nicht ursprünglich im Bodensee beheimatet sind und doch in erheblicher Zahl dort vorkommen. Beispielsweise der dreistachlige Stichling (Gasterosteus aculeatus) hat sich die in den letzten Jahren sehr stark vermehrt und ist heute die häufigste Fischart des Bodensees. Dazu kommen Bewohner wie die Schwebegarnele (Limnomysis benedei), die Körbchenmuschel (Corbicula) oder die Süsswasserqualle (Craspedacusta sowerbii).

Verbreitung kaum zu stoppen

Problematisch werden die Neozoen unter anderem, wenn sie einheimischen Tiere verdrängen, was oft der Fall ist. Heute tummeln sich beispielsweise unzählige Stichlinge im Bodensee und fressen regelmässig den Laich der anderen Fische im Uferbereich weg. Auch durch die Übertragung von Krankheiten auf andere Tiere oder Menschen können fremdländische Fische oder Krebstiere katastrophale Schäden verursachen. Zudem sind Fischer betroffen, wenn die Netze durch Krebse beschädigt oder die Fische durch Neozoen gefressen werden. Seit einigen Jahren werden deshalb verschiedene Massnahmen durchgeführt, um der Problematik der Neozoen entgegenzuwirken. Grundlage dafür bildet ein breites Monitoring, welches über die Arten-Zusammensetzung im See informieren und Aussagen über die ökologischen und ökonomischen Auswirkungen ermöglichen soll. In Zusammenarbeit mit Berufs- und Interessensgruppen wird daran gearbeitet, die weitere Einschleppung von Neozoen sowie die Ausbreitung der bereits vorhandenen gebietsfremden Arten zu verhindern oder zumindest einzuschränken. Eine mögliche Massnahme ist die Renaturierung von gewissen Gebieten, um die einheimischen Arten zu fördern. Ein weiteres wichtiges Element bildet die Information der Öffentlichkeit.

Zum Jahresbeginn ist zwar eine EU-Verordnung zu dem Thema in Kraft getreten. Diese führt jedoch nicht weit genug, um das Problem definitiv zu lösen. Die Verordnung bezieht sich lediglich auf Arten, welche eine potenzielle Gefahr darstellen können, das Problem der bereits eingewanderten Tiere bleibt jedoch ungelöst. Wie sich die Situation im Bodensee weiterhin entwickeln wird, ist unklar. Sicher ist nur, dass die Veränderungen nicht vorhersehbar sind und kaum beeinflusst werden können.

2 Kommentare

  • Judith Schärer

    Danke für den Input!
    Die Aussage, dass der Dreistachlige Stichling ein Einwanderer ist, stützt sich auf einen Bericht des Staatlichen Instituts für Seenforschung und Seenbewirtschaftung (http://www.bodenseebibliotheken.de/viewer.html?page=vgeb-j1972-t-A249&jftfdi=&jffi=viewer). In diesem wird Bezug genommen auf eine genaue Beschreibung der Arten im Bodensee im Jahre 1557, wo der Dreistachlige Stichling noch nicht genannt wurde. Als Neozoen werden Tiere definiert, welche erst seit der Entdeckung Amerikas (1492) bei uns vorkommen. Dementsprechend würde diese Definition wohl auch auf den Stichling zutreffen.
    Allerdings darf man den Begriff natürlich nicht gleichsetzen mit den invasiven Arten. „Neozoen“ bedeutet lediglich „neue Tiere“ und sagt somit nur aus, seit wann sie bei uns vorkommen. Ob der Stichling nun als invasive Art gilt, ist nicht klar und dies kann im Artikel tatsächlich falsch verstanden werden. Vielen Dank für den Hinweis!

    Auf der internationalen roten Liste wird der Dreistachlige Stichling übrigens mit „Least Concern“ gekennzeichnet, gilt also als nicht bedroht. (http://www.iucnredlist.org/details/8951/0)
    Auch auf der Roten Liste des BAFU’s gilt der Stichling als „nicht bedroht“ (http://www.artenschutz.ch/RLDetails/RL5_Fische.pdf).

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  • Grichting

    Meiner Meinung nach handelt es sich beim Dreistachligen Stichling (Gasterosteus aculeatus) um eine in der Schweiz heimische Fischart, die sogar in der Roten Liste als potenziell gefährdet eingestuft wird. Es mag sein, dass die Art ursprünglich nicht im Bodensee vorkam. Die Nennung unter all den Neozoen scheint mir für die Leser aber sehr verwirrend.

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