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Ein Urwald in Europa

  • Eliane Küpfer
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Was macht einen Urwald zum Urwald? Eine schwierige Frage, denn in Europa gibt es kaum noch Urwälder. Umso interessanter ist einer der Letzen seiner Art: der Buchen-Urwald Uholka-Schyrokyj Luh in den ukrainischen Karpaten. Mit rund 100 km2 ist er der grösste Buchen-Urwald Europas und eine Schatzkiste für die Wissenschaft.

Drei Jahre nach einer umfassenden Untersuchung des Buchen-Urwalds durch die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL liegen nun die Ergebnisse vor: Die Vielfalt an Waldstrukturen war erstaunlich hoch und die Gesamtzahl der gefundenen Arten an Flechten, Pilzen und Insekten überwältigend.

Dominiert wird der Urwald von der Buche. Lediglich drei Prozent der Bäume sind andere Baumarten wie Ahorn, Weisstanne oder Ulme, schreibt die WSL. Der Wald ist sozusagen ein fast reiner Buchenwald, nicht gerade das was man von einem Urwald erwartet. Erstaunlich ist ausserdem, dass auch in den Bestandeslücken fast nur Buchen nachwachsen. In der Schweiz haben die Forschenden nach dem Sturm Lothar eher Gegenteiliges beobachtet: Häufig hatten sich lichtbedürftige, sogenannte Pionierbaumarten wie Pappeln und Erlen angesamt.

Überrascht sind die Forschenden von der kleinräumigen Vielfalt der Waldstrukturen. Direkt neben Jahrhunderte alten Baumriesen streckt der Jungwuchs seine Kronen dem Licht entgegen. Totholz steht oder liegt in grossen Mengen kreuz und quer zwischen kraftstrotzenden Buchenstämmen. Dennoch: Obwohl sich das Waldbild innerhalb weniger Meter komplett wandelt, wirkt es über grosse Flächen erstaunlich homogen. In bewirtschafteten Schweizer Wäldern ist es meist gerade umgekehrt. Überwältigend war zudem die biologische Vielfalt an Flechten, Pilzen und Insekten. Die Forschenden entdeckten einige für die Ukraine neue Arten und fanden in grosser Zahl sogenannte Urwaldreliktarten, die auf urwaldtypische Strukturen angewiesen sind.

Für den Naturschutz und die Waldwirtschaft in der Schweiz können die neu gewonnen Informationen wertvoll sein. Der ukrainische Urwald bietet nicht nur die Chance, die natürliche Lebensabläufe zu untersuchen. Er zeigt auch, was unter natürlichen Bedingungen an Struktur- und Artenvielfalt in einem Schweizer Wald zu erwarten wäre. Das kann zum einen helfen die Auswirkungen verschiedener Nutzungs- und Bewirtschaftungsformen auf die Walddynamik besser beurteilen zu können. Der Natur- und Artenschutz wiederum kann von den neuen Erkenntnissen profitieren, um die Biodiversität zu fördern, neue Naturwaldreservate auszuscheiden und ökologische Standards im bewirtschafteten Buchenwald zu formulieren.

Vor allem in Zeiten des Klimawandels ist dies von grosser Bedeutung, denn in den kommenden Jahrzehnten dürften Buchenwälder im Schweizer Mittelland und in den tiefen und mittleren Lagen der Voralpen häufiger werden.

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1 Kommentar

  • Peter Voser

    Wunderbar muss dieser Buchenwald sein und spannend der Bericht dazu. Und wie steht es mit den „Urwäldern“ ausserhalb der Buchen? Etwas in der Puscza Bialowieska von Polen, wo uns der damalige Stadtforstmeister Speich hinführte. Dort ist die Baumartenvielfalt enorm gross. Und die Waldbilder mit den unvergesslichen Baumriesen überwältigen, wenn man nur die Wälder Mitteleuropas kennt.

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