@ U.S. Department of Agriculture [CC-BY-SA-2.0], via flickr.com
@ U.S. Department of Agriculture [CC-BY-SA-2.0], via flickr.com

Food Waste vermeiden – direkt in den Gemeinden

  • Redaktion Naturschutz
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Offensichtlich können es sich die Menschen in der Schweiz finanziell leisten, Lebensmittel zu verschwenden. Das schadet der Umwelt und dem Menschen. Ein attraktiv gestalteter Leitfaden nennt Fakten und konkrete Aktionen, um Food Waste zu vermeiden, die jede Gemeinde umsetzen kann. Mannedorf tut es bereits.

Artikel aus der «Zürcher Umweltpraxis» (ZUP, Ausgabe Nr. 88). Geschrieben von Isabel Flynn, Redaktorin ZUP, Koordinationsstelle für Umweltschutz Generalsekretariat, Baudirektion Kanton Zürich; Rosmarie Schaub, Mitautorin Leitfaden «No Waste, Let’s Taste» Greenabout, Zürich, www.greenabout.ch; Simon Schwarzenbach, Siedlungsabfalle und Gemeindeberatung Abfallwirtschaft und Betriebe, Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft, AWEL, Baudirektion, Kanton Zürich, www.foodwaste.ch.

Ein Drittel der produzierten Nahrungsmittel erreicht nie einen Teller. Doch auch für die Produktion dieser Nahrungsmittel werden Ressourcen wie Wasser, Nährstoffe und Energie benötigt, und es entstehen Treibhausgase wie beispielsweise C02. Allein mit den Lebensmitteln, die über die ganze Versorgungskette (bis und mit Teller) verloren gehen und verschwendet werden, verursacht jede Person in der Schweiz etwa eine halbe Tonne C02 pro Jahr. Das Tröstliche dabei ist, dass die Schweizerinnen und Schweizer bereits mit kleinen Massnahmen zur Vermeidung von Food Waste viel bewirken können, um dem Klimawandel und der Ressourcenverschwendung entgegenzuwirken.

Lebensmittel sollen genossen, nicht verschwendet werden. Gemeinden sowie jeder und jede Einzelne haben viele Möglichkeiten zu handeln, zum Beispiel mit einer Tavola Grande. @ R. Schaub
Lebensmittel sollen genossen, nicht verschwendet werden. Gemeinden sowie jeder und jede Einzelne haben viele Möglichkeiten zu handeln, zum Beispiel mit einer Tavola Grande. @ R. Schaub

Was Food Waste bedeutet

Food Waste sind Lebensmittel, die für den menschlichen Konsum produziert wurden und auf dem Weg vom Feld bis zum Teller verloren gehen oder weggeworfen werden. Zu Food Waste zählen beispielsweise aussortierte, unförmige Früchte, die zu gross, zu klein oder zu krumm sind. Zu Food Waste werden Essensreste, zu viel eingekaufte und im Kühlschrank vergessene und abgelaufene Lebensmittel, der letzte Schluck in der Flasche, Reste vom Buffetbetrieb oder von zu grossen Portionen und zu umfangreichem Angebot sowie aus Überproduktion oder schlecht optimierten Produktionsablaufen ausgeschiedene Lebensmittel.

Nicht essbare Teile von Lebensmitteln (z. B. Rüstabfalle, Knochen) sowie Nahrungsmittel, die für Biotreibstoff oder Tierfutter produziert werden, sind kein Food Waste.

Wie viel Food Waste in der Schweiz entsteht

Jede einzelne Person verschwendet alIein im Haushalt zwischen 90 bis 135 Kilogramm Lebensmittel pro Jahr (Rüstabfälle nicht eingeschlossen), über die gesamte Wertschöpfungskette sind es gar 300 Kilogramm pro Person und Jahr. Hochgerechnet auf die Schweizer Bevölkerung sind dies jährlich unglaubliche 2 500 000 000 Kilogramm (2,5 Mio. Tonnen) Food Waste in der Schweiz.

Wo Food Waste entsteht

Food Waste wird im Gross— und Detailhandel, der Gastronomie, der Landwirtschaft und zu einem grossen Anteil in der Verarbeitung von Lebensmitteln (30%) sowie den Haushalten (45%) verursacht, insgesamt die erwähnten 300 Kilogramm jährlich pro Person.

lm Durchschnitt gehen 34 Prozent aller Produkte über die ganze Wertschöpfungskette verloren, insbesondere Frischgemüse (64%), gefolgt von Brot, Kartoffeln, aber auch Fleisch und Fisch. Sie landen nicht nur im Kompost, den Grüngutsammlungen oder in Toiletten (illegale Entsorgung), sondern auch im Kehrichtsack: Essbare Lebensmittel machen dort 15 Prozent des Gewichts aus, dazu kommen noch 17 Gewichtsprozent nicht essbare biogene Abfalle wie zum Beispiel Rüstabfalle.

Aus ökologischer Sicht wäre es am sinnvollsten, Lebensmittelabfall zu verfüttern, zumindest aber zur Biogasgewinnung zu vergären.

Welche Folgen Food Waste hat

Jeder Schweizer Haushalt gibt jährlich etwa 1000 Franken aus für Lebensmittel, die nicht gegessen werden, und verschwendet so Geld. Ausserdem erhöht die steigende Nachfrage die Preise von Grundnahrungsmitteln auf dem Weltmarkt. Um die Lebensmittel zu produzieren, die in der Schweiz im Abfall oder auf dem Kompost landen, braucht es eine Fläche von der Grosse des Kantons Zürich. Dabei wird pro Person täglich so viel Wasser aus Flüssen und Seen verschwendet, wie in einer Badewannenfüllung Platz haben, also 100 bis 150 Liter (siehe Beitrag «Weniger Wasser essen» Seite 25). Food Waste tragt ausserdem zum Klimawandel bei. Die Lebensmittelverschwendung in der Schweiz verursacht die gleiche Menge an CO2—Emissionen wie ein Viertel aller Autos hierzulande.

Food Waste ist also die unnötige Verschwendung von Geld und Rohstoffen. Aus einem Quadratmeter Ackerland können etwa fünf Kilo Kartoffeln geerntet werden. Wird darauf Hühnerfutter angebaut, reicht der Ertrag, um fünf bis sechs Eier herzustellen. Bei Rinderfutter reicht das Land nur noch aus, um 100 Gramm Rindfleisch zu produzieren. Das Wegwerfen von Fleisch ist also besonders gravierend.

INTERVIEW
«Wohlstand ja, Verschwendung nein»

 

Liselotte Hanimann, Sachbearbeiterin Umwelt, Landschaft und Entsorgung, Gemeinde Männedorf Telefon 044 921 66 14 liselotte.hanimann@maennedorf.ch
Liselotte Hanimann,
Sachbearbeiterin Umwelt, Landschaft und Entsorgung, Gemeinde Männedorf Telefon 044 921 66 14 liselotte.hanimann@maennedorf.ch

Warum wollen Sie in der Gemeinde aktiv Werden?

Es kann und darf nicht sein, dass bei uns in diesem Ausmass Lebensmittel zugrunde gehen, während Millionen Menschen hungern. Wohlstand ja, Verschwendung nein. Der Gemeinderat ist überzeugt, mit den gewählten Massnahmen zur Sensibilisierung der Bevölkerung beizutragen.

Welche Aktionen haben Sie vor?

Begonnen haben wir mit einem Bericht in unserer Dorfzeitung «Fischotter» mit einem Aufruf zur Einsendung von Resten—Rezepten. Übers Jahr hinweg haben wir dann die Broschüre «No Waste, Let’s Taste» aufgelegt und auf der Homepage aufgeschaltet. Folgen wird noch eine Standaktion am Männedörfler Herbstmarkt mit einem warmen Gericht und Smoothie’s aus Überschussgemüse und -früchten der Marktfahrer. lm November wird die in Männedorf stattfindende Generalversammlung des kantonalen Verbands BirdLife Zürich reichhaltig bekocht aus Überschüssen der ansässigen Grossverteiler. lm Januar 2018 folgt ein Vortrag beim «Frauezmorge» mit Brot vom Vortag. Zudem: Mal sehen, was aus der Resten-Rezepte-Sammlung wird …

Was erhoffen Sie sich vom Engagement der Gemeinde?

Ein Innehalten und Überdenken des eigenen Umgangs mit Lebensmitteln, und: mit der Freude am Essen dessen Wertschatzung nicht vergessen!


Gemeinden können aktiv werden

Um die Verschwendung von Lebensmitteln zu vermindern, braucht es Multiplikatoren, welche die acht Millionen Einwohner und Einwohnerinnen in der Schweiz erreichen, sensibilisieren und aktivieren können. Gemeinden können bei dieser Sensibilisierungsarbeit eine Schlüsselrolle wahrnehmen.

Der Leitfaden «No Waste, Let’s Taste» liefert dafür Fakten und Aktionsvor— schlage. Immer mit der Grundhaltung, dass jeder und jede «aus Liebe zum Essen» viel kreativer handelt als «aus Angst vor Umweltkatastrophen».

PDF-Download des Leitfadens: www.greenabout.ch/downloads, Printversion unter: abfall@bd.zh.ch. @ Greenabout
PDF-Download des Leitfadens: www.greenabout.ch/downloads, Printversion unter: abfall@bd.zh.ch.
@ Greenabout

Konkrete ldeen und Tipps

In der Broschüre werden konkrete Handlungsoptionen vorgestellt sowie viele praktische Tipps zur Umsetzung gegeben:

  1. Den alljährlichen Neujahrsapéro füreinmal mit einem Buffet aus überschüssigen Festtagsspeisen anrichten und bei diesem Anlass gleichzeitig zu Food Waste informieren.
  2. In der Gemeinschaftsverpflegung (Hort, Schule, Heime) den «Wochenrückblick» wieder einführen. Bereits in der Menüplanung allfällige Verwertungsmöglichkeiten von Resten einplanen. Kleine Portionen ausgeben, ggf. Nachschlag anbieten, um Tellerreste zu vermeiden.
  3. Die in der Gemeinde anfallenden Überschüsse Menschen zur Verfügung stellen, die mit wenig Geld leben (vergleichbar: RestEssBar, Foodsharing, aessbar.ch, «Tischlein deck dich» sowie «Schweizer Tafel»)
  4. Nach der eigentlichen Ernte durch Schulklassen, Familien oder Einzelpersonen die auf dem Feld liegen gebliebenen Kartoffeln auflesen, die letzten Erdbeeren pflücken oder Obst zusammenlesen
  5. Eine Rezeptesammlung zur Verwertung von Resten Iancieren
  6. Kochkurse durchführen oder ldeen sammeln zum «Verwerten und Konservieren»
Lebensmittel konservieren kann der Verschwendung entgegenwirken. @ Greenabout
Lebensmittel konservieren kann der Verschwendung entgegenwirken. @ Greenabout

Zürcher Umweltpraxis
Baudirektion Kanton Zürich
Koordinationsstelle für Umweltschutz
Walcheplatz 2, 8090 Zürich
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