© Deborah Schäfer | Ansiedlung der Borstigen Glockenblume in der Chloschteralp (BE).
© Deborah Schäfer | Ansiedlung der Borstigen Glockenblume in der Chloschteralp (BE).

Ex situ-Erhaltung und Wiederansiedlung von gefährdeten Pflanzenarten – ein Pilotprojekt

  • Redaktion Naturschutz
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Die ex situ-Erhaltung seltener und gefährdeter Pflanzenarten in Botanischen Gärten und deren Wiederansiedlung in geeignete natürliche Habitate könnte in Zukunft – unter anderem im Zusammenhang mit dem Klimawandel – eine immer wichtigere Rolle für die Erhaltung der Biodiversität spielen. Im Rahmen eines Pilotprojekts werden die Erfolgsfaktoren für Wiederansiedlungen wissenschaftlich untersucht.

Artikel von Anne Kempel et al. aus „HOTSPOT 31/15„. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Forums Biodiversität Schweiz.

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Viele Pflanzenarten kommen nur noch in kleinen, oft isolierten Populationen vor. Damit beginnt ein Teufelskreis: Kleine Populationen sind anfälliger gegenüber genetischer Drift und Inzucht; dies führt zum Verlust genetischer Variation; dies wiederum zu einer geringeren Fitness und Anpassungsfähigkeit. Ohnehin schon kleine Populationen werden somit kleiner und kleiner – das Aussterberisiko steigt. Verändert sich zudem noch das Klima, könnte sich die Situation für viele Arten weiter verschlechtern.

Wiederansiedlungen werden wichtiger

Die Schweiz hat sich mit vielen anderen Staaten dazu verpflichtet, ihre Biodiversität zu erhalten. Neben dem Schutz der natürlichen Lebensräume haben sich die Länder auch zum Ziel gesetzt, möglichst viele gefährdete Arten in ex situ-Erhaltungsprogramme aufzunehmen und Wiederansiedlungen durchzuführen. Gerade in Zeiten des raschen Klimawandels könnte diese Massnahme besonders wichtig werden, da viele Lebensräume zu wenig vernetzt sind, um den Arten das «wandern» zu ermöglichen. Bei der ex situ-Erhaltung und bei Ansiedlungen ist es wichtig, die genetische Variation von Arten und populationsbiologische Prozesse zu berücksichtigen.

© Hugo Vincent | Anzucht von gefährdeten Pflanzen im Gewächshaus.
© Hugo Vincent | Anzucht von gefährdeten Pflanzen im Gewächshaus.

In einem vom BAFU finanzierten Pilotprojekt nahmen wir gemeinsam mit verschiedenen Botanischen Gärten unterschiedlich gefährdete Pflanzenarten in der Schweiz unter die Lupe und begleiteten sie von der ex situ-Kultur bis zur Ansiedlung. Eines der Ziele war es, den Einfluss der Klimaveränderung auf seltene und häufige Arten zu untersuchen. Zudem wollten wir wissen, welche Rolle die genetische Variation für den Etablierungserfolg von gefährdeten Arten spielt. Hierzu pflanzten wir 34 Pflanzenarten unterschiedlichen Seltenheitsgrads auf verschiedenen Höhenstufen an, nämlich im Tiefland in den Botanischen Gärten Basel (265 m ü.M.) und Genf (375 m) so- wie in den Alpengärten La Thomasia (1260 m, Kt. VD), Flore-Alpe (1460 m, Kt. VS) und Schynige Platte (1950 m, Kt. BE). Im Fokus standen das Überleben und weitere Fitnessmerkmale der Pflanzen.

© Anne Kempel | Pflanzentransport auf die Schynige Platte.
© Anne Kempel | Pflanzentransport auf die Schynige Platte.

Die Resultate sind alarmierend: Eine Abweichung vom gewohnten Klima verringerte bei den ausgebrachten Arten die Fitness und das Überleben der Pflanzen. Vor allem seltene Arten kamen schlechter mit einer Veränderung des Klimas zurecht. Ohnehin schon seltene Arten könnten demzufolge stark unter der prognostizierten Klimaerwärmung zu leiden haben – ein Ergebnis, welches die Wichtigkeit von Massnahmen für den Erhalt der Biodiversität verdeutlicht und zur Überlegung anregt, in einigen Fällen dem Aussterben von Arten durch Translokation zuvorzukommen.

Erfolgreiche ex situ-Erhaltung und Ansiedlung

In einem weiteren Teilprojekt wurden Samen von über 50 gefährdeten Pflanzenarten in der Schweiz gesammelt. Die meisten dieser Arten wurden in ex situ-Kulturen verschiedener Botanischer Gärten sowie in Samenbanken aufgenommen.

Botanische Gärten sind Hüter der biologischen Vielfalt, und die ex situ-Erhaltung dient auch dem Artenschutz. Zu berücksichtigen ist dabei allerdings immer auch der populationsbiologische Hintergrund und der Erhalt einer möglichst grossen genetischen Vielfalt. Zudem machen Erhaltungskulturen vor allem dann Sinn, wenn sie mit Wiederansiedlungsprojekten verknüpft werden.

© Anne Kempel | Anzucht von Kantigem Lauch für die Wiederansiedlung in der  Möhrigenbucht.
© Anne Kempel | Anzucht von Kantigem Lauch für die Wiederansiedlung in der Möhrigenbucht.

Um die Machbarkeit und die Erfolgsrate von Ansiedlungen gefährdeter Pflanzenarten und zusätzlich die Bedeutung einer hohen genetischen Diversität für den Etablierungserfolg zu untersuchen, führten wir Ansiedlungen für acht gefährdete Pflanzenarten in verschiedenen Kantonen der Schweiz durch. Mit Hilfe lokaler Naturschutzbehörden und Experten suchten wir nach geeigneten Habitaten, die sich in unmittelbarer Nähe zu den Sammelorten befanden. So konnten wir zum Beispiel Pflanzen des Kantigen Lauchs (Allium angulosum) in der Mörigen Bucht (BE) und des Heusenkrauts (Ludwigia palustris) in den Bolle di Magadino (TI) wiederansiedeln.

© Hugo Vincent |Ansiedlung des Kantigen Lauchs in der Mörigen Bucht (BE).
© Hugo Vincent |Ansiedlung des Kantigen Lauchs in der Mörigen Bucht (BE).

Insgesamt knapp 1200 Jungpflanzen brachten wir in geeignete Habitate aus und beobachteten die Überlebensrate der angesiedelten Populationen sowie den Einfluss einer höheren genetischen Diversität. Bisher sind die Ergebnisse vielversprechend: Im zweiten Jahr konnten immerhin 65% der Pflanzen wiedergefunden werden. In Wiedernsiedlungen mit höherer genetischer Diversität war die Überlebensrate der Pflanzen leicht höher. Der Diversitätseffekt war allerdings nicht sehr stark, was vermuten lässt, dass andere Faktoren wie die Habitatqualität eine noch entscheidendere Rolle spielen.

Die Zukunft wird zeigen, ob die Zahl der ausgepflanzten Individuen gross genug war und welche Faktoren langfristig für den Erfolg der Ansiedlungen entscheidend sind. Bereits jetzt lässt sich feststellen, dass Ansiedlungen gefährdeter Arten bei guter Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und lokalen Experten sowie kantonalen und lokalen Institutionen sehr gut möglich sind.

Dieser Artikel erschien zuerst in Hotspot 31/15 „Chancen und Grenzen der Wiederansiedlung von Arten“.

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