© Harald Henkel [CC-BY-SA-2.0], via flickr.com
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Eine unbefriedigende Zwischenlösung

  • Julia Hatzl
  • 2

Der am Donnerstag, 7. September 2017, vom Bundesrat veröffentlichte Aktionsplan zur Strategie Biodiversität wird den grossen Herausforderungen zum Schutz der Biodiversität in der Schweiz nicht gerecht. Die Naturschutzorganisationen BirdLife Schweiz, Pro Natura und WWF Schweiz kritisieren in einer gemeinsamen Medienmitteilung, dass die Massnahmen grosse Lücken aufweisen. Sie seien unzureichend und zu unverbindlich. Die zusätzlich gesprochenen Mittel seien dringend nötig, reichten aber nicht, um auch nur die wichtigsten Massnahmen umzusetzen.

2004 hat das Parlament einen ersten Vorstoss für einen Aktionsplan, der die Biodiversität der Schweiz erhalten und fördern soll, gewagt. Seit der Verabschiedung der Strategie Biodiversität Schweiz durch den Bundesrat hat sich das Bundesamt für Umwelt (BAFU) fünf Jahre Zeit gelassen, eine Lösung zu erarbeiten. Heute nun hat der Bundesrat 27 Massnahmen veröffentlicht, die aus Sicht der Naturschutzorganisationen nicht ausreichend sind.

Das Resultat, auf das Naturschutzorganisationen gewartet haben, ist ernüchternd. «Nach vielen Jahren Erarbeitungszeit des Aktionsplans Biodiversität hat der Berg eine Maus geboren. Die Massnahmen genügen bei Weitem nicht, das Ziel – den Schutz und die Förderung der Biodiversität in der Schweiz – zu erreichen», sagt Friedrich Wulf, Pro Natura Projektleiter Biodiversität. Und er ergänzt, dass in der Zwischenzeit viele Lebensräume zerstört worden und Arten verschwunden seien.

Eine Übergangslösung

Konkret kritisieren die Naturschutzorganisationen Pro Natura, BirdLife Schweiz und WWF Schweiz, dass die 27 Massnahmen den gravierenden Biodiversitätsverlust in der Schweiz längst nicht ausreichend angehen. Ohne Angaben zu Kosten, Verantwortlichkeiten oder Indikatoren sei der Aktionsplan zudem viel zu unverbindlich. In einem in Kooperation mit Verbänden der Zivilgesellschaft ausgearbeiteten Aktionsplan haben die Naturschutzverbände die ihrer Ansicht nach wichtigsten Massnahmen selbst ausgearbeitet (naturschutz.ch berichtete). Stellt man diese zwei Aktionspläne gegenüber, so wird ersichtlich, dass der Aktionsplan des Bundesrates grosse Lücken aufweist. «Was vorliegt, ist ein Plan für einige Bundesämter. Nötig wäre ein Aktionsplan Biodiversität für die Schweiz, in den auch Gemeinden, Wirtschaft und Zivilgesellschaft eingebunden sind», hält Werner Müller, Geschäftsführer von BirdLife Schweiz fest. «Der vorliegende Aktionsplan des Bundesrates ist nur ein erstes, kleines Schrittchen in die richtige Richtung».

«Die Umweltorganisationen sind bereit, den Bundesrat bei den dringenden Sofortmassnahmen zu unterstützen, sehen den jetzigen Plan des Bundesrates aber nur als Wegweiser für eine kurze Übergangsphase, bis ein wirksamer, umfassender Aktionsplan Biodiversität Schweiz beschlossen und umgesetzt wird», betont Müller.

Genügend Mittel bereitstellen

Die biologische Vielfalt der Schweiz hat ein bedenklich tiefes Niveau erreicht. Um die Vielfalt der Lebensräume und Arten zu erhalten und die vielfältigen Ökosystemleistungen für Tourismus, Wirtschaft und Bevölkerung zu sichern, braucht die Schweiz effektive Massnahmen und vor allem genügend finanzielle Ressourcen. Diese müssen durch einen wirksamen Aktionsplan definiert und gesichert werden. Es müssen sowohl wirtschaftliche und persönliche Anreize, aber auch Gesetze entstehen, die eine Änderung der Einstellung aller Sektoren bewirken kann. Andernfalls wird die Schweiz weitere einzigartige Lebensräume und -gemeinschaften verlieren. Noch ist Zeit, dass der Negativtrend gestoppt und umgekehrt werden kann.

Was bisher geschah

  • Mit dem Inkrafttreten des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (Biodiversitätskonvention, CBD) im Jahr 1995 haben sich die Vertragsstaaten verpflichtet, eigenständige nationale Strategien und Aktionspläne zum Schutz der biologischen Vielfalt zu entwickeln. Letztere nimmt in der Schweiz und global bedenklich ab. Massnahmen sind nötiger denn je. Doch die Schweiz lässt sich Zeit.
  • Im Dezember 2004 reicht FDP-Nationalrat Kurt Fluri das erste Postulat für eine Schweizer Biodiversitätsstrategie ein. Es verstreicht weitere Zeit, bis im September 2008 das Parlament vom Bundesrat Strategie und Aktionsplan für die Biodiversität verlangt.
  • Am 25. April 2012 verabschiedet der Bundesrat seine umfassende Strategie Biodiversität Schweiz mit 10 strategischen Zielen, die bis 2020 zu erreichen sind. Er beauftragt das Bundesamt für Umwelt (BAFU), bis im Sommer 2014 einen Aktionsplan mit konkreten Massnahmen zu erarbeiten, dies in Zusammenarbeit mit allen Sektoren und Ebenen.
  • Mit vielen Jahren Verspätung beschliesst der Bundesrat am 6. September 2017 einen zahnlosen Aktionsplan Biodiversität.

Weitere Informationen zu beiden Aktionsplänen finden Sie auf den Webseiten von BirdLife und des Bundes.

2 Kommentare

  • Matthias Gfeller

    …warum ist eigentlich „mountain wilderness schweiz“ (MW) bei dieser Allianz der Naturschutzorganisationen nicht mit von der Partie?

    Antworten
    • Katharina Conradin

      mountain wilderness hat sich bei den Stellungnahmen zum Aktionsplan Biodiversität eingebracht und war auch in die Erarbeitung des Aktionsplans der Zivilgesellschaft involviert. Die Federfühung lag aber bei den grösseren Organisationen WWF, Pro Natura und BirdLife Schweiz. Danke, WWF, Pro Natura und BirdLife!


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